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No. 10. Provinzial-Correspondenz.
Neunter Jahrgang.
8. März 1871.

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Die Verkündigung des Friedens.
Schreiben Sr. Majestät des Kaisers und Königs an die Kaiserin-Königin.

Versailles, den 2. März 1871.

Der Kaiserin-Königin in Berlin.

So eben habe Ich den Friedensschluß ratifizirt, nachdem er schon gestern in Bordeaux von der National-Versammlung angenommen worden ist. So weit ist also das große Werk vollendet, welches durch siebenmonatliche siegreiche Kämpfe errungen wurde; Dank der Tapferkeit, Hingebung und Ausdauer des unvergleichlichen Heeres in allen seinen Theilen und der Opferfreudigkeit des Vaterlandes.

Der Herr der Heerschaaren hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen ehrenvollen Frieden in Seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei die Ehre! Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen Meinen Dank!

Wilhelm.

Die öffentliche Verkündigung dieser Mittheilung unsers Kaisers fand am 3. März, Mittags, vom Königlichen Palais aus in feierlicher Weise statt.

Auf den Ruf der Kaiserin hatten sich die sämmtlichen anwesenden Mitglieder des Königlichen Hauses in dem mit den preußischen Fahnen geschmückten Königlichen Palais eingefunden, wo sich außerdem auf Allerhöchstderen Befehl die Staats-Minister und die Generalität im Parade-Anzuge zur Verlesung des Friedens-Telegramms versammelt hatten.

Um 12 Uhr traten die Generale auf die zum Palais führende Rampe, voran der General-Feldmarschall Graf von Wrangel.

Auf Befehl Ihrer Majestät der Kaiserin verlas der stellvertretende Chef des Generalstabes, General von Hanenfeldt, mit weit vernehmbarer Stimme, vom lautesten Jubel mehrfach unterbrochen, das Allerhöchste Friedenstelegramm.

Der freudigste Jubel, Hochs auf Se. Majestät den Kaiser, das Heer, das Vaterland tönten durch einander, bis das am Fuße des Denkmals König Friedrich II., dessen Haupt ein frischer Lorbeerkranz schmückte, aufgestellte Garde-Musikcorps die ersten Akkorde von »Nun danket Alle Gott« intonirte. In diese festlichen Klänge, in den Gesang der Menge, mischte sich das Geläute aller Glocken, das Salutschießen der im Lustgarten vor dem Königlichen Schlosse aufgefahrenen Garde-Batterie, deren 101 Schüsse auch den entlegeneren Theilen der Hauptstadt Mittheilung gaben von dem feierlichen Ereigniß, das vor dem Königlichen Palais bekannt geworden war.

Ihre Majestät die Kaiserin-Königin, Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit die Kronprinzessin, sowie sämmtliche hier anwesenden Prinzessinnen des Königlichen Hauses waren inzwischen auf dem Balkon des Königlichen Palais getreten, vor welchem nach Absingung der ersten Strophe des Chorals sich der Jubel erneuerte. An den Choral schloß sich die Nationalhymne; entblößten Hauptes stimmte das Publikum in das „Heil dir im Siegerkranz" ein, auf welches „Die Wacht am Rhein" folgte, während von der Rampe des Palais aus der Wortlaut des Allerhöchsten Telegramms in vielen Exemplaren an die Menge vertheilt wurde.

Nachdem der General-Feldmarschall Graf von Wrangel ein dreifaches Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und König, in das die jubelnde Menge begeistert einstimmte, ausgebracht und Ihre Majestät vom Balkon Sich zurückgezogen hatte, nahm Allerhöchstdieselbe die Glückwünsche der Generalität und der Staats-Minister entgegen.

Am Nachmittag fand ein feierlicher Dankgottesdienst in allen Kirchen statt.

Am Abend feierte Berlin die Sieges- und Friedensbotschaft mit einer allgemeinen Illumination, wie sie in solchem Glanze noch niemals stattgefunden hat.

Ebenso wurde in ganz Deutschland das Friedensfest in der würdigsten und erhebendsten Weise begangen; nicht nur das

Gefühl freudigster Anerkennung für den günstigen Verlauf eines zu so glorreichem Ende geführten Krieges charakterisirt all' diese Festlichkeiten, sondern auch eine tiefernste, tiefsittliche Stimmung.

Nach der Rückkehr Sr. Majestät des Kaisers wird voraussichtlich eine allgemeine kirchliche Dank- und Gedenkfeier mit Bezug auf den Krieg, seine Opfer und Erfolge stattfinden.

(Von einer längeren Landestrauer, wie sie mehrfach als bevorstehend angekündigt worden, ist in Regierungskreisen nicht die Rede.)


Der Abschluß der Friedenspräliminarien.
(Uebersicht.)

Die französische National-Versammlung hat die Friedensgrundlagen, welche in Versailles am 26. Februar vereinbart worden, mit sehr großer Mehrheit angenommen und damit das Friedenswerk besiegelt.

Die Mittheilung der Präliminarien in der Versammlung erfolgte durch das Haupt der gegenwärtigen Regierung, Herrn Thiers, in der Sitzung vom 28. Februar. Inmitten tiefen Schweigens nahm derselbe das Wort und sprach:

»Wir haben eine schmerzliche Aufgabe übernommen; wir haben alle möglichen Anstrengungen gemacht, und mit tiefem Bedauern befinden wir uns jetzt in der Lage, Ihrer Berathung einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, für welchen wir die schleunigste Berathung erbitten.

Der Gesetzentwurf lautet: Art. 1. Die Nationalversammlung, der Nothwendigkeit weichend und die Verantwortlichkeit zurückweisend, nimmt die in Versailles am 26. Februar unterzeichneten Friedenspräliminarien an.«

Im Begriff, die Bedingungen des Friedens mitzutheilen, verlassen Thiers die Kräfte, er ist genöthigt, von der Tribüne herabzusteigen und den Saal zu verlassen.

Einer der Friedenskommissare verliest die Präliminarien und giebt der Versammlung gleichzeitig Kenntniß von der Vereinbarung wegen Verlängerung des Waffenstillstands, nach welcher 30,000 Mann der deutschen Truppen bis zum Abschluß der Friedenspräliminarien einen Theil von Paris besetzen dürfen. Gerade mit Rücksicht auf diese Bestimmung wurde die Dringlichkeit der Berathung wiederholt hervorgehoben.

Thiers ergriff dann nochmals das Wort, um hervorzuheben, wie es von größter Wichtigkeit sei, daß die Berathung nicht verschoben werde.

»Wir stehen (sagte er) als Opfer einer Lage da, welche wir nicht geschaffen haben, für welche wir aber einstehen müssen. Wir bitten Sie, nicht einen Augenblick Zeit zu verlieren; wir bitten Sie mit energischer Dringlichkeit, nicht Zeit zu verlieren. Wenn Sie unserer Bitte entsprechen, können Sie vielleicht der Hauptstadt einen großen Schmerz ersparen. Ich habe meine Verantwortlichkeit eingesetzt, meine Kollegen haben dasselbe gethan, es ist nothwendig, daß auch Sie Ihre Verantwortlichkeit einsetzen. Hier giebt es keine Enthaltung; ich kann nur wiederholen, Jeder von uns muß seinen Theil an der Verantwortlichkeit übernehmen

Die Versammlung beschloß nach den Anträgen von Thiers die schleunigste Berathung und zwar zunächst am Abend in vertraulicher Kommissionssitzung.

In dieser nicht öffentlichen Sitzung wird Thiers den Abgeordneten den Gang der Verhandlungen und den Stand der Dinge in Frankreich und in Europa dargelegt haben, aus welchem sich die unerläßliche Nothwendigkeit ergab, jetzt die vereinbarten Friedensgrundlagen anzunehmen, um nicht Frankreich vollends dem Untergange verfallen zu lassen.

Die Kommission beschloß demzufolge einstimmig, der National-Versammlung die Annahme der Präliminarien zu empfehlen. Die entscheidende Sitzung fand schon am folgenden Tage (1. März) statt.

Der Berichterstatter der Kommission (Victor Lefranc) verliest den Bericht derselben und empfiehlt der Versammlung, die Friedenspräliminarien, so wie sie sind, anzunehmen.

Er deutet an, daß die Kommission der Versammlung nicht Alles sagen könne, was ihr selbst mitgetheilt worden: Jedermann werde ihre Zurückhaltung begreifen. Er dringt auf schleunige Entscheidung. Man müsse sich bald aussprechen, um Paris aus seiner peinlichen Lage zu retten. Der Patriotismus erheische die Annahme der Friedensvorschläge. So schmerzlich die Gebietsabtretungen seien, so müsse man doch der Drohungen des Feindes gedenken. Man habe noch größere Abtretungen befürchtet, als man sie jetzt unterzeichne. »Es ist

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