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VII. Jahrgang. No. 97. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 23. Oktober 1888.

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zugezogen. Um 11 Uhr brachten der Hof und das kaiserliche Hauptquartier, sowie die Kommandeure der Leibgardehusaren und des 1. Garde-Regiments z. F. ihre Glückwünsche dar. Nachmittags fand engere Familientafel statt.


Prinz Heinrich ist am Sonntag in Wien eingetroffen, um dem Kaiser Franz Joseph seinen Dank für die Ernennung zum Corvetten-Kapitain à la suite der österreichischen Marine abzustatten. Er wurde an Bahnhof vom Kaiser und dem Kronprinzen in preußischer Uniform empfangen, der Prinz trug österreichische Marineuniform. In der Hofburg waren für ihn die Zimmer bereitgestellt, welche kürzlich Kaiser Wilhelm bewohnt hatte. Am Sonntag war ihm zu Ehren Tafel beim Kaiser, am Montag beim Erzherzog Albrecht. Montag Abend hat der Prinz sich von Wien zu seiner Gemahlin nach Darmstadt begeben.


Der Kultusminister von Goßler hat am Sonnabend und Sonntag den Schauturnen beigewohnt, welche die Berliner Turnerschaft anläßlich ihres 25jährigen Bestehens mit ihren Knaben-, Lehrlings- und Männerabtheilungen veranstaltet hatte. Es nahmen 400 Knaben, 256 Handwerkslehrlinge und 352 Männer daran Theil. Nach Schluß des Männerturnens am Sonntag bestieg der Minister die Rednerbühne und hielt eine Ansprache. Er brachte der Turnerschaft den Gruß der Staatsbehörde dar. Der Verein pflege gar treu das Turnen, das nicht allein die Muskeln stärke, sondern auch die männlichen Eigenschaften, des Muthes, des Selbstvertrauens, der Selbstbeherrschung wecke und kräftige. Es sei erfreulich, daß das Vereinsturnen aus der früheren Vereinzelung herausgetreten, daß es seiner Zusammengehörigkeit mit dem großen Ganzen des Staatslebens sich bewußt geworden sei, daß es innerhalb desselben stehend die Beziehungen zu König und Vaterland hege und pflege. Der Minister wies auf das Schauturnen an den beiden Tagen hin, wie zwischen den Knaben, den Schülern und den Jünglingen und Männern auch die Lehrlinge ihre Uebungen ausführten; daß die Berliner Turnerschaft sich dieser jungen Leute, welche in Berlin wohl den schwersten Stand haben, sich so warm und mit solcher Hingabe annehme, sei als eine wahrhaft edle That zu preisen. Der Minister gedachte ferner mit großem Lobe der verdienstlichen und so mühevollen Thätigkeit des Vorstandes und der Lehrer des Vereins. Der gesammten deutschen Turnerschaft bringe er ein kräftiges Gutheil!


Das Nachgeben nach links .. nimmt leider während der Wahlbewegung unter den Nationalliberalen überhand. In Charlottenburg haben sich Nationalliberale mit den Freisinnigen zusammengethan, um die bisherigen conservativen Vertreter Wolff und Cremer zu bekämpfen. Ebenso scheinen in Potsdam linksliberale Bestrebungen zu bestehen, obgleich der aufgestellte Candidat, Landrath Kelch aus Breslau, sich der freiconservativen Partei zuzählt. Noch merkwürdiger ist aber eine Leistung der Nationalliberalen in Ostpreußen. Sie haben einen Aufruf an die „liberalen Ostpreußen" erlassen, der verschiedene freisinnige Redensarten und gegen die nationalliberale Parteileitung folgende Stelle enthält: „Der ausreichenden Vertretung des altpreußischen Liberalismus seit Jahren beraubt, hat die Parteileitung manchen Schritt gethan, dessen Nothwendigkeit hier zu Lande nicht überall einleuchtete." Gewiß ist das eine sonderbare Art, eine Partei in einer Provinz neu zu organisiren. Auch im Kreise Bielefeld-Halle-Herford haben sich Nationalliberale gefunden, welche für den Anschluß nach links agitiren. Man hätte denken können, das Phantom von der „einigen liberalen Partei" sei seit dem Jahre 1884, wo sich die freisinnige Partei constituirte, aus der Welt verschwunden, zumal es keine Partei giebt, die von dieser so schändlich behandelt wird, als die Nationalliberalen. Wenn Theile der letzteren sich trotzdem dazu hergeben, sich mit den Freisinnigen zu verbünden, so zeugt dies wahrlich nicht von großer Selbstachtung. Glücklicherweise sind diese Beispiele charakterlosen Verhaltens nur selten; aber sie zeigen, wie nothwendig es für die Conservativen ist, auf der Hut zu sein.


Bischöfliche Wahlerlasse.

Wie der Erzbischof von Köln, so hat auch der Bischof von Münster nunmehr einen Wahlerlaß an seine Diözesanen gerichtet, in welchem er besonders von den Geistlichen erwartet: „daß sie mit Eifer und in angemessener Weise für gute Wahlen eintreten und ihren Mitbürgern ein Vorbild sein werden." In der „Köln. Ztg." wird darauf hingewiesen, daß eine solche Einflußnahme der geistlichen Behörden auf die Wähler nach der bisher im Abgeordnetenhause üblichen Praxis, wonach jedes Hervortreten von Regierungsbehörden zu Gunsten einer conservativen Wahl als ein Grund zur Kassirung der Wahl angesehen wird, leicht zur Ungültigkeitserklärung führen kann. Denn was dem Einen nicht billig ist, das ist auch dem Andern nicht Recht.


Zur Beseitigung der Mißbräuche des Terminhandels in Getreide an der Börse hat bekanntlich der Handelsminister wiederholt bestimmte Weisungen an die Aeltesten der Kaufmannschaft in Berlin ergehen lassen.

Das Collegium wollte sich nicht allen Erfordernissen an die Lieferbarkeit von Getreide für die Schlußscheine und in Bezug auf Maßregeln gegen den Versuch, die Durchführung der neuen Bestimmungen zu vereiteln, fügen und hatte unter dem 4. Oktober eine neue Vorstellung an den Minister gerichtet. Der Antwort des letzteren entnehmen wir, was folgt: Zunächst soll der für Buchweizen aufgestellte Schlußschein unverändert aufrecht erhalten werden. Dann heißt es: „Bezüglich der Betheiligung unvereidigter Makler an etwaigen, gegen die Durchführung der neuen Bestimmungen unternommenen Bestrebungen bemerke ich, daß die in dem Erlasse vom 12. September d. J. in Aussicht genommene Anordnung, wonach Personen, welche die mit der Einführung der neuen Schlußscheinbedingungen beabsichtigten Zwecke vereiteln und unter Zugrundelegung anderer, als der von der Aufsichtsbehörde festgesetzten Bedingungen Lieferungsverträge abschließen, von dem Besuche der Börse auf Zeit oder dauernd auszuschließen sind, auch gegen die nicht vereidigten Makler dann wird zur Anwendung gebracht werden müssen, wenn in der That derartige gegen die festgesetzten Lieferungsbedingungen gerichtete Bestrebungen hervortreten und unter Mitwirkung nicht vereidigter Makler zur Durchführung gebracht werden wollten. Die gegen diese Ausschließungsanordnung erhobenen Bedenken entbehren der Begründung und werden anderwärts auch nicht getheilt, wie das Beispiel der Handelskammer in Breslau beweist, welche eine dahin zielende, ausdrückliche Vorschrift als Nachtrag zur Börsenordnung bereits beschlossen hat.

Falls daher, entgegen der von den Herren Aeltesten ausgesprochenen Hoffnung gegen die neuen Lieferungsbedingungen gerichtete Einrichtungen vorbereitet oder in Wirksamkeit gesetzt werden sollten, so erwarte ich bestimmt, daß die Herren Aeltesten solchen Bestrebungen nachdrücklich entgegentreten, ohne Verzug mir über solche berichten und den Entwurf einer entsprechenden Aenderung der Börsenordnung mir zur Genehmigung vorlegen werden."


In Havre ist das Wappenschild des dortigen Deutschen Konsulats nächtlicher Weile abgerissen und dann von der Polizei beschmutzt auf der Straße gefunden worden. Die französischen Behörden haben sofort eine Untersuchung nach dem Thäter eingeleitet und der Minister des Auswärtigen hat den deutschen Botschafter um Entschuldigung gebeten. Nachdem das Schild wieder ordnungsmäßig hergestellt, ist es in Gegenwart des Präfecten u. s. w. wieder am Konsulatsgebäude befestigt worden.


Einkommensteuer in Frankreich.

Der Finanzminister Peytral hat eine Vorlage ausgearbeitet, welche die Einführung der Einkommensteuer bezweckt. Die Steuer soll für das Einkommen aus erworbenem Vermögen 1 Proc., die Steuer für die Erträge aus Arbeit ½ Proc. betragen, alles Einkommen, was den Betrag von 2000 Frcs. nicht übersteigt, soll der Steuer nicht unterliegen. Ausländer, die einen festen Wohnsitz in Frankreich haben, sollen betreffs der Einkommensteuer ganz dieselben Verpflichtungen haben wie die Franzosen. Der Ministerrath hat dem Entwurf zugestimmt und soll derselbe nach Einholung der Genehmigung des Präsidenten Carnot sofort in die Kammer eingebracht werden. Die gemäßigten Blätter sprechen sich gegen den Entwurf aus, weil das Einkommen in Frankreich bereits genügend besteuert sei und auch in den Deputirtenkreisen ist man dem Vorschlage wenig günstig gesinnt.


Vom Hofe.

Berlin, 23. October 1888.

Unser Kaiser machte heute in der Frühe einen Spazierritt, nahm darauf die Vorträge des stellvertretenden Chefs der Admiralität Grafen Monts und des Chefs des Militärkabinets Generallieutenants von Hahnke entgegen und arbeitete später noch längere Zeit allein.

Der Regent von Braunschweig, Prinz Albrecht von Preußen, hat sich gestorn Abend von hier nach Blankenburg begeben, wo in den nächsten Tagen größere Jagden, an denen auch der Kaiser theilzunehmen gedenkt, abgehalten werden sollen.


Personalien.
Aus der allgemeinen Verwaltung und aus der Verwaltung des Innern.

Der Geheime Regierungsrath Freiherr Senfft von Pilsach ist zum Geheimen Ober-Regierungsrath ernannt worden.

Dem Geheimen Regierungsrath und Director des statistischen Büreaus, Blenck, ist der Character als Geheimer Ober-Regierungsrath mit dem Range eines Nathes zweiter Klasse verliehen worden.

Der seitherige erste Bürgermeister der Stadt Stendal, Werner, ist in gleicher Eigenschaft auf Lebenszeit bestätigt worden.

Der seitherige Bürgermeister der Stadt Gnesen, Oberbürgermeister Machatius ist in gleicher Eigenschaft für eine fernere zwölfjährige Amtsdauer bestätigt worden.


Verantwortl. Herausgeber: Dr. H. Klee, Berlin SW., Zimmerstr. 87. – Im Selbstverlage des Herausgebers. – Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei, Berlin, Stallschreiberstr. 34. 35.

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