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IX. Jahrgang. No. 85. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. jur. O. Hammann. Berlin, Dienstag, den 28. Oktober 1890.

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bisher überall, wo er in die Oeffentlichkeit trat, durch die Eigenheit, Selbständigkeit und zugleich Tiefe der Gedanken einen mächtigen Eindruck erzielte, hat es verstanden, den großen Feldherrn in einer Weise zu ehren, für welche nicht nur kein Vorbild in der Vergangenheit vorhanden ist, sondern die auch in ihrer Bedeutung dem seltenen Manne und der seltenen Feier voll gerecht wird. Indem der Monarch sich für den einen Tag des Vorrechts begab, von den Fahnen seines Gardecorps umgeben zu sein, und indem er zugleich die Heerführer aus dem großen Kriege, die Kampfgenossen des Feldmarschalls und die höchste Generalität des deutschen Heeres zu einer Huldigung für ihn um sich versammelte, gab er dem greisen Feldherrn einen Tribut, dessen Größe jedes Soldatenherz verstehen und es höher schlagen machen wird. Die Achtung, Ehrerbietung und Dankbarkeit, für welche der Kaiser dem Feldmarschall als sinniges Zeichen auch einen kostbaren Marschallstab überreichte, hätten in der That keinen deutlicheren und herzlicheren Ausdruck finden können: es war für den greisen Marschall vielleicht der schönste Lohn für das, was er seinen Königen und seinem Vaterlande hat leisten können. In der Brust eines jeden Deutschen wird gerade diese Art der Anerkennung, welche der Fürst seinem bewährten Diener zu Theil werden ließ, einen mächtigen und dankbaren Widerhall finden.

Aber auch die feierlichen Kundgebungen aller Schichten, Stämme und Parteien des Volks für den Helden des Tags dürfen als eine wahrhaft erhebende Bethätigung des Geistes nationaler Eintracht dankbar begrüßt werden Die Moltke-Feier hat auf dem Grunde des deutsch-nationalen Bewußtseins eine Einigkeit und Einmüthigkeit an den Tag gelegt, wie sie bisher nur immer in den großen Momenten des Lebens der Nation, seitdem sie geeinigt, hervorgetreten ist. Aller Parteihader verstummte, Fürsten und Volk fühlten sich verbunden in dem Gedanken der Verehrung und Dankbarkeit für den „Mitbegründer und Mitschmieder des Deutschen Reichs". Die zahllosen Adressen, die Ernennungen zum Ehrenbürger seitens zahlreicher Städte, die festlichen Veranstaltungen in militärischen wie bürgerlichen Kreisen, die Feierlichkeiten in sämmtlichen Schulen Deutschlands legen nicht nur Zeugniß davon ab, daß die Nation die tiefste Dankbarkeit für diejenigen empfindet, welche das Deutsche Reich ihm geschaffen, sondern daß das nationale Bewußtsein in voller Kraft und Stärke fortbesteht. Dies ist eine Bürgschaft dafür, daß, wo und wenn immer seine Bethätigung geboten erscheint, es sich ebenso stark und kräftig entfalten wird, als in jenen Tagen, da es durch Herausforderung plötzlich in die Erscheinung trat und sich mächtig entfaltete und unüberwindlich gestaltete.

So wird die Bedeutung des hinter uns liegenden Festes hoffentlich dauernd und fruchtbringend sein. Dem greisen Feldherrn, der die deutschen Heere von Sieg zu Sieg geführt, war es beschieden, alle Schichten und Stämme des deutschen Volks in einer friedlichen Kundgebung um sich als Mittelpunkt vereinigt zu sehen und es zu erleben, welche hundertfältigen hoffnungsreichen Früchte aus der blutigen Saat seines Schwertes hervorgegangen sind. Die Moltke-Feier hat Deutschland unter seinem Kaiser und seinen Fürsten geeinigt gesehen; das Band, welches aus diesem festlichen Anlaß von Neuem sich knüpfte, wird sich – des sind wir gewiß – auch in alle Zukunft bewähren.


Moltkes Ehrentag ist am Sonntag im ganzen Deutschen Reiche, in dem verbündeten Auslande, in der Fremde, wo Deutsche wohnen, überall festlich und würdig begangen worden.

Zur Vorfeier hatte am Sonnabend Abend die Berliner Bügerschaft einen Fackelzug dargebracht, an dem mindestens 20 000 Personen Theil nahmen. Dem Zuge der Künstler, welcher etwa die Mitte des Gesammtzuges bildete, zogen drei berittene Herolde voran. Ihnen folgte ein Viergespann mit dem Siegeswagen, auf welchem die Victoria einherzog. Herolde bildeten den Uebergang zu dem Huldigungswagen, der von 6 Pferden gezogen wurde. Auf diesem Wagen war die „Kriegswissenschaft" verkörpert, eine überlebensgroße Figur, auf einem Löwen sitzend. Die Gruppe war das Werk der Bildhauer Fritz Kliemsch und Otto Stichling. Dann folgten drei allegorische Gestalten: In der Mitte die „Kunst", zu beiden Seiten „Handel" und „Industrie". Die Hauptfigur des Wagens bildete die Gestalt der „Germania", umgeben von der „Kraft" und der „Gerechtigkeit". Rings um den Huldigungswagen gruppirten sich die

kostümirten Akademiker zu Fuß und zu Pferde; es waren in diesen Gruppen deutsche Kostüme aus allen Jahrhunderten vertreten. Besonderes Aufsehen erregten die Riesengarde und die Lützower Jäger, ferner die Kreuzritter, Landsknechte, alte Germanen, Wallensteiner und Andere. Die Farben des Feldmarschalls, silber und weiß, waren im Zuge vorherrschend verwendet.

Anderthalb Stunden hindurch zogen Schaaren auf Schaaren jubelnd vorüber; dreimal machte der Zug Halt. Das erste Mal hielt der Vorsitzende des Comités, Kaufmann Rappo, eine Ansprache und überreichte einen auf sammenem, mit dem Moltke'schen Wappen besticktem Kissen ruhenden silbernen Lorbeerkranz, worauf Graf Moltke Folgendes erwiderte:

„Diese Gesinnung der Bürgerschaft, welcher Sie so beredte Worte geliehen, macht mich stolz und froh. Der gewaltige Aufschwung, den Berlin genommen hat, datirt von der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches, dem großen Werk unseres großen Kaisers Wilhelm. Wenn Sie so freundlich sind, mir einen Antheil an diesen Erfolgen zuzuschreiben, welche dahin geführt haben, so vergesse ich nicht, daß ich treue, kluge und tapfere Gehülfen zur Seite gehabt habe; vor Allem vergesse ich nicht der Braven, die ihre Treue für das Vaterland mit dem Tode besiegelt haben. Ich möchte allen meinen Mitbürgern meinen herzlichen Dank aussprechen für die glänzende Kundgebung ihres Wohlwollens."

Während des Vorbeimarsches war die Victoria auf der Siegessäule von der Ferne her durch einen mächtigen Strahl elektrischen Lichts beleuchtet.

Am Sonntag erschienen zuerst sämmtliche Träger des Namens Moltke zur Gratulation, darauf der Generalstab unter Führung des Grafen Waldersee. Dann nahm vor dem Generalstabsgebäude das Kadettencorps aus Lichterfelde Aufstellung. Graf Moltke trat heraus und schritt die Front ab, vom zudrängenden Publikum jubelnd begrüßt.

Um 11½ Uhr trafen der König von Sachsen, die General-Inspecteure der Armee-Inspectionen, der Reichskanzler, der Kriegsminister, die General-Inspecteure ein.

Um 11¾ Uhr fuhr der Kaiser bei dem Generalstabsgebäude vor. Se. Majestät schritt alsbald die Front des Kadetten-Corps ab, begab Sich sodann die Treppe hinauf und ließ die Fahnen-Compagnie und Standarten-Escadron, welche inzwischen unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches vor dem entblößten Hauptes auf dem Balkon weilenden Feldmarschall defilirt hatten und eingerückt waren, vor dem zu der Wohnung des Jubilars führenden Eingange passiren. Oben im Saale begrüßte der Kaiser die Fürstlichkeiten und die Generalität.

Alsdann traten die Träger der Fahnen und Standarten in denselben Saal ein und nahmen daselbst den kommandirenden Generalen gegenüber Aufstellung. Die General-Adjutanten, General der Kavallerie Graf von Waldersee und General-Lieutenant von Wittich begaben sich darauf als Ehrendienst in die Privatgemächer des General-Feldmarschalls und geleiteten ihn vor den Kaiser, welcher an den Feldmarschall folgende Ansprache zu richten geruhte:

Mein lieber Feldmarschall!

Ich bin am heutigen Tage mit erlauchten Herren und den Führern Meines Heeres gekommen, um Ihnen unsere herzlichsten und tiefgefühltesten Glückwünsche auszusprechen. Der heutige Tag ist für uns ein Tag des Zurückblickens und vor allen Dingen ein Tag des Dankes. Zunächst spreche ich Meinen Dank aus im Namen derjenigen, die mit Ihnen zusammen geschaffen und gefochten haben und die dahin gegangen sind, deren treuester und ergebenster Diener Sie aber gewesen. Ich danke Ihnen für Alles, was Sie für Mein Haus und damit zur Förderung der Größe unseres Vaterlandes gethan. Wir begrüßen in Ihnen nicht nur den preußischen Führer, der unserer Armee den Ruhm der Unüberwindlichkeit geschaffen hat, sondern den Mitbegründer und Mitschmieder unseres Deutschen Reiches. Sie sehen hier hohe und erlauchte Fürsten aus allen Gauen Deutschlands, vor Allen des Königs von Sachsen Majestät, der, ein treuer Bundesgenosse Meines Großvaters, es sich nicht hat nehmen lassen, Ihnen persönlich seine Anhänglichkeit zu bezeigen. Alles erinnert an die Zeit, wo er mit Ihnen für Deutschlands Größe hat fechten dürfen.

Die hohen Auszeichnungen, die Mein verblichener Großvater Ihnen schon hat zu Theil werden lassen, haben Mir nichts mehr übrig gelassen, um Meinen Dank Ihnen persönlich noch besonders bezeugen zu können; also bitte Ich Sie, eine Huldigung von Mir annehmen zu wollen, die einzige, die Ich in Meinen jungen Jahren Ihnen darbringen kann.

Das Vorrecht des Monarchen ist es, seine Fahnen, die Symbole, zu denen sein Heer schwört, die seinem Heere voranfliegen und die seines Heeres Ehre und seines Heeres Tapferkeit in sich verkörpern, bei sich im Vorzimmer stehen zu haben. Dieses Rechtes begebe Ich Mich mit besonderem Stolze für den heutigen Tag und bitte Sie, den Fahnen Meiner Garden, die so oft unter Ihnen in so manchem heißen Strauß geweht haben, bei sich Aufnahme gestatten zu wollen. Es liegt eine hohe Geschichte in den Bändern und zerschossenen Fetzen, die hier vor Ihnen stehen, eine Geschichte, die zum größten Theil von Ihnen ge-

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