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IV. Jahrgang. No. 14. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 3. Februar 1885.

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haben. Das Verfahren ist durchsichtig und wird Niemanden im Volke darüber täuschen, wer es schließlich war, der das Gesetz nach bekannter fortschrittlicher Manier geköpft hat.


Die Einnahmen aus den Zöllen und Verbrauchsteuern befinden sich in steigender Bewegung. In der Zeit vom 1. April 1884 bis Ende Dezember 1884 hat sich im Vergleich zu demselben Zeitraume des Vorjahres die Einnahme aus den Zöllen, der Tabacksteuer, der Salz-, Branntwein- und Brausteuer (nebst Uebergangsabgaben), dem Spielkartenstempel und den Stempelabgaben für Werthpapiere wesentlich erhöht, und nur die Rübenzuckersteuer hat einen Rückgang aufzuweisen; ein kleiner Rückgang ergiebt sich auch bei der Wechselstempelsteuer. Das Mehr aus den zur Reichskasse gelangten Einnahmen gegenüber den Einnahmen des in dem gleichen Zeitraum Vorjahres beträgt 12 108 812 M. und nach Abzug des Ausfalls aus der Rübensteuer im Betrage von 8 957 392 = 3 151 420 M. Besonders stark ist die Zunahme der Einnahme aus der Branntweinsteuer und Uebergangsabgabe von Branntwein = 2 390 395 M., ferner aus der Brausteuer = 667 865 und aus den Zöllen = 8 141 795 M. Das spricht nicht für die Wahrheit der „freisinnigen" Behauptung von dem wirthschaftlichen Rückgang, wohl aber dafür, daß die wirthschaftlichen Verhältnisse sehr gute wären, wenn die Rübenzuckerindustrie und die Landwirthschaft nicht darniederlägen.


Die vor einiger Zeit von den Blättern gebrachten Mittheilungen über eine Deutsche Besitzergreifung an der Sierra-Leone-Küste in Afrika werden jetzt durch den Brief eines deutschen Lootsen in Sierra-Leone an den „Hannoverschen Courir" bestätigt. Diesem Briefe zufolge fuhr Corvetten-Capitän Chüden von S. M. Schiff „Ariadne" am 1. Januar an Bord eines Privatdampfers „Susu" den Bramiahfluß hinauf, um dem Könige Wiltiam Fernandez einen Besuch zu machen. „Wir wurden, so heißt es in dem Brief, freudig von ihm begrüßt und empfangen – er hielt eine lange Ansprache an den Capitän Chüden, in der er seine Freude zu erkennen gab, daß nun endlich sein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen würde, „sein Land unter deutschen Schutz gestellt zu sehen." Er gab zu, schon vor einigen Jahren Verträge provisorischer Art mit Frankreich abgeschlossen zu haben, wollte sich jedoch nicht länger an dieselben binden. Von seiner Seite war also alles in Ordnung. Nun war aber die Frage: „Können die vorherigen Verträge übergangen oder umgestoßen werden; sind dieselben rechtskräftig oder nicht!" Um die nöthige Ueberzeugung davon zu erlangen, mußten dieselben zur Stelle geschasst werden, und nicht ohne Mühe, Zeitverlust und Zank zwischen dem König und seinem Secretär wurden die Verträge endlich um 12 Uhr Nachts hervorgeholt. Der letzte Vertrag datirte vom 4 September 1884 und war in einer solchen Weise abgefaßt, daß auch kein Haar gefunden werden konnte – er war vollständig giltig und regelrecht. Wir mußten also darauf verzichten, die deutsche Flagge im Bramiah wehen zu sehen. Wir gingen alle wieder an Bord der „Susu", und um 4 Uhr Morgens dampften wir den Fluß wieder hinunter bis nahe der Mündung, wo am südöstlichen Ufer ein kleiner Nebenfluß von geringer Tiefe, der Yatia, mündet; hier schifften die Officiere wieder aus und gingen per Ruderboot den Yatia hinauf bis zur Stadt gleichen Namens, der Hauptstadt und Residenz des Königs von Capitay „Alkali Bangaly". Hier hatten wir mehr Erfolg: um 6 Uhr Abends wurde die deutsche Flagge aufgezogen bei Anwesenheit des Königs, der Officiere und gegenwärtigen Matrosen der „Ariadne" und einer Menge Volkes. Dann folgte ein Tanz der Eingeborenen und die Sache war beendet. Capitay ist jetzt deutsches Eigenthum des Hauses F. Colin in Stuttgart. Es ist ein fruchtbares Land mit schönen hohen Bergen und von zwei schiffbaren Flüssen begrenzt dem Dubrica und Bramiah."


Dem Abgeordnetenhause ist eine Vorlage wegen Erweiterung und Vervollständigung des Staatseisenbahnnetzes zugegangen, durch welche im Ganzen 60 700 000 Mk. für diese Zwecke verwendet werden sollen. Die einzelnen Forderungen sind in Kürze folgende: I. Zur Herstellung von Eisenbahnen und der durch dieselbe bedingten Erweiterung des Fuhrparks der Staatsbahnen und zwar: a) zum Bau einer Eisenbahn: 1) von Hildesheim nach Braunschweig die Summe von 3 500 000 M., 2) von Hochneukirch nach Grevenbroich die Summe von 1 150 000 M., 3) von Oppeln nach Namslau die Summe von 3 400 000 M., 4) von Glatz nach Rückers die Summe von 1 580 000 M., 5) von Rogasen nach Inowrazlaw die Summe von 6 610 000 M., 6) von Deutsch-Krone nach Kallies die Summe von 3 100 000 M., 7) von Löwenberg nach Templin die Summe von 2 115 000 M., 8) von Stralsund nach Rostock mit Abzweigung von Velgast nach Barth die Summe von 4 606 000 M., 9) von Neustadt a./D. über Meyenburg bis zur

Landesgrenze die Summe von 3 800 000 M., 10) von Hannover nach Visselhövede die Summe von 5 100 000 M., 11) von Fulda nach Gersfeld die Summe von 1 280 000 M., 12) von Warburg nach Arolsen die Summe von 2 490 000 M., 13) von Wissen nach Morsbach die Summe von 858 000 M., 14) von Schee nach Silschede die Summe von 950 000 M., b. zur Beschaffung von Betriebsmitteln: die Summe von 8 945 000 M., zusammen 49 484 000 M. II. Zur Anlage des zweiten Geleises auf den nachstehend bezeichneten Strecken und zu den dadurch bedingten Ergänzungen und Geleisveränderungen auf den Bahnhöfen: 1) Weißenfels-Prittitz nebst Herstellung einer Kreuzungsstation zwischen Zeitz und Krossen und von Geleiserweiterungen auf den Bahnhöfen Weißenfels, Luckenau und Zeitz die Summe von 1 140 000 M., 2) Eichenberg-Leinefelde die Summe von 1 180 000 M., 3) Bodenfelde-Hardegsen die Summe von 800 000 M., 4) Lauenbrück-Buchholz die Summe von 680 000 M., 5) Homburg v. d. H.-Oberursel die Summe von 340 000 M., 6) Plettenberg-Grevenbrück die Summe von 575 000 M., 7) Bönen-Hamm die Summe von 326 000 M., 8) Sterkrade-Wesel die Summe von 475 000 M. Zusammen 5 516 000 M. III. Zu nachstehenden Bauausführungen: 1) Für die Erbauung eines Geschäftsgebäudes für die Königliche Eisenbahn-Direktion in Bromberg die Summe von 1 450 000 M. 2) für die Erbauung eines definitiven Empfangsgebäudes auf dem Bahnhofe Kreiensen die Summe von 750 000 M., 3) für die Umgestaltung der Bahnhofsanlagen zu Münster in Westfalen die Summe von 3 500 000 M., zuammen 5 700 000 M., insgesammt 60 700 000 Mark.


Wie wir einem vorläufigen Berichte der Kieler Handelskammer entnehmen, war das Jahr 1884 für die Fischerei des Bezirkes, welche ihren Hauptsitz in Ellerbeck hat, – hier allein wohnen 58 Fischerfamilien – nur theilweise befriedigend. Die Buttfischerei gestaltete sich recht einträglich, dagegen war die Zeit des Sprottfanges, des Anfangs November eintretenden Frostes wegen, zu kurz. Doch erwiesen sich die gefangenen Sprotten an Größe wie an Güte ausgezeichnet. Der Ertrag an Häringen war nur mittelmäßig, der Dorschfang blieb sehr flau. Dasselbe gilt vom Aalfang. Lohnender machte sich die Krabbenfischerei, die jetzt wieder lebhafter betrieben wird, als vor einigen Jahren. Die aufgezogenen Seemuschel-Pfähle zeigen sich sehr gut besetzt und liefern befriedigende Erträge. Die an Ort und Stelle gefangenen Häringe und Sprotten gehen zum großen Theile in die Hände der in Ellerbeck, Gaarden und Kiel ansässigen Fischräucherer und Exporteure über, können jedoch deren Bedarf bei Weitem nicht decken, weshalb eine ziemlich bedeutende Zufuhr von fremden Fangplätzen erfolgt. Im Frühjahr werden Häringe aus den Beltplätzen und von Kopenhagen, Sprotten aus Flensburg, Apenrade und Eckernförde, im Winter Häringe aus Jütland und Schweden bezogen. Außerdem kommen im Sommer aus Norwegen und Schweden größere Mengen Makrelen und grüne Aale. Die Räucherer, welche ihre Hauptthätigkeit von August bis Mai entfalten, haben ein besseres Resultat erzielt als die Fischer, da die fremde Zufuhr beträchtlich und daher das Geschäft regelmäßig war. Ganz bedeutend gestaltete sich das Versandgeschäft, welches weit über die Grenzen Deutschlands hinausgeht. – Ueber einen andern specifisch holsteinischen Artikel, die Butter, meldet derselbe Bericht, daß die Butterproduktion zu Anfang des Jahres unter den Einwirkungen der vorjährigen schlechten Heuernte litt. Der Minderertrag an Winterbutter wurde indessen mehr als reichlich in der Grasperiode ausgeglichen. Feine Butter bildete das ganze Jahr hindurch einen gesuchten Artikel; zeitweilig, zumal im Herbste, genügten die Lieferungen nicht für die Ausführung der vorliegenden Aufträge. Trotzdem war der Geschäftsgang nicht günstig, da hohe Qualitätsanforderungen in Verbindung mit den zeitweilig sehr getriebenen Preisen denselben erschwerten. Die feine Winterwaare fand in England willigen Absatz, während es dort an Absatz für die Sommerbutter fehlte. Dagegen erfreute sich Stoppelbutter eines lebhaften und anhaltenden Begehrs. Das Geschäft in präservirter Butter, welches seinen Hauptabsatz in tropischen Ländern sucht, konnte nur mit Anstrengung und durch die bewährte Qualität gegen die gesteigerte Mitbewerbung namentlich französischer und holländischer Waaren das Absatzfeld behaupten.


In der afrikanischen Conferenz wurde am Sonnabend die Declaration über den dritten Punkt des Conferenzprogrammes nach der von der Commission vorgeschlagenen Fassung angenommen. Es erübrigt nur noch, eine Form zu finden, in welche die Gesammtbeschlüsse der Conferenz zu kleiden sind. Mit dieser Aufgabe ist zunächst wieder die Commissiion betraut worden.


Verantwortlicher Herausgeber Dr. H. Klee, Berlin W., Mauerstr. 2. – Im Selbstverlag des Herausgebers. – Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei, Berlin, Stallschreiberstr. 34. 35.

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