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III. Jahrgang. No. 89. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Freitag, den 29. August 1884.

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machten Ausstellungen endlich hat der Minister als größtentheils auf Mißverständnissen beruhend, widerlegt. Da indessen nicht zu verkennen ist, daß jene Mißverständnisse und die daran geknüpften Wünsche und Anträge in dem Wortlaut von Nr. 19 der allgemeinen Verfügung vom 15. October 1872 einen Anhalt finden, so hat der Kultusminister, um jede Zweifel für die Zukunft auszuschließen, eine Erläuterung zu dem betr. Paragraphen gegeben, ohne indessen die bisherigen Bestimmungen dem Inhalte nach abzuändern.


Ueber „Deutschlands erste Kolonie" lesen wir in der „Kölnischen Zeitung" Folgendes:

„So wäre denn der erste Anfang der Gründung deutscher Kolonien gemacht. Kamerun und Lüderitzland – wie wir statt der nicht ganz zutreffenden portugiesischen Bezeichnung Angra Pequenna sagen wollen – sind nicht mehr blos Besitzungen deutscher Bürger, sondern sind deutsches Kolonialland, seit das Deutsche Reich durch feierlichen Akt die Oberhoheit und den Schutz derselben übernommen hat. Dort vollzog diesen Akt S. M. S. „Möwe", hier S. M. S. „Leipzig". Wir begrüßen die erste Kolonialgründung, so klein sie zur Zeit noch ist, freudigen Herzens; sie ist eine That von großer wirthschaftlicher und nationaler Bedeutung, ein Anfang freilich nur, aber hier war gerade der Anfang schwieriger als irgendwo. Die Rechtlichkeit und strengste Redlichkeit, die bei Gründung dieser Kolonien von Seiten Deutschlands gewaltet hat, können selbst Diejenigen nicht umhin anzuerkennen, die es mit Neid und Mißgunst sehen, daß Deutschlands Flagge nun auch überm Meere, in einem andern Welttheil weht. Mancher Deutsche wird erstaunt gewesen sein, gelegentlich der Erörterungen in den Zeitungen über die westafrikanischen Kolonisationspläne zu erfahren, wie viel deutsches Kapital, deutscher Unternehmuungsgeist und arbeitende deutsche Hände sich seit Jahren in jenen entlegenen Küstenstrichen befinden, von denen wir nur sehr lückenhafte Kenntniß besaßen. Es kann dem Deutschen Reich wahrlich der Vorwurf nicht gemacht werden, daß es mit staatlichen Mitteln künstliche Kolonialpflänzchen züchten wolle; im Gegentheil, die deutschen Kolonien waren thatsächlich da, lange ehe das Reich sich um sie kümmerte. Es bedarf aber nicht der Erwähnung, daß in einem Lande, wo alle europäischen Unternehmungen, um sich vor den wilden wie vor den civilisirten Nachbarn die nöthige Achtung zu verschaffen, nöthigenfalls Gewalt der Waffen zur Verfügung haben müssen, jeder Kaufmann und jeder Ansiedler schließlich genöthigt ist, sich unter den Schutz eines großen, im Rathe Europas Geltung besitzenden Staates zu stellen. Und so leben in Afrika wie in allen Welttheilen längst Deutsche unter britischer, französischer, spanischer Oberhoheit. Diejenigen Deutschen nun, die bisher ihre eigenen Herren gewesen waren, eine fremde Schutzherrschaft nicht genossen und doch das Bedürfniß empfanden, sich unter stärkeren Schutz zu stellen, sahen sich vor der Frage, welchen Staat sie um diesen Schutz angehen sollten. Und naturgemäß mußten sie beim eigenen Vaterlande den besten Schutz zu finden hoffen, seit dieses Vaterland nach langem vergeblichen Streben endlich in die Lage gekommen ist, diesen Schutz zu gewähren. Das Deutsche Reich aber durfte seinen Kindern diesen Schutz füglich nicht versagen, und so hat es ihn, recht im Sinne des ganzen deutschen Volkes handelnd – die Handvoll deutschfreisinniger Parlamentarier ist lediglich eine bestätigende, wenn auch diese Sorte von Liberalismus entehrende Ausnahme –, gewährt: Kamerun und Lüderitzland sind deutsch. Wie gewissenhaft aber Fürst Bismarck vorgegangen ist, um alle etwaigen Verwicklungen unmöglich zu machen, erhellt aus der Thatsache, daß er, bevor er Lüderitzland unter deutschen Schutz nahm, den Engländern acht volle Monate Zeit ließ, um einen Lüderitz entgegenstehenden englischen Rechtsanspruch ausfindig zu machen. Und nach acht Monate langem Suchen mußte England endlich zugestehen, daß es keine Ansprüche habe. Auf Kamerun find gleicherweise von keinem anderen Lande Ansprüche vorhanden. Ueber die Größe beider Kolonien liegen genaue Nachrichten nicht vor, beide aber haben herrenloses Hinterland, so daß die Ausdehnung derselben für absehbare Zeit keinerlei ernstliche Schwierigkeiten finden kann. Beide Kolonien aber sind in ihrer landschaftlichen Beschaffenheit sehr verschieden. Während Lüderitzland 26 Grad südlich des Aequators der Küste zu meilenweit aus wüsten Sandhügeln besteht und als Ackerbankolonie nur in sehr beschränktem Maße in Betracht kommt, ist das nur 4 Grad nördlich vom Aequator abliegende Kamerun ganz außerordentlich fruchtbar, gilt in gesundheitlicher Beziehung für einen Kurort allerersten Ranges, hat eine Hafenbucht, die zu den landschaftlich schönsten Punkten der Erde zählt, und vortreffliche Ankerplätze. Kamerun sollte weitaus die werthvollste Besitzung an der ganzen Küste sein, und schon heute kann man feststellen, daß wir von allen Völkern um diesen Besitz beneidet werden, umsomehr, da unsere Erwerbung so ganz und gar unanfechtbar ist. Für heute wollen wir uns in nähere Schilderungen der Erwerbungen nicht einlassen, deren Ausdehnung wir zunächst noch nicht kennen, die aber mit Kamerun schwerlich abgeschlossen sind; wir wünschen dem Deutschen Reiche Glück, daß sein Kanzler ihm auch auf diesem so wichtigen Gebiete in den Sattel geholfen hat und seine unübertroffene Staatskunst auch hier glänzend bewies, indem er mit kleinsten Mitteln zu Großem den Grundstein legte, ohne dem Reich selber die mindesten Opfer noch Gefahr

zuzuziehen. Die Geschichte erst wird einst diese That des Fürsten Bismarck in ihrer ganzen Größe und Tragweite beurtheilen können. Uns erfüllt es mit Genugthuung und Stolz, daß auch hier der richtige Gedanke des großen Kurfürsten, den durchzuführen das später von allen Seiten gehetzte Preußen die Kraft nicht besaß, vom Deutschen Reiche aufgenommen und zur That gemacht wurde. Wo Deutschlands Banner wehen, da sind der Deutschen Herzen; und wie diese Herzen in Sorgen und Bangen, aber in Muth und Hoffnung den deutschen Fahnen auf die fremden Schlachtfelder folgten, so folgen sie ihnen mit Stolz und Vertrauen an die Küsten Afrikas. Mögen unsere Fahnen dort wehen für und für, dem Reich und seinen Kindern zum Segen und zum Ruhm!"


Da die Deutsch-Freisinnigen in der gegenwärtigen Wahlagitation bereits wieder angefangen haben, ihr altes Steckenpferd zu reiten, und den Wählern aufs Neue aufzubinden, daß die gegenwärtige Wirthschaftspolitik dem „armen Manne" die unentbehrlichsten Lebensmittel unzugänglich mache oder vertheuere, so verdient wohl folgender Artikel der „Nordd. Allg. Zeitung", welcher sich insbesondere mit dem amerikanischen Speck beschäftigt und die widersinnigen und unwahren Behauptungen der Freisinnigen in schlagender Weise und auf Grund von Thatsachen widerlegt, eine weitere Verbreitung:

„Als vor zwei Jahren sich ein erheblicher Rückgang in der Einfuhr und dem Consum des damals noch nicht verbotenen amerikanischen Specks bemerkbar machte, waren bekanntlich die Freihändler mit der Klage rasch bei der Hand, der Eingangszoll sei es, welcher dem armen Manne den Genuß der amerikanischen Fleischwaaren verbiete. Damals war es die Harburger Handelskammer, welche in ihrem Jahresbericht mit trockenen, aber schlagenden Zahlen nachwies, daß der kleine Zollaufschlag, welcher stattgefunden hatte, dabei gar nicht in Betracht komme, daß vielmehr die Konjunkturen an der amerikanischen und an der Hamburger Börse die erheblichsten Preisschwankungen, oft um 40 bis 50 pCt., verursachten, was ein belangreiches Einfuhrgeschäft nach Deutschland unmöglich mache. Solche Preise, wie sie schon im Zollauslande bestehen, kann, wie der Handelsbericht richtig hinzufügte, der Arbeiter, welcher der Hauptkonsument jener Waaren ist, nicht zahlen.

„Als dann ein Jahr später das Verbot der Einfuhr von amerikanischem Speck erfolgte, da war der Jammer in der freihändlerischen Presse auf's Neue groß, denn nun wurde dieses unentbehrliche und herrliche Nahrungsmittel dem „armen Manne" ganz entzogen. Daß Letzterer von der durch auswärtige Börsenspekulation vertheuerten und im Vergleich zum inländischen Produkt schlechten und gesundheitsgefährlichen Waare schon so nichts mehr wissen wollte, das verschwieg man klüglich; aber man nahm keinen Anstand, dem Verbot die versteckte Absicht der Regierung unterzuschieben, dem Schweinezucht treibenden deutschen Landmann durch Schädigung des ausländischen Konkurrenten unter die Arme zu greifen, was ja in den Augeu eines echten Manchestermannes ein Kapitalverbrechen ist. Der einzige Trost war damals, daß, ehe das Verbot in Kraft trat, noch ungeheuere Mengen amerikanischer Fleischwaaren ins Zollgebiet hineingeworfen werden konnten. Würden diese auch bei dem vorauszusehenden rapiden Abgang der Waare nicht lange vorhalten, einstweilen war doch der arme Mann mit seiner Lieblingsspeise noch versorgt und – was die Hauptsache war – die amerikanischen Lieferanten und deutschen Börsenspekulanten machten noch einmal ein recht gewinnbringendes Geschäft.

„Aber, o weh! Wiederum ist es die aufrichtige Harburger Handelskammer, welche diese Illusionen zerstört und die wahre Sachlage an den Tag bringt. Ihr diesmaliger Jahresbericht theilt mit, daß die im vorigen Jahre, mit Rücksicht auf das bevorstehende Verbot, nach dem Zollverein geworfenen großen Lager von amerikanischem Speck den Artikel so verlustbringend gestaltet haben, daß schon jetzt ein Rückgang von 10 Mark pro Zentner anzunehmen sei. Der deutsche Konsument ziehe, sagt der Bericht, das jetzt auch sehr billige inländische Product gern vor, und bei dem natürlichen Qualitäts-Rückgange des alten amerikanischen Specks sei dieser fast unverkäuflich geworden. Der Handel mit inländischen Schweinen habe zwar einen ganz bedeutenden Umfang gewonnen; die Preise seien aber gegen die Vorjahre um 20–25 pCt. heruntergegangen, so daß die Landwirthe, welche sich mit Schweinemast beschäftigen, mit Schaden verkaufen müßten.

„Also die vor dem Eintritt des gedachten Verbots errichteten Lager von amerikanischem Speck sind noch immer nicht geleert, die Waaren drohen zu verderben und sind fast unverkäuflich?! O des schnöden Undanks von Seiten des „armen Mannes"! Da wird doch wohl den Herren vom Manchesterthum die Neigung vergehen, im Parlament und in der Presse mit dem Brustton tiefster sittlicher Entrüstung für die Aufhebung des Verbots einzutreten. Jedenfalls wird aber nach dieser Enthüllung der Harburger Handelskammer bei der jetzt eben im Gange befindlichen Agitation für die Reichstagswahlen der amerikanische Speck aus der Reihe der Lebensbedürfnisse gestrichen werden müssen, welche nach der Behauptung der Deutsch-Freisinnigen die Wirthschaftspolitik der Regierung dem armen Manne entzogen oder verkürzt haben soll."

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