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VI. Jahrgang. No. 14. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Donnerstag, den 3. Februar 1887.

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daß die Reichslande keinen Krieg wünschen. Wer den Frieden wolle, müsse auch das Septennat gut heißen. Hoffentlich beherzigt die dortige Bevölkerung die Mahnung des Staatssecretärs von Hofmann und giebt am 21. Februar ein Votum für den Frieden ab. Der Staatssecretär legte offen dar, daß uns die nächste Zeit einen namentlich für die Reichslande verheerenden und folgenschweren Krieg bringen könne.

Aus dem Auslande.

Die Verhältnisse in Frankreich stehen nach wie vor, wie man zu sagen pflegt, „auf der Kippe." Auch in den letzten Tagen war wieder von der Möglichkeit eines Sturzes des gegenwärtigen Cabinets die Rede, und nur die Erwägung, daß in diesen Sturz General Boulanger hineingezogen würde, scheint die Kammer von Abstimmungen zurückgehalten zu haben, welche eine solche Wendung hätten herbeiführen müssen. Auf der anderen Seite ist in Paris die Frage, ob Boulanger beseitigt werden solle oder nicht, zu einer brennenden geworden. Unstäte Gerichte schwirren umher, daß sich hinter den (parlamentarischen) Coulissen gegen ihn eine große Unzufriedenheit bemerkbar mache, weil er allein jene Maßregeln an der Grenze angeordnet habe, welche die Welt in den letzten Tagen so sehr beunruhigt haben; inwieweit diese Unzufriedenheit echt ist, läßt sich ebenso wenig beurtheilen, wie ob die Thatsache richtig ist, daß selbst die opportunistische und monarchistische Partei ihren Widerstand gegen ihn aufgegeben haben und er allmächtig geworden sei. In jedem Falle wird man gut thun, alle Vorgänge in Frankreich mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. – Bei der Berathung des Cultusbudgets erhielt Minister Goblet, welcher es für unmöglich erklärte, die Trennung vom Staat und Kirche bei der Budgetberathung herbeizuführen, mit 340 gegen 180 Stimmen ein Vertrauensvotum. Bei dem Minister des Auswärtigen Flourens fand am 29. Januar ein Diner statt, welchem der kurz vorher aus Cannes dort eingetroffene deutsche Botschafter Graf Münster beiwohnte.

Seit Eröffnung des englischen Parlaments am 27. Januar sind von den englischen Staatsmännern mehrere Kundgebungen erfolgt, welche bezeugen, wie ernst dieselben die Lage der Dinge auf dem Continent, besonders im Westen, auffassen. Der Marineminister vertheidigte sein Budget mit dem Hinweis auf die zunehmenden Rüstungen des Auslandes, denen gegenüber England nicht zurückbleiben könne. Lord Churchill motivirte seinen Rücktritt als Schatzkanzler mit der Meinung, daß England sich von fremden Verwickelungen fern halten müsse, während Lord Salisbury gerade im Hinblick auf die ungünstigen Aussichten wegen Erhaltung des Friedens die Nothwendigkeit betonte, für alle Fälle gerüstet zu sein. Auch England beabsichtigt ein Repetirgewehr einzuführen, ist damit aber noch im Rückstande. Der neue Schatzkanzler Goschen, der nach englischem Brauche einen Sitz im Unterhaus haben muß, ist bei der Wahl in dem Liverpooler Bezirk durchgefallen, jetzt ist er in einem Londoner Bezirk als Candidat aufgestellt. In Irland, und zwar in Belfast haben abermals ernste Ruhestörungen stattgefunden, welche die Nothwendigkeit weiterer Versuche, in Irland Ruhe und Frieden herzustellen, darlegen.

Ausnahmsweise sollen die

Delegationen Oesterreichs und Ungarns im kommenden Monat zusammentreten, um die Vertheidigungsfähigkeit des Landes durch Ausrüstung der Landwehr und des Landsturms zu erhöhen. In Oesterreich-Ungarn hat diese Maßregel eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen, da sie ein Beweis von der in den leitenden Kreisen herrschenden Auffassung von dem Ernst der Lage ist, wenngleich es auf der Hand liegt, daß hier nur ein Gebot der Vorsicht befolgt wird, die jeder Staat walten lassen muß. Im ungarischen Abgeordnetenhause erklärte Tisza, er bitte dringend, darin keine Vorbereitung zu einem Kriege, sondern nur einen Act der Vorsicht sehen zu wollen, der Oesterreich-Ungarn in den Stand setze, für den Ernstfall seine Interessen vertheidigen zu können. Auch in Oesterreich-Ungarn steht ein Pferde-Ausfuhrverbot bevor. In Rußland ist soeben ein kaiserlicher Erlaß veröffentlicht worden, welcher die Ausfuhr von Pferden über die europäische und die transkaukasische Grenze verbietet. Die bulgarische Frage an sich hat in ihrer neueren Entwickelung keineswegs zu Kriegsbefürchtungen Veranlassung gegeben: es scheint sich im Gegentheil bei den gegenwärtig zwischen der Pforte, der bulgarischen Deputation und Zankow in Constantinopel geführten Besprechungen die Möglichkeit einer Verständigung anzubahnen, welche für Rußland annehmbar sein könnte. Gleichwohl ist es erklärlich, daß Oesterreich-Ungarn sich nicht auf die Hoffnung einer glücklichen Lösung der bulgarischen Frage verläßt, sondern auch mit dem Gegentheil rechnet.

In Belgien soll bei der Kammer ein Credit von 50 Millionen Frcs. für Zwecke der Armee und für Befestigungsarbeiten beantragt werden.

Die Kämpfe der Italiener und Abessynier in der Gegend von Massauah haben sich fortgesetzt und den italienischen General genöthigt, die Posten von Saati und Wua Arafali zurückzuziehen, um seine Streitkräfte in Massauah besser zu concentriren. Französische Depeschen sprechen von einer Niederlage der Italiener. Der römischen Deputirtenkammer ist in Folge dessen ein Gesetzentwurf wegen eines außerordentlichen Credits von 5 Millionen Frcs. vorgelegt worden.

Die Wahlen in Dänemark haben dem Ministerium Estrup einen kleinen Sieg verschafft, indem die Rechte, die bisher nur 22 Sitze inne hatte, sich auf 30 verstärkte, während freilich die Opposition noch immer über 70 Mandate verfügt. Vornehmlich sind die Wahlen in Kopenhagen für das Ministerium günstig ausgefallen, indem es der Rechten gelang, von den vier ihr bei den letzten Wahlen an die Radicalen und Socialdemokraten verlorenen Sitzen drei wiederzuerobern. Auf eine Verständigung des Ministeriums und des Folkethings ist freilich wohl auch in Zukunft noch nicht zu rechnen, da die Linke die große Majorität hat und fortgesetzt danach strebt, in Dänemark die parlamentarische Herrschaft zu etabliren.


Verantwortl. Herausgeber: Dr. H. Klee, Berlin SW., Zimmerstr. 87. – Im Selbstverlage des Herausgebers. – Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei, Berlin, Stallschreiberstr. 34. 35.

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