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No. 36. Provinzial-Correspondenz.
Achter Jahrgang.
7. September 1870.

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Welch ein ergreifender Augenblick!

so ruft das deutsche Volk mit König Wilhelm aus, nicht blos Angesichts der Begegnung bei Sedan, sondern im Hinblick auf das ganze großartige Walten Gottes in diesem Moment deutscher Geschichte.

Wie unter Zeichen und Wundern erfüllt sich in diesem Augenblicke, was das deutsche Volk bisher wohl in der Tiefe patriotischer Herzen ersehnt, aber in solcher Größe nimmer zu ahnen gewagt hätte.

Deutschland feiert auf den Schlachtfeldern Frankreichs und in der sich dort vollziehenden Wendung der Geschicke seine endliche Auferstehung: – das vor Allem ist die Bedeutung der großartigen Vorgänge, welche jetzt Schlag auf Schlag in so überwältigender Weise an uns herantreten und alle Herzen in unserem Volke in freudiger Begeisterung schlagen lassen.

Wohl ist es eine »Krönung des Gebäudes«, welche in diesen ewig denkwürdigen Tagen vor sich geht, die Krönung des in redlicher Jahrhunderte langer Arbeit auf dem festen Grunde deutschen Sinnes, deutscher Zucht und deutscher Tüchtigkeit errichteten Gemeinwesens, dessen fester Kern von unsern hohenzollernschen Fürsten in den norddeutschen Marken gebildet worden ist, dessen einigende und stärkende Kraft aber sich über das ganze deutsche Vaterland stetig fortschreitend ausgebreitet hat.

Diese endlich erreichte Einigung aller deutschen Stämme und Staaten hat in den glorreichen Erfolgen dieser Tage eine so erhabene Krönung und Weihe gefunden, daß das deutsche Volk daraus vollends das erhebende Bewußtsein entnehmen darf, was es in seiner Einheit ist und vermag.

Dieses Bewußtsein und diese Erfahrung enthalten zugleich die ernste und feierliche Mahnung an das deutsche Volk, daß es sich den Segen der Einigkeit nunmehr für alle Zeiten zu wahren bestrebt sei.

Auf der Höhe der nationalen Begeisterung dieser Tage mögen alle deutschen Patrioten das Gelübde ablegen, daß sie den köstlichen Schatz der Einheit, diese Quelle der Kraft und der Macht, unserem Volke auf jede Weise erhalten und sorglich hüten wollen.

Nach dem Jubel über die gemeinsamen Erfolge werden ja Tage schwerer politischer Arbeit kommen, welche die Früchte der Siege und der zu erhoffenden Errungenschaften für das deutsche Gemeinwesen verwerthen muß. Möge dann die Kraft des jetzt gewonnenen einheitlichen Sinnes sich bewähren und bei aller Verschiedenheit der Auffassungen doch die Versöhnung und Ausgleichung derselben in der höheren Gemeinschaft des nationalen Strebens und in gegenseitigem Vertrauen sich stets finden lassen.

Das überwältigend Große in der gegenwärtigen deutschen Erhebung war eben die wunderbare Einmüthigkeit zwischen allen Regierungen, allen Bevölkerungen, allen Parteien; diese nie gekannte Gemeinschaft hat Deutschland mit einem Schlage auf die höchste Stufe seiner weltgeschichtlichen Macht und vor die Erfüllung seiner hohen Aufgabe für den künftigen Weltfrieden gestellt.

Der ergreifende Augenblick, in dem wir stehen, wird seine herrlichsten dauernden Früchte für Deutschland und für alle Völker tragen, wenn der erhebende Geist dieser Tage, die innige patriotische Einigung der Herzen seine Kraft auch über die Siegestage hinaus in den Zeiten der ernsten politischen Arbeit bewährt.

Das walte Gott!


Wilhelmshöhe.

Welche Wendung durch Gottes Fügung!

Am 13. Juli die Scene in Ems, wo der Botschafter des Kaisers Napoleon in Erfüllung des ihm ertheilten Auftrages unsern König absichtlich verletzte, um ihn entweder zu demüthigen oder zum Kriege herauszufordern. Und als der Krieg begann, enthielt die erste militärische Zeitschrift Frankreichs folgenden feierlichen Artikel:

Also Krieg!

Der Rubicon ist überschritten!

Endlich hat die preußische Regierung, welche seit vier Jahren Lüge auf Lüge, Verrath auf Verrath, Raub auf Raub häuft, die Maske abgeworfen, um den Aufschwung, die Größe und das Ansehen Frankreichs anzutasten.

Jetzt ist es genug, – es ist zu viel!

Frankreich kann nicht mehr dulden, daß im Mittelpunkt Europas eine lügnerische und treulose Regierung, wie die preußische Regierung existire; es ist unerläßlich, daß dieselbe sobald als möglich für alle Zukunft unschädlich gemacht werde. Die Ehre Europas erfordert es.

Unsere Armeen, denen unsere Adler voranschweben, an deren Spitze unsere berühmtesten Feldherren stehen, sind unter dem höchsten Befehl unsers Kaisers an den Grenzen versammelt. Bald wird auf der ganzen Schlachtlinie unser alter Kriegsruf: vorwärts! erschallen.

Die Zeit der Buße und Vergeltung soll für Preußen beginnen.

Ganz Frankreich harrt des ersten gewaltigen Vorgehens seiner Söhne, welche für das verletzte Recht kämpfen sollen.

Frankreichs Sicherheit ist zugleich die Würde und Sicherheit Europa's.

Die Krönung des Kaiserlichen Baues wird durch unsere siegreichen Soldaten ruhmvoll beendigt werden, indem wir zugleich Deutschland jenseits des Rheins seine Freiheit und Unabhängigkeit wiedergeben, welche die preußische Regierung nur allzulange schon gewissenlos unterdrückt.


So am Anfang August.

Und als der Monat kaum zu Ende war, lag die ruhmreiche Armee in Trümmern, das noch übrige Heer zur Hälfte hinter Festungsmauern eisern umschlossen, zur Hälfte gefangen nach Deutschland abgeführt, – die berühmtesten Feldherren geschlagen und todt oder verwundet, – der oberste Kaiserliche Feldherr zuerst von seinen eigenen Untergebenen bei Seite geschoben, dann auf Gnade und Ungnade in der Hand unsers hochherzigen Königs, und nunmehr als Gefangener auf Wilhelmshöhe, – der Kaiserliche Bau zerfallen und vom eigenen Volke unvertheidigt in Trümmer geschlagen, – Preußen und Deutschland aber im siegreichen, kaum noch gehemmten. Vordringen nach dem Mittelpunkte und Herzen Frankreichs.

Gewiß noch niemals ist Gottes Strafgericht über freventlichen Hochmuth so niederschmetternd hereingebrochen, wie in dieser gewaltigen Zeit über Napoleon III. und Frankreich!


Die Vernichtung der Mac Mahonschen Armee und ihre Folgen.
(Uebersicht.)

Die jüngste Woche hat neue reiche Lorbeeren um die Häupter unserer Feldherren und unserer braven Truppen geflochten: durch eine Operation, welche in der Kriegsgeschichte aller Zeiten eine hervorragende Stelle einnehmen wird, ist die letzte Armee Frankreichs geschlagen, umzingelt und zur Uebergabe genöthigt worden.

Unsere 3. und 4. Armee unter dem Kronprinzen von Preußen und dem Kronprinzen von Sachsen waren bis vor 8 Tagen auf dem Vormarsche nach Paris begriffen, jedoch mit dem sorglichen Augenmerk darauf, ob Mac Mahon, der mit seiner Armee etwa am 23. August von Chalons nach Reims aufgebrochen war, von dort statt nach Paris etwa eine nördliche Richtung eingeschlagen hätte, um durch die Ardennen und an der belgischen Grenze hin den Weg nach Metz zur Befreiung Bezaines zu gewinnen. Der Marsch unserer Armeen war von vornherein darauf angelegt, daß Mac Mahon einen solchen Versuch nicht unbemerkt ausführen könnte; zugleich war Vorsorge getroffen, daß die südlich marschirende Armee unseres Kronprinzen mit ihrer Hauptmacht nicht früher unmittelbar auf Paris vorrückte, bis man über die Richtung des Mac Mahonschen Vorgehens Gewißheit erlangt hätte.

Am 25. und 26. traten für unsere vorschwärmende Kavallerie die ersten Anzeichen hervor, durch welche die Vermuthung bestätigt wurde, daß der Herzog von Magenta (Mac Mahon) wirklich jenen kühnen Plan im Einverständnisse mit Bazaine unternommen habe. Durch das Reitergefecht bei Busancy, in welchem ein Regiment reitender Chasseurs vom

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