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No. 22. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
28. Mai 1873.

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oder Konstitutionen der Kongregation nur ein allgemeines Bild. Doch ist soviel zu ersehen, daß sie eine den Jesuiten ähnliche Organisation besitzen. Es steht fest, daß die in Deutschland befindlichen Brüder bisher von dem General-Superior in Paris vollständig abhängig waren.

Auch die Loslösung des Lazaristen von den Banden der Familie und des Vaterlandes entspricht dem Vorbilde des Jesuitenordens.

Die Wirksamkeit der Lazaristen ist ebensowohl auf Erziehung und Unterricht der Jugend, als auf Abhaltung von Missionen gerichtet, bei welchen letzteren Beichtstuhl und geistliche Exerzitien eine hervorragende Rolle spielen. Sie sind daher in der Lage, mit denselben Mitteln wie die Jesuiten auf die Bevölkerung zu wirken.

Bemerkenswerth ist, daß die Regel der Redemptoristen den letzteren die Haltung der geistlichen Uebungen an Orten nicht gestattet, wo Niederlassungen der Lazaristen sich befinden.

Diese Gleichstellung der Lazaristen mit den Redemptoristen spricht nach der Ansicht des Ausschusses um so mehr für die Ausschließung auch der Lazaristen, indem die Gefahr vorliegt, daß nach der Beseitigung der Jesuiten auch die Lazaristen in die Erbschaft derselben eintreten werden.

3) Die Kongregation vom heiligen Geist von dem französischen Geistlichen Des Places gegründet, erhielt 1855 auf päpstliche Anordnung die Bestätigung der Ordensregeln in ihrer gegenwärtigen Gestalt.

Die Kongregation hat in Preußen eine Niederlassung zu Marienthal (Regierungsbezirk Coblenz) und hier in Folge erzbischöflicher Bewilligung die Leitung der Demeriten-Anstalt. Im Uebrigen dienen sie als Hülfsgeistliche, indem sie in der Klosterkirche und in anderen Kirchen, wohin sie zur Aushülfe berufen werden, den Gottesdienst halten und predigen, auch den Religionsunterricht in der Elementarschule versehen. Eine zweite Niederlassung befindet sich in der, dem Bischof von Limburg zur Errichtung einer Diözesan-Rettungs-Anstalt für verwahrloste katholische Knaben überwiesenen Cistereienser-Abtei Marienstadt.

Die aus den Regeln ersichtliche Organisation entspricht in wesentlichen Beziehungen dem jesuitischen Vorbilde. An der Spitze steht ein General (Superior Generalis), welcher in dem Mutterhause zu Chevilly oder zu Paris residirt. Er wird von dem General-Kapitel gewählt, bedarf aber der päpstlichen Bestätigung. Dem General unterstellt sind die Provinzialen, von denen die Regel sagt, daß sie von dem General absolut abhängig sind.

Die Lehre vom Gehorsam ist dem Muster des Jesuitenordens nachgebildet. Auch die Stellvertretung Gottes durch den Obern ist ausgesprochen und zugleich mit dem Zusatze anerkannt, daß die Oberen für ihre Untergebenen die Verantwortlichkeit tragen. Der ganze Verfassungsbau ist so konstruirt, daß er dem Oberen eine sehr weit gehende Macht einräumt, der General und dessen Beiräthe aber befinden sich im Auslande und werden in der Regel auch Ausländer sein.

Vorstehende Gründe in Verbindung mit den Zwecken der Gesellschaft haben den Ausschuß zu der Ansicht bestimmt, daß die Kongregation von dem heiligen Geiste als den Jesuiten verwandt anzusehen sei. Für das Verbot fiel ferner der Umstand ins Gewicht, daß die Kongregation wegen ihrer umfassenden Zwecke in besonderem Maße geeignet erscheint, den Bestrebungen des im Deutschen Reiche aufgehobenen Jesuitenordens eine Zufluchtsstätte zu gewähren.

4) Die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu (du sacré coeur). In Betreff der weiblichen Orden ist ebensowohl von denjenigen, welche lediglich der Aszese gewidmet sind, als denjenigen, welche sich vorzugsweise mit Werken der Barmherzigkeit (Armen-, Krankenpflege u. s. w.) befassen, von vorneherein abgesehen worden. Wenn auch bei ihrer Thätigkeit die Verbreitung von Anschauungen, welche dem Jesuitenorden entlehnt sind, nicht ausgeschlossen bleiben mag, so ist doch eine derartige Einwirkung in engere Kreise gewiesen, und trägt daher an und für sich nicht den Charakter besonderer Gemeingefährlichkeit. Insoweit aber die Erziehung und der Unterricht der weiblichen Jugend den Zweck der Verbindung bildet, erscheinen auch weibliche Orden zur Verfolgung der Tendenzen des Jesuitenordens besonders geeignet, weil ihre Einwirkung auf Personen gerichtet ist, welche wegen ihres Alters schädlichen Einflüssen leicht zugänglich sind. Es liegt auf der Hand, daß der Staat gerade an der Erziehung der weiblichen Jugend mit Rücksicht auf das künftige Familienleben ein erhebliches Interesse besitzt. Für die Frage nach der Verwandtschaft mit den Jesuiten kommen daher diejenigen religiösen Frauen-Genossenschaften, welche Unterrichtszwecke verfolgen, wesentlich in Betracht, und es müssen diejenigen, welche den Jesuiten als Werkzeuge dienen und namentlich von ihnen beherrscht oder geleitet werden, wegen ihrer Gemeinschädlichkeit den Jesuiten an die Seite gestellt werden.

Von diesem Gesichtspunkte aus mußte die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu (du sacré coeur) vor Allem in Betracht kommen.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich gestiftet, verbreitete sich dieselbe nach der Schweiz, Italien, Polen, Belgien, Deutschland, England und Nordamerika. Sie hat in Preußen eine Niederlassung,

verbunden mit Noviziat und Pensionat, in der Vorstadt Ueberwasser bei Münster und ein Pensionat nebst Armenschule zu Oberwilda bei Posen. Außerdem befinden sich Niederlassungen in Kintzheim (Ober-Elsaß) und in Montigny bei Metz.

Amtlich ist berichtet, daß der Orden direkt von den Jesuiten gestiftet sei und von dem Pariser Mutterhause aus, an dessen Spitze die General-Oberin steht, durch die Jesuiten geleitet werde. Die Dames du sacré coeur seien unter den Frauenorden die eigentlichen Jesuitinnen und ständen hinter den Jesuiten nicht zurück in Verfolgung der am weitesten gehenden Zwecke dieses Ordens; sie seien eben so gefährlich wie dieser, durch Abtödtung aller Gefühle für Eltern und Vaterland, durch Vergötterung des Papstes und Frankreichs.

Die Gehorsamspflicht der Gesellschaft ist diejenige des Jesuitenordens. In den Vorgesetzten sollen sie die Person Jesus Christi erkennen und deren Befehle, Ansichten und Reprimanden, als erhielten sie dieselben unmittelbar von Jesus Christus, entgegennehmen. Eine Einschränkung des Gehorsams durch den Vorbehalt der Sünde ist nicht ausgesprochen, vielmehr kann die General-Oberin Befehle mit der Wirkung ertheilen, daß die Nichtbefolgung als Sünde gestraft wird.

Die Wirksamkeit der Gesellschaft umfaßt besonders die Erziehung von jugendlichen Pensionärinnen, den Unterricht armer Kinder und die Abhaltung geistlicher Uebungen, welche den Frauen der höheren Gesellschaft möglichst erleichtet wird. Die Erziehung junger Mädchen aus vornehmen Familien ist die Hauptaufgabe. Um dieselbe erfolgreicher und unabhängiger von äußeren Einflüssen erfüllen zu können, soll die Erziehung nur in Pensionaten geschehen, von denen andere Schülerinnen ausgeschlossen sind. Die Lehrschwestern sollen als höchsten Zweck die Verbreitung des katholischen Glaubens festhalten und nicht blos die Liebe zur katholischen Kirche, sondern auch den Gehorsam gegen den Papst, den Stellvertreter Christi, einprägen. Zu diesem Behufe sollen die Schülerinnen zu religiösen Uebungen, Gewissenserforschungen u. s. w. angehalten werden. Der Erfolg einer solchen Erziehung; kann kein anderer sein, als eine den Anforderungen des Ordens der Gesellschaft Jesu in allem dienstbereite Frömmigkeit und die Verkümmerung der Selbstständigkeit des eigenen Urtheils und des Willens. Der Zweck derselben ist somit derselbe, den die Erziehungsmethode der Jesuiten, das Vorbild der Genossenschaft, erstrebt.

Deshalb mußte die Gesellschaft des Sacré coeur als eine den Jesuiten verwandte Kongregation erkannt werden.


Unser Kaiser und König, dessen jüngstes Unwohlsein vollständig geschwunden ist, hat in diesen Tagen den großen Frühjahrsparaden der Berlin-Spandauer Garnison auf dem Tempelhofer, und der Potsdamer auf dem Bornstädter Felde beigewohnt. Am 24. gab Se. Majestät zur Feier des Geburtstages Ihrer Majestät der Königin Victoria im Königlichen Palais ein Galadiner, an welchem auch die beiden ältesten Söhne des Kronprinzlichen Paares Theil nahmen. Am 26. d. fand ein größeres militärisches Diner im Weißen Saale des Königlichen Schlosses, wie alljährlich am Tage der großen Berliner Frühjahrsparade, statt.


Ihre Majestät die Kaiserin Augusta wird nach neueren Bestimmungen am 2. oder 3. Juni nach Berlin zurückkehren.


Unser kronprinzliches Paar hat die letzte Woche in Venedig zugebracht, wo es vielfach herzlichen Verkehr mit dem Kronprinzen Humbert und dem Prinzen Amadeus von Italien gepflogen hat. Ihre Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten werden Ende dieser Woche in Berlin wieder eintreffen.


Der Schah von Persien wird nach den neueren Bestimmungen schon am Sonnabend (31.) zum Besuche am Hofe unseres Kaisers eintreffen. Die Ankunft desselben an der preußischen Grenze zu Eydtkuhnen erfolgt am Freitag (30.) früh, in Königsberg Nachmittags um 2 Uhr. Daselbst findet Empfang am Bahnhofe statt, von wo der Schah sich ins Königliche Schloß begiebt. Die Abreise von Königsberg erfolgt Sonnabend früh, die Ankunft in Kreuz, woselbst ein Frühstück eingenommen wird, um 1 Uhr, die Ankunft in Berlin auf dem Ostbahnhof nach ½6. Von da begiebt sich der Schah auf der Verbindungsbahn nach dem Potsdamer Bahnhof, woselbst der feierliche Empfang stattfindet.

Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers und Königs sollen dem Schah während seines Aufenthalts in Preußen überall die Ehrenbezeugungen in voller Ausdehnung zu Theil werden, welche für den feierlichen Empfang und die Begleitung fremder Souveräne vorgeschrieben sind.


Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin. Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).

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