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VII. Jahrgang. No. 93. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 9. Oktober 1888.

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des Staatsministeriums v. Boetticher, welcher vor wenigen Tagen vom Urlaub zurückgekehrt ist, wird sich wahrscheinlich demnächst zum Reichskanzler nach Friedrichsruh begeben, wo erst über die geeignete Zeit der Einberufung des Reichstags und die ihm eventuell vorzulegenden Aufgaben Erörterungen stattfinden dürften.


Die Feier zur Eröffnung der neuen Marineakademie und Marineschule in Kiel fand am Sonnabend in der Aula des neuen Gebäudes statt. Stationschef Viceadmiral von Blanc übernahm den prächtigen Bau für die Marine und übergab denselben dem Direktor des Bildungswesens, Kapitän Schering. Letzterer gab in seiner Rede einen Rückblick auf die Entwickelung der preußischen und deutschen Marine und schloß mit einem dreifachen, begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. Das Seeofficiercorps, die Spitzen der Civilbehörden, der Curator, der Rector und die Professoren der Universität waren zur Feier geladen, an welcher auch der frühere Chef des Bildungswesens, Contreadmiral Reibnitz, theilnahm. Die Feier schloß mit einem Rundgang durch die Akademie.


„National" und „Reichstreu".

Es war ein nationalliberaler Abgeordneter, der kürzlich behauptet hat, die Worte „national" und „reichstreu" seien längst leere Schlagworte; er – Dr. Roemer in Hildesheim – betone bei der Bezeichnung nationalliberal die letzten drei Silben, nicht die ersten. Es muß allgemein Wunder nehmen, daß ein nationalliberaler Abgeordneter von dem national und reichstreu so gering denkt, während man doch in jeder parlamentarischen Session und manchenorts in den Partikularstaaten seine Erfahrungen darüber sammeln kann, zu welchen Folgen es führen würde, wenn beide Worte für die Mehrheit der Nation ihren Inhalt verlören. Dr. Roemer ist, wenn er das liberal so scharf hervorkehrt, offenbar in der Zeit stark zurückgeblieben. Die liberalen Hoffnungen auf die Einigung Deutschlands. auf konstitutionelles Leben, auf eine aus direkten Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung sind alle erfüllt, und so weit sie es nicht sind, also namentlich in Bezug auf Parlamentsherschaft und Schattenkönigthum, haben die Freisinnigen ohne Zweifel ein gutes Recht darauf, sich als die wahrhaft Liberalen, als die echten Nachkommen der achtundvierziger Volksbeglücker zu bezeichnen.

Man könnte daher viel eher das Wort „liberal" als leeres Schlagwort bezeichnen, so weit ihm nicht noch das Streben der Freisinnigen nach Ausdehnung der Macht der Volksvertreter seinen alten Inhalt gelassen hat. Hoffentlich werden Begriffsverirrungen, wie sie in Hildesheim zur großen Genugthung der Fortschritts- und ultramontanen Presse versucht worden sind, nicht noch mehr Unheil anrichten; den Schaden würden nur die Nationalliberalen haben.


Eine gesteigerte Regsamkeit in Handel und Gewerbe wird in einem Bericht aus Kassel aus der zweiten Hälfte September konstatirt. Dieselbe kommt namentlich der Großindustrie zu Gute und begründet sich auf der im Laufe des Sommers eingetretenen ruhigeren Auffassung der politischen Lage. Den Arbeitern fehlt es nicht an Arbeits-Gelegenheit, die Löhne sind ausreichend; ihre materielle Lage würde eine ungleich bessere sein, wenn nicht Genuß- und Trunksucht sie zu vielen unnöthigen Ausgaben verleitete. Leider drängen die Arbeiter unausgesetzt nach den großen Städten, so daß in Folge dessen auf dem Lande die Arbeitskräfte fehlen.


Ueber die Handelsbeziehungen zu Rußland äußerte sich ein Bericht aus Marienwerder von Mitte September d. J.: Die Waareneinfuhr von Rußland nach Preußen hat bedeutend zugenommen. Von Getreide und Hülsenfrüchten ist doppelt soviel wie in der gleichen Zeit des Vorjahres (27 Millionen gegen 13¼ Millionen kg), von Kleie sogar das dreifache Quantum (10¼ Millionen gegen 3 Millionen kg) eingeführt worden. Ferner hat ein starker Import von polnischer Steinkohle stattgefunden. Allein nach Thorn und Mocker sind 165 Waggons dieser Kohle mit 1 800 000 kg

gekommen; auch mehrere Zuckerfabriken haben sich aus russisch Polen mit Kohlen versorgt. Die Preisdifferenz zwischen oberschlesischer und polnischer Steinkohle, welche bisher 15 Pf. pro Centner zu Gunsten der letzteren betrug ist inzwischen durch Tarifermäßigungen der preußischen Staatsbahnen auf 3 Pf. vermindert.

Im Ausfuhrhandel ist eine bemerkenswerthe Veränderung insofern eingetreten, als der Baumwollenexport nach Rußland einen starken Rückgang aufweist und zwar von 343 000 auf 256 000 kg. Veranlaßt ist dieser Rückgang durch eine Aenderung in der russischen Zollgesetzgebung, welche neuerdings die seewärts eingehende Baumwolle durch erheblich niedrigere Zollsätze vor dem Landimport begünstigte. Auch bei der Weichselschifffahrt ist eine sehr erhebliche Steigerung der russischen Einfuhr zu constatiren. So kamen in Thorn 645 beladene Kähne an (im Vorjahre 388), 48 Galler (im Vorjahre 8), 19 Güterdampfer (im Vorjahre 10), während nach Rußland nur 147 beladene Kähne und 17 Güterdampfer abgingen, gegen 234 bez. 18 im Vorjahre.

Die starke Zunahme der russischen Einfuhr spiegelt sich in den vorstehenden Ziffern deutlich genug wieder. Nur die Holzeinfuhr ist in Folge des ungünstigen Wasserstandes einiger polnischer Nebenflüsse geringer geworden.


Der Getreidehandel von Königsberg hat im Laufe der letzten drei Monate einen sehr günstigen Verlauf genommen. Es wurden insgesammt 150893 t. gegen 58656t. im gleichen Zeitraum des Vorjahres aufgewogen. Besonders lebhaft war das Geschäft in Weizen, welcher von englischen und deutschen Käufern wegen der in allen weizenbauenden Ländern ungünstig ausgefallenen Ernte gut bezahlt wurde. Aus Rußland wurden 29 382 t. gegen 1752 t. im gleichen Zeitraum des Jahres 1887, also die sechszehnfache Menge, zugeführt. Ungemein groß war auch die Steigerung der Einfuhr russischen Roggens, nämlich von 9608 t. im Vorjahre auf 31 267 t.; der größte Theil dieser Quantitäten wurde nach Dänemark und Norwegen verladen. Bedeutend war jedoch auch die Zufuhr von Getreide aus der Provinz, für welches der Absatz auf Deutschland beschränkt blieb. Im Hafer entwickelte sich insbesondere im Juni ein recht reges Geschäft, die Menge des über die russische Grenze an den hiesigen Markt gebrachten Hafers betrug in der Berichtszeit 20 562 t. gegen 7580 t. im entsprechenden Zeitraum des vergangenen Jahres. Der Absatz erfolgte hauptsächlich nach England. Sehr beträchtlich war auch, bei fast gänzlichem Zurücktreten der inländischen Gerste, die Einfuhr russischer Gerste, wenigstens in den Monaten Mai und Juni, wogegen dieselbe im Juli infolge der rapiden Steigerung der russischen Valuta sich erheblich verringerte.


Die russische Kaiserfamilie ist auf der Reise durch den Kaukasus am Sonntag Morgen in Batum eingetroffen, die Fahrt dorthin war von Noworrussusk aus zu Schiffe gemacht worden, 9 Schiffe der Schwarzemeerflotte geleiteten das Kaiserliche Schiff. In Batum, welches bekanntlich erst durch den Berliner Vertrag von 1878 an Rußland gekommen, hat Kaiser Alexander ziemlich die Südgrenze seiner Staaten erreicht. Zum Empfange hatten sich die Behörden und das Consularcorps eingefunden, ebenso zahlreiche Einwohner in ihren Nationaltrachten. Die Kaiserfamilie wohnte dem Gottesdienst sowie der Grundsteinlegung der neuen orthodoxen Kathedrale bei.


Vom Hofe.

Berlin, 9. October 1888.

Die Kaiserin Friedrich ist am Montag Abend mit den Prinzessinnen Töchtern von Kiel nach Berlin zurückgekehrt und hat für die nächste Zeit in ihrem hiesigen Palais Wohnung genommen.

Prinz Heinrich hat gestern von Kiel aus seine Reise nach Italien angetreten, um in Rom am 11. Oktober mit dem Kaiser zusammenzutreffen und auch während der Anwesenheit Sr. Majestät dort zu verbleiben.


Verantwortl. Herausgeber: Dr. H. Klee, Berlin SW., Zimmerstr. 87. – Im Selbstverlage des Herausgebers. – Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei, Berlin, Stallschreiberstr. 34. 35.

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