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No. 43. Provinzial-Correspondenz.
Fünfter Jahrgang.
23. Oktober 1867.

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vom 1. Juli bis zum Schlusse dieses Jahres, sowie der neue Zollvereins-Vertrag zur Verhandlung kommen. Letztere Berathung wird möglicher Weise mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, welche in Bayern und Württemberg den nationalen Absichten der dortigen Regierungen von einzelnen Seiten entgegengesetzt werden, eine erhöhte Bedeutung und Wichtigkeit gewinnen. Es versteht sich von selbst, daß auch hierbei der Norddeutsche Reichstag mit dem vollen Gewicht seiner nationalen Stimmung die Politik der Regierung zu unterstützen bereit ist.

Durch den hingebenden Eifer, mit welchem der Reichstag sich Tag für Tag in öffentlichen und Kommissions-Sitzungen der Erledigung seiner anstrengenden Aufgaben widmet, wird es möglich sein, die gegenwärtige Session noch in dieser Woche zu Ende zu führen, was im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen ebenso der Regierung wie den preußischen Reichstags-Mitgliedern wünschenswerth erschien.


Die rasche Förderung der wichtigen Aufgaben der Bundesgesetzgebung ist nur möglich durch das leichte Einvernehmen, welches sich seither zwischen dem Bundesrathe und dem Reichstage unter beiderseitigem Entgegenkommen bewährt hat.

Der Bundeskanzler, Graf Bismarck, hat jüngst mit Genugthuung darauf hingewiesen, daß er Schwierigkeiten, deren Ueberwindung in der Landesgesetzgebung in einer Reihe von Jahren nicht möglich gewesen sei, auf dem Wege der Bundesgesetzgebung leichter zu überwinden hoffe. Er hat damit andeuten wollen, wie umständlich der bisherige Gang der gesetzgeberischen Thätigkeit im Vergleiche mit der einfachen Vereinbarung zwischen Bundesrath und Reichstag gewesen sei. Allerdings beruht diese leichtere Art der Verständigung vor Allem auf dem vollen gegenseitigen Vertrauen und auf der Einmüthigkeit des Strebens, welche zwischen den Bundesregierungen und der Mehrheit des Reichstages in so erfreulicher Weise obwalten, und welchen die segensreichen Erfolge dieser Session vornehmlich zu danken sind.


Die Stellung der evangelischen Kirche in den neuen Landestheilen

hat seit der Vereinigung derselben mit der preußischen Monarchie die Fürsorge des Kirchenregiments ernst beschäftigt. Vom ersten Augenblicke war unsere Regierung nicht zweifelhaft, daß es auf dem religiösen Gebiete vornehmlich geboten sei, die gewissenhafteste Rücksichtnahme auf die bisherige Entwickelung, den Bekenntnißstand und die bestehenden kirchlichen Einrichtungen zu üben.

Die Verhältnisse sind in den einzelnen Ländern sehr verschieden.

In dem ehemaligen Königreiche Hannover besteht eine Union der beiden evangelischen Kirchen, der evangelisch-lutherischen und der evangelisch-reformirten, nicht. Die alt-hannöverschen Lande, die Herzogthümer Bremen und Verden mit dem Lande Hadeln, die Fürstenthümer Osnabrück und Hildesheim sind fast ausschließlich lutherisch mit wenigen vereinzelten reformirten Gemeinden; dagegen ist die ganze Grafschaft Bentheim und Ostfriesland mit dem dritten Theile seiner Bevölkerung reformirt. Die Gesammtzahl der Lutheraner übersteigt 1,600,000, die der Reformirten nicht über 95,000. Lutherische Konsistorien bestehen in Hannover, Stade, Osnabrück und Ottemdorf (für das kleine Land Hadeln); für die kleine Grafschaft Bentheim besteht dagegen ein reformirter »Ober-Kirchenrath«, für Ostfriesland aber ein aus Lutheranern und Reformirten gemischtes Konsistorium in Aurich. Die kirchlichen Interessen der im Lande zerstreuten reformirten Gemeinden werden theils von den lutherischen Konsistorien der betreffenden Landestheile, theils von dem Kultus-Ministerium unmittelbar wahrgenommen.

Die obere Leitung, sowohl für die evangelisch-lutherische, als auch für die evangelisch-reformirte Kirche, beruhete früher lediglich in dem Kultus-Ministerium. Erst in Folge kirchlicher Streitigkeiten der letzten Jahre (des Katechismusstreits) war für die evangelisch-lutherische Kirche eine neue Kirchenordnung ausgearbeitet und rechtsgültig festgestellt worden, welche die Bildung von Kirchenvorständen und Bezirkssynoden, so wie die einer Landessynode und eines Landes-Konsistoriums für die lutherische Kirche anordnet. In das Leben getreten ist das Landes-Konsistorium erst am 16. Juni 1866, an demselben

Tage, an welchem die preußischen Truppen in Hannover einrückten; die Kirchenvorstände sind bereits in Wirksamkeit, mit der Berufung der Bezirkssynoden ist im Laufe des Jahres 1867 der Anfang gemacht worden.

In dem ehemaligen Kurfürstenthum Hessen befinden sich Lutheraner, Reformirte und Unirte in gesonderten kirchlichen Abtheilungen neben einander. Der Konsistorial-Bezirk Kassel ist, mit Ausnahme der lutherischen Grafschaft Schaumburg und einem Theile der Herrschaft Schmalkalden, fast ganz reformirt, der Konsistorial-Bezirk Marburg hat, außer der reformirten Grafschaft Ziegenhain, fast nur Lutherische, der Konsistorial-Bezirk Hanau ist, mit Ausnahme einiger Gemeinden im Fuldaischen und in standesherrlichen Gebieten, durchweg unirt.

In Nassau ist seit 1817 die Union eingeführt. Die kirchliche Verwaltung sowohl in Betreff der inneren, wie der äußeren Angelegenheiten befand sich bisher fast ausschließlich in der Hand der Staatsbehörden (Landes-Regierung und Ministerium); der evangelische Landesbischof hatte eine Stellung ähnlich der eines preußischen General-Superintendenten und eines Rathes in den genannten Behörden. Ein im Jahre 1851 errichteter »Kirchensenat«, welcher eine begutachtende Stellung in den eigentlichen inneren Angelegenheiten der kirchlichen Verwaltung einnehmen sollte, ist nicht zu rechtem Leben und Wirken gediehen.

In der Stadt Frankfurt a. M. sind die beiden Konfessionen, lutherisch und reformirt, streng geschieden: jede derselben hat ihr eigenes Konsistorium, welches dem Kirchen- und Schulwesen seiner Religionspartei vorsteht.

Das vom Großherzogthum Hessen abgetrennte Gebiet (Biedenkopf und Kreis Vöhl) ist rein lutherisch. Ein Gleiches gilt von den von Bayern abgetretenen Landestheilen.

In der Landgrafschaft Hessen-Homburg befinden sich reformirte, lutherische und unirte Gemeinden.

In den Herzogthümern Schleswig und Holstein ist, mit Ausnahme von zwei reformirten Gemeinden in Altona und Friedrichsstadt, die gesammte evangelische Bevölkerung lutherisch. Eigene Kirchenbehörden haben auch hier nicht bestanden, jedoch waren den General-Superintendenten in Altona und Schleswig und den Pröbsten (Superintendenten) einzelne kirchenregimentliche Befugnisse überwiesen.

Durch die Vereinigung der erwähnten Gebiete mit der preußischen Monarchie ist nach evangelischem Kirchenrecht das oberste Kirchenregiment auf Se. Majestät den König übergegangen.

Es fragte sich demzufolge, ob die evangelische Kirche in den neuen Landestheilen ohne Weiteres der für die evangelische Landeskirche in Preußen bestehenden obersten Behörde, dem Evangelischen Ober-Kirchenrathe, unterstellt werden sollte. Es knüpften sich hieran mit Rücksicht auf die sehr abweichende konfessionelle Grundlage und Stellung der einzelnen Kirchen von vorn herein erhebliche Bedenken, welche auch in den betreffenden Bevölkerungen Ausdruck fanden.

In Hannover besonders trat der übereinstimmende Wunsch aller kirchlichen Parteien hervor, daß die dort jüngst erst errichtete neue evangelisch-lutherische Kirchenordnung aufrecht erhalten und weiter entwickelt werde. Se. Majestät der König hat diesem Wunsche bekanntlich bald nach der Besitzergreifung volle Erfüllung zugesagt. Das neu errichtete Landeskonsistorium, so wie die älteren Provinzial-Konsistorien, sind in ihrem Bestande und in ihrer rechtlichen Wirksamkeit beibehalten worden, die gesetzlich verordnete Einführung der Bezirks-Synoden und der Landessynode wird in der früher angebahnten Weise gefördert.

Eben so sind die Konsistorien in dem ehemaligen Kurfürstenthum Hessen in ihrer Stellung und Wirksamkeit vorläufig unverändert verblieben.

Für Nassau und Schleswig-Holstein aber sind so eben eigene Konsistorien in Wiesbaden und Kiel verordnet worden, um die weitere Entwickelung der dortigen evangelischen Kirche, unter Erhaltung des bestimmten Bekenntnißstandes und der gottesdienstlichen Ordnungen derselben, durch Einführung synodaler Einrichtungen anzubahnen.

Eine Mitwirkung des evangelischen Ober-Kirchenrathes in der Verwaltung der kirchlichen Angelegenheiten der neuen Landestheile ist nicht eingetreten; die Rücksicht, bestehende Ordnungen nicht ohne Noth zu beseitigen, Neues nur mit Schonung und Achtung gegebener Verhältnisse ins Leben zu rufen, hat es angemessen erscheinen lassen, daß die kirchlichen Angelegenheiten und die zur Verwaltung derselben berufenen

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