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No. 36. Provinzial-Correspondenz.
Neunter Jahrgang.
6. September 1871.

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Ein Jahr nach den Ereignissen bei Sedan.

Seit der denkwürdigen Schlacht bei Sedan, in welcher die vom Marschall Mac Mahon geführte und zur Entsetzung von Metz bestimmte französische Armee eine vollständige Niederlage erlitt, ist jetzt ein Jahr verflossen. Schon unmittelbar nach Beendigung des Kampfes offenbarten sich die Wirkungen des ungeheuren Schlages und bezeugten den Sieg der deutschen Waffen als ein Ereigniß ohne Gleichen in der Weltgeschichte. Freilich ging die allgemein verbreitete Erwartung, daß ein so gewaltiger und so klar entschiedener Waffengang zu einem baldigen Friedensschluß führen werde, nicht in Erfüllung; aber nichtsdestoweniger erkennt man gerade im Rückblick auf den Zusammenhang der inzwischen eingetretenen Ereignisse den bedeutungsvollen Umschwung, zu welchem die Tage von Sedan den Anstoß gaben.

Das unmittelbare militärische Ergebniß der Schlacht vom 1. September 1870 lag so deutlich zu Tage, daß kein Versuch zur Irreleitung der öffentlichen Meinung gelingen konnte. Solchen Thatsachen gegenüber, wie der Gefangengebung des Kaisers Napoleon und der Kriegsgefangenschaft einer ganzen Armee von 120,000 Mann, blieb für keinen Zweifel und keine Beschönigung Raum. Mit der Niederlage und Beseitigung der Mac Mahon'schen Armee war selbstverständlich das Schicksal von Metz mit dem großen Heere des Marschalls Bazaine entschieden und der Weg nach Paris für die deutschen Truppen freigelegt. Dem sachverständigen, unbefangenen Urtheil mußte sich daher die Ueberzeugung aufdrängen, daß der Krieg in Wirklichkeit beendigt sei, und daß Frankreich nichts Besseres thun könne, als seine Niederlage anzuerkennen und sich schleunigst mit dem Sieger über die Friedensbedingungen zu verständigen. Inzwischen aber vollzog sich im Innern Frankreichs eine Umwälzung, durch welche der natürliche Lauf der Ereignisse gekreuzt wurde. An die Stelle des durch Aufruhr gestürzten Kaiserthums trat eine Regierung, welche sich nur durch Nachgiebigkeit gegen die Volksleidenschaften und gegen den Kriegsrausch zu halten vermeinte und unter dem Vorgeben, daß die Napoleonische Politik allein den Krieg verschuldet habe, die billigen Forderungen Deutschlands von der Hand wies. Dieser Verblendung ist es zuzuschreiben, daß die Dauer des Feldzuges noch um viele Monate verlängert und Frankreich der äußersten Zerrüttung Preis gegeben wurde, ehe es sich den Bedingungen des Siegers unterwarf.

Aus dem Schlachtfelde von Sedan erwuchs nicht ein unmittelbarer Friedensschluß; aber die Früchte des Sieges waren schon damals für Deutschland gesichert, und in Frage blieb nur der Zeitpunkt, wann sie zur völligen Reife gelangen würden. Vor den Augen Europas war der seit Jahrhunderten schwebende Streit zwischen Deutschland und Frankreich ausgetragen, und zwar mit so nachdrücklicher und tiefgreifender Wirkung, daß fortan die Stellung der deutschen Nation durch das Gewicht ihrer eigenen Kraft gegen alle Anfechtungen der Feindschaft und Mißgunst gesichert erschien. Ehe die Würfel bei Sedan gefallen waren, konnte in politischen Kreisen noch der Gedanke aufkommen, daß bei schwankendem Kriegsglück wohl das Einschreiten anderer europäischer Mächte Raum finden und schließlich wie nach dem dreißigjährigen Kriege und nach dem Sturze des ersten Napoleon, ein diplomatisches Schiedsgericht mit dem Anspruch auftreten könnte, Deutschland die Grenzen seines Gebietes, seiner Entwickelung und seiner Selbstständigkeit vorzuzeichnen. Nach Sedan waren solche Möglichkeiten ausgeschlossen: das große Ereigniß hatte nicht nur den deutschen Truppen die Straße nach Paris geöffnet, sondern auch der deutschen Politik zur Erreichung der höchsten nationalen Ziele freie Bahn gemacht. Als der Sieg bei Sedan durch die vereinten Streitkräfte Deutschlands errungen war, da kam in Frankreich und in Europa die Ueberzeugung zum Durchbruch, daß die deutsche Nation berufen sei, fortan nur ihren eigenen Gesetzen zu folgen. Von dem Bewußtsein dieses Berufes war das Streben des deutschen Volkes und die Richtung der deutschen Politik seit langer Zeit geleitet worden; die Kraft des nationalen Einheitsgefühls, zuerst auf ruhmvollen Schlachtfeldern bewährt, hat seitdem auch auf dem Gebiete des innern

Staatslebens herrliche Erfolge errungen, und so steht Deutschland, ein Jahr nach der Entscheidung von Sedan, mit gesicherten Grenzen, in enggeschlossener Gemeinschaft und im Vollbesitze seiner Selbstständigkeit da.

Die Entwickelung Frankreichs nach den Tagen von Sedan verlief in entgegengesetzter Richtung. In Folge jenes zerschmetternden Stoßes kam nicht bloß die napoleonische Regierung zu Falle, sondern es schienen mit ihr auch alle Stützen zu brechen, auf welchen die staatliche Ordnung und der Zusammenhang der französischen Nation beruhen. Mit der Anspannung aller Kräfte für die Fortführung eines aussichtslosen Krieges hielt das Emporkommen der rohesten Leidenschaften und Begierden, wie sie aus dem Schlamme des Parteitreibens hervorwuchern, gleichen Schritt; die innere Verwilderung schlug Frankreich noch tiefere Wunden, als die Gewalt der deutschen Waffen, und die gräuelvolle Wirthschaft der Pariser Kommune bewies, wie weit die Mißachtung aller staatlichen und sittlichen Gesetze bereits vorgeschritten war. Der Friedensschluß kam zur rechten Zeit, um Frankreich nicht nur von den Drangsalen des äußeren Krieges zu befreien, sondern auch vor dem Abgrunde des Bürgerkrieges und der nationalen Auflösung zu retten.

Die französische Nation wird ernster, nachhaltiger Anstrengungen und vor Allem auch einer besonnenen Führung bedürfen, um ihre tiefen Schäden zu heilen.

In jüngster Zeit hat Frankreich einen Anlauf genommen, um seine staatlichen Zustände zu befestigen. Wie zum Jahresgedächtniß der Ereignisse nach Sedan, hat die Nationalversammlung in Versailles einen Beschluß gefaßt, vermöge dessen sie sich verfassunggebende Befugniß beilegt und für die ganze Dauer ihrer Wirksamkeit Herrn Thiers unter dem Namen eines »Präsidenten der Republik« als Oberhaupt der Regierung bestätigt. Man wird bei ruhiger Erwägung sich nicht dem Glauben hingeben können, daß durch einen solchen Beschluß die gegenwärtige Gestaltung Frankreichs Bürgschaften von zuverlässiger Festigkeit gewonnen habe. In der schwankenden Lage Frankreichs ist der Ausspruch einer parlamentarischen Mehrheit nicht ausreichend, um der Republik, der Nationalversammlung selbst oder der von ihr eingesetzten Obrigkeit dauernde Sicherheit zu verleihen. Indessen hat man Werth darauf zu legen, daß die Eintracht zwischen der Nationalversammlung und dem Regierungsoberhaupte neu besiegelt und Herrn Thiers die Möglichkeit gegeben ist, sich mit größerer Festigkeit und Zuversicht den Aufgaben zu widmen, deren Lösung das Wohl des Landes dringend verlangt. Unter diesen Aufgaben steht augenscheinlich die Befestigung des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich oben an. Auf deutscher Seite kann man es nur mit Genugthuung begrüßen, daß die Stellung des Staatsmannes sich befestigt, der durch das Gewicht seines Ansehens den Friedensvertrag zu Stande gebracht und bisher für die Ausführung desselben mit erfolgreichem Eifer gearbeitet hat. Niemand in Frankreich hat wohl für das Friedensbedürfniß des erschöpften Landes ein besseres Verständniß, als Herr Thiers, der den Ereignissen der jüngsten Zeit – den Erschütterungen im Innern und den Unterhandlungen mit den auswärtigen Mächten – so nahe gestanden hat. Wenn er aus dieser Erkenntniß heraus seine einflußreiche Thätigkeit für die Zwecke einer aufrichtigen Friedenspolitik fruchtbar macht, so wird Deutschland es gewiß nicht an Entgegenkommen fehlen lassen, um die schwebenden Unterhandlungen einem befriedigenden Abschluß entgegenzuführen und jeden Anlaß zu Mißhelligkeiten zwischen den beiden benachbarten Völkern nach Möglichkeit fern zu halten.


Erinnerungen aus dem Vorjahre.

30. August 1870. Treffen bei Beaumont. Die Armee des Marschalls Mac Mahon, welcher von Chalons zum Entsatze von Metz herangerückt war, wird von den deutschen Truppen erreicht und mit großen Verlusten auf Sedan zurückgeworfen.

1. September. Schlacht bei Sedan. Vollständige Niederlage des französischen Heeres.

Depesche des Königs an die Königin.

Auf dem Schlachtfelde von Sedan, 1. September 3¼ Uhr Nachmittags. Seit halb acht Uhr siegreich fortschreitende Schlacht

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