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No. 14. Provinzial-Correspondenz.
Sechszehnter Jahrgang.
3. April 1878.

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Verhältnisse bedingten wenig zahlreichen Indienststellung von Schiffen ermöglicht wird, gewiß zu wünschen. Zu den früheren Fällen, in denen deutsche Schiffe einen ähnlichen Auftrag durchgeführt haben, gehörte das Erscheinen eines kleinen Geschwaders in Westindien im Jahre 1872 und die dadurch herbeigeführte Befriedigung einer Bremer Handelsgesellschaft, welche in Central-Amerika von Sabanilla nach Baranquilla eine Eisenbahn gebaut hatte und mit den Forderungen, die sie an eine der dortigen kleinen Regierungen hatte, trotz aller diplomatischen Vorstellungen nicht durchdringen konnte. Es gehört ferner dazu die Erlangung einer Entschädigung von Seiten der spanischen Regierung als Ersatz für den im Jahre 1874 durch die Karlisten herbeigeführten Verlust der deutschen Brigg »Gustav«. Bei den Suluinseln waren 1875 dem Verkehr von Kauffahrteischiffen sehr erhebliche Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg gelegt worden. Durch die wiederholte Absendung von Kriegsschiffen wurden diese gehoben und die Freigebung des Handels erlangt. Auf den Samoa-Inseln ward in den Jahren 1876 und 1877 durch die Einmischung der Korvetten »Hertha« und »Augusta« eine Vereinigung und Versöhnung von einander feindlichen eingeborenen Parteien im Interesse deutscher Handelsbeziehungen durchgesetzt. Die Versammlung eines deutschen Geschwaders in Hongkong im Frühjahr 1876 endlich zeigte den Chinesen, daß mit den Repressalien für die wiederholten Strandräubereien Ernst gemachte werden sollte, und übte sogleich einen heilsamen Druck auf die Entschließungen der chinesischen Regierung aus.«


Die Petitionen von Postbeamten. Die Budgetkommission des Reichstages hat in diesem Jahre mit dem Etat der Post- und Telegraphenverwaltung auch zahlreiche Petitionen aus den Kreisen der Post- und Telegraphenbeamten berathen. In dem schriftlich erstatteten Berichte war besonderer Werth auf die Prüfung der Frage gelegt, inwiefern Grund zu einer Unzufriedenheit der Beamten in dieser Verwaltung vorliegt, oder vielmehr der Anlaß zu den zahlreichen Petitionen, welche in den letzteren Jahren eingegangen sind, theils in einer Unkenntniß hinsichtlich der für die Ausführung des Etats leitenden Grundsätze, theis aber darin liegt, daß im Jahre 1871 durch die vom Reichstage genehmigte Reorganisation des Postwesens und die im Jahre 1876 vom Reichstage nicht minder genehmigte Verschmelzung der Post- und Telegraphenverwaltung nicht nur eine gewisse Unruhe in die Entwickelung der Personenverhältnisse eingedrungen ist, sondern auch manche Aussichten getrübt sind.

Die Kommission gab im Beginn ihres Berichts der allseitig gewonnenen Ueberzeugung Ausdruck, daß die Post- und Telegraphenverwaltung, weit entfernt davon, wie in den einzelnen Vorstellungen angedeutet ist, Ersparnisse auf Kosten der Beamten zu erzielen, im Gegentheil mit großem Wohlwollen bemüht ist, die Lage ihrer Beamten zu verbessern, und wenn sie durch die allgemeine Finanzlage gehindert ist, dieses Wohlwollen in der von ihr selbst gewünschten Weise zu bethätigen, der Grund in Verhältnissen liegt, denen eine einzelne Verwaltung gegenüber der allgemeinen Verwaltung sich zu fügen hat. Sie ist aber nicht minder der Ansicht, daß die Wünsche einzelner Klassen von Beamten, insbesondere der Sekretäre und Assistenten, weit über das Maß desjenigen hinausgehen, was bei der Berücksichtigung anderer Dienstzweige gewährt werden kann, daß bei den Ansprüchen der genannten Klassen von Beamten von denselben nicht genügend der Umstand berücksichtigt wird, daß schon in der ersten Dienststufe, der Vorbereitungszeit für den eigentlichen Dienst, im größeren Umfange Vergütungen gewährt werden als in anderen Dienstzweigen, und daß endlich gerade den Assistenten durch die im vorigen Jahre neu geschaffene Beamtenklasse der Oberassistenten die Möglichkeit höherer Besoldung gewährt ist.

Der Reichstag selbst hat sich dieser Auffassung der Kommission angeschlossen.


Der preußische Landtag ist am Sonnabend (30. März) geschlossen worden.

Die letzten Berathungen galten dem Nachtragsetat in Betreff einiger Veränderungen im Staatsministerium.

Nur einer der Vorschläge der Regierung, in Betreff der Bewilligung des Gehalts für einen besonderen Vize-Präsidenten, wurde vom Abgeordnetenhause angenommen, dagegen die Errichtung eines besonderen Eisenbahn-Ministeriums, dessen Wichtigkeit der Ministerpräsident Fürst Bismarck namentlich im wirthschaftlichen Interesse des Landes wiederholt und dringend hervorhob, – und ebenso die Verbindung der Domänen- und Forstverwaltung mit dem landwirthschaftlichen Ministerium, obwohl die Zweckmäßigkeit derselben fast allseitig anerkannt wurde, aus Gründen augenblicklicher Opportunität abgelehnt. Von gewichtiger Seite wurde übrigens nachgewiesen, daß es für Veränderungen in der Eintheilung der Ministerien eigentlich der Mitwirkung des Landtags nicht bedürfe.

Das Herrenhaus stimmte dem Nachtragsetat in der veränderten

Gestalt, wie er aus dem Abgeordnetenhause hervorgegangen war, am Sonnabend (30. März) zu.

Bald darauf erfolgte in gemeinsamer Sitzung beider Häuser durch Verlesung einer Allerhöchsten Botschaft Seitens des Justizministers Dr. Leonhardt der Schluß der Session.


Der Reichstag hat die Sitzungen der letzten Woche vorzugsweise der Fortsetzung der Berathungen über den Reichshaushaltsetat gewidmet, und nächst dem Etat der Post- und Telegraphen-Verwaltung vornehmlich den noch ausstehenden Theil des Militäretats, sowie den Etat der Eisenbahnen in den Reichslanden erledigt.

Nach der Feststellung des gesammten Etats wird es sich noch um die Beschlußnahme über die Deckung des verbleibenden Ueberschusses der Ausgaben über die Einnahmen handeln, wobei die allgemeinen Finanzfragen von Neuem zur Erörterung kommen müssen.

Die Session wird voraussichtlich am 13. über das Osterfest vertagt werden. Die weiteren Arbeiten werden kaum vor der zweiten Hälfte des Monats Mai erledigt werden können.


Unser Kaiser hat im Laufe der vorigen Woche wiederholt die Vorträge des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck entgegengenommen und die neuernannten Minister empfangen.

Seit Montag leidet Se. Majestät an den Folgen einer leichten Erkältung, doch ist in dem Allerhöchsten Befinden bereits wieder eine Besserung eingetreten.


Veränderungen im Staatsministerium.

Dem bisherigen Minister des Innern, Grafen zu Eulenburg, ist die wiederholt erbetene Dienstentlassung nunmehr von Sr. Majestät dem Könige unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers ertheilt worden.

Zum Minister des Innern ist der bisherige Ober-Präsident von Hannover, Graf zu Eulenburg, ernannt worden.

Gleichzeitig ist der Staatsminister Dr. Achenbach auf sein Ansuchen von der Leitung des Ministeriums für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten entbunden und demselben, unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers, das Ober-Präsidium für Westpreußen übertragen worden.

Zum Minister für Handel ist der bisherige Unter-Staatssekretär Maybach berufen worden.

Endlich ist der bisherige Ober-Bürgermeister von Berlin Hobrecht zum Staats- und Finanzminister ernannt worden.


Der Gegensatz zwischen England und Rußland in Bezug auf die weitere Behandlung der orientalischen Frage hat seit der vorigen Woche anscheinend an Schärfe noch gewonnen, indem die englische Regierung sich bewogen befunden hat, die Reserven einzuberufen.

Der Beschluß erscheint um so bedeutungsvoller, als sich in Folge desselben der bisherige Minister des Aeußern, Lord Derby, welcher vorzugsweise an dem Vertrauen auf eine friedliche Lösung der Schwierigkeiten festgehalten hatte, veranlaßt gesehen hat, seine Entlassung zu nehmen.

Die Botschaft, durch welche die Königin den Beschluß dem Parlamente mitgetheilt hat, erklärt die ergriffene Maßregel freilich nur damit, daß »der gegenwärtige Stand der Dinge im Orient und die damit zusammenhängende Nothwendigkeit, Maßregeln zu ergreifen für die Aufrechterhaltung des Friedens und zum Schutze der Interessen des Landes, einen Fall großer Dringlichkeit bilde

Der zum Nachfolger des Lord Derby berufene Lord Salisbury hat alsbald eine Depesche an sämmtliche Vertreter Englands im Auslande gerichtet, in welcher er den Friedensvertrag zwischen Rußland und der Türkei fast in allen Bestimmungen scharf angreift, um zu rechtfertigen, daß England nur an einem Kongresse Theil nehmen könne, welcher den ganzen Vertrag zum Gegenstande seiner Berathungen mache.

Inzwischen hat Rußland versucht, sich durch die Sendung des Generals Ignatieff nach Wien zunächst mit Oesterreich weiter zu verständigen. Die bezüglichen Verhandlungen scheinen dahin geführt zu haben, daß die österreichische Regierung ihre Auffassungen und Forderungen in Bezug auf die eigenen und die allgemein europäischen Interessen dem Friedensvertrage gegenüber bestimmter ausgesprochen hat.


Verantwortlich: der Herausgeber Dr. Friedrich Dörr. Berlin, gedruckt in der vormaligen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (unter Reichsverwaltung).

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