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III. Jahrgang. No. 134. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Montag, den 29. Dezember 1884.

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Die „Times" meldet aus Durban, 26. Dezember, die englische Flagge sei in St. Lucia aufgehißt worden. Der Gouverneur von Natal habe die Genehmigung zu diesem Schritte bei der englischen Regierung nachgesucht.

Aus Lissabon, 18. Dezember, wird gemeldet: Der deutsche Reichscommissar Dr. Gustav Nachtigal ist über Angra Pequena in das Innere des Landes vorgedrungen.


Wie auswärtige Blätter mittheilen, haben Deutschland, Spanien und England ein Protokoll unterzeichnet, kraft dessen Spanien seine streitigen Rechte auf den nördlichen Theil der Insel Borneo definitiv an England abtritt, wogegen andererseits die Souveränetät Spaniens über die Sulu-Inseln im indischen Archipel anerkannt wird. Beide Mächte gestatten Deutschland auf den genannten Inseln, soweit dieselben ihnen gehören, volle Schifffahrts- und Handelsfreiheit. Auch verbietet das Protokoll den Sklavenhandel.


Mit Bezug auf den Eindruck, den die (irrthümliche) Nachricht von einem Besuch des Fürsten Bismarck in Paris in der französischen Hauptstadt gemacht hat, schreibt man der Köln. Ztg. von dort:

„Falls man wissen wollte, von welchen Gesinnungen die „Franzosen", d. h. die Gegner Ferrys, Deutschland gegenüber beseelt sind, so hat man vollständig seinen Zweck erreicht; man will für den Augenblick in Frieden mit Deutschland leben, aber man ist weit davon entfernt, sich demselben zu nähern. Das Wort Moltkes: „Deutschland muß 50 Jahre unter den Waffen bleiben", hat nach wie vor seine Geltung".


Am 24. Dezember hat die Unterzeichnung des Vertrags zwischen Oesterreich-Ungarn und der afrikanischen Gesellschaft am Congo in Berlin stattgefunden, durch welchen die Flagge der letzteren als die eines befreundeten Staates von Seiten Oesterreichs anerkannt wird. Die Congogesellschaft ist nunmehr von Amerika, Deutschland, England und Oesterreich-Ungarn anerkannt worden; die Verhandluogen wegen Abschluß eines gleichen Abkommens mit Frankreich werden jetzt in Brüssel geführt.


Politische Wochenschau.
Aus dem Inlande.

Unser Kaiser und unsere Kaiserin haben das Weihnachtsfest in altgewohnter Weise im Kreise der Königlichen Familie verlebt. Am heiligen Abend fand im Kaiserlichen Palais die Weihnachtsbescheerung, zuerst für die Herren und Damen vom Hofe, und alsdann für die Königlichen Prinzen nebst ihren Familien statt. Das Kaiserliche Paar erfreut sich des besten Wohlseins.

Die westafrikanische Conferenz hat am 22. d. M. ihre letzte Sitzung gehalten und sich alsdann bis zum 5. Januar vertagt. Die meisten Vertreter der auswärtigen Staaten haben sich inzwischen nach ihrer Heimath begeben, um dort das Weihnachtsfest zu begehen.

Der Bundesrath hat gleichfalls eine Weihnachtspause eintreten lassen, vorher aber noch den Entwurf eines Postsparkassengesetzes und den Gesetzentwurf wegen Ausdehnung der Unfallversicherung auf den land- und forstwissenschaftlichen Betrieb zur Vorlegung an den Reichstag zum Abschluß gebracht.

Der Beschluß des Reichstages vom 15. December wegen Ablehnung der für die Errichtung einer zweiten Directorstelle im auswärtigen Amte geforderten 20,000 Mark hat in allen patriotischen Kreisen eine gewaltige Entrüstung hervorgerufen. Aus allen Theilen des Reiches sind dem Fürsten Bismarck zahllose Adressen, Resolutionen und Zuschriften zugegangen, die den Gefühlen des Volkes über das unerhörte Vorgehen der Reichstagsmajorität Ausdruck geben. In verschiedenen Kreisen tauchte auch der Gedanke auf, durch freiwillige Beiträge die vom Reichstage verweigerte Summe aufzubringen und alsdann dem Reichskanzler zur Verfügung zu stellen. Nachdem indessen bekannt geworden, daß Fürst Bismarck es nicht für thunlich erachtet, von einem solchen Anerbieten Gebrauch zu machen, ist der Plan entstanden, einen Bismarckfonds zu sammeln und denselben dem Fürsten an seinem nächsten, siebzigsten Geburtstage als Nationalgeschenk zur beliebigen Verwendung zu überreichen. Bereits ist zu diesem Zwecke ein Comité zusammengetreten, welchem angesehene Männer aus allen nationalgesinnten Parteien angehören, und hat einen Aufruf zur Schaffung eines solchen Bismarckfonds veröffentlicht. Dieser gewaltigen nationalen Bewegung gegenüber nimmt sich das Gebahren der Opposition kläglich genug aus. Die ultramontanen Organe bezeichnen einfach Alles, was ihnen nicht in den Kram paßt, als „Schwindel", verbergen indessen hinter ihrer vermeintlichen Kühle nur schwer ihren Aerger und ihre Beschämung. In Gemeinschaft mit gewissen freisinnigen Blättern suchen sie ferner dem Beschlusse des Reichstages seine eigentliche Bedeutung ab-

zusprechen, als ob es sich um irgend einen beliebigen Abstrich handle, zu welchem der Reichstag ein unzweifelhaftes Recht habe. Dem Urtheil der gesammten öffentlichen Meinung in ganz Europa gegenüber wird es indessen nicht gelingen, den wahren Charakter jener Demonstration wieder zu verschleiern. In Folge dieses Entrüstungssturms ist es wahrscheinlich, daß der in zweiter Lesung abgelehnte Posten in dritter angenommen werden wird, – wenigstens will ein größerer Theil der „Freisinnigen" alsdann dafür stimmen. Die Abgeordneten haben in den Weihnachtsferien gute Gelegenheit, sich von der Stimmung ihrer Wähler zu überzeugen: hoffentlich werden sie dann im neuen Jahre, eines besseren belehrt nach der Reichshauptstadt zurückkehren.

Aus dem Auslande.

Die letzte Woche des scheidenden Jahres hat ihren festlichen Charakter auch dieses Mal nicht verläugnet. Das einzige europäische Parlament, welches innerhalb derselben seine Thätigkeit fortsetzte, ist das französische gewesen. Das von demselben angestrebte Ziel der Beendigung der Budgetberathungen ist indessen nicht erreicht worden, da der Senat sich der Zumuthung, dieselben binnen zweier Tage zu absolviren, widersetzt und dadurch eine provisorische Ausgabenbewilligung nothwendig gemacht hat. – Rücksichtlich Chinas steht Alles auf dem alten Fleck; Friedensverhandlungen finden nicht statt und eine endgültige militärische Entscheidung erscheint ausgeschlossen, so lange die neuen französischen Verstärkungen noch nicht an Ort und Stelle eingetroffen sind. Die von Paris aus verbreitete Nachricht, daß der deutsche Reichskanzler einen Besuch in der französischen Hauptstadt beabsichtige; hat sich als Erfindung erwiesen, die an die Gerüchte von einer Reise des Fürsten Bismarck nach Süd-Europa geknüpft worden waren.

Der Unmuth Alt-Englands über die Mißerfolge von Mr. Gladstone's auswärtiger Politik ist mit besonderer Schärfe und Deutlichkeit zu Tage getreten, seit das sogen. deutsche Weißbuch genauere Auskunft über die Angra Pequena betreffenden Verhandlungen gegeben und die Nachricht von der Aufhissung der deutschen Flagge auf Neu-Guinea Bestätigung erhalten hat. Weitere Nahrung erhielt der englische Mißmuth durch die ungünstige Lage, in welcher Handel und Industrie sich befinden, und durch die Fortdauer der irländischen Wirren, an welche England immer wieder durch Dynamit-Attentate innerhalb seiner eigenen Grenzen erinnert wird. – Der Versuch, die verschiedenen Colonial-Regierungen des australischen Festlandes zu einem einmüthigen Protest gegen die deutsche Fußfassung auf Neu-Guinea zu bestimmen, ist als gescheitert anzusehen, da Neu-Südwales und Südaustralien sich gegen eine solche – ohnehin praktisch bedeutungslose – Kundgebung ausgesprochen haben. – Rücksichtlich des Sudan macht man sich auf das Schlimmste, d. h. auf die Vergeblichkeit der Expedition gefaßt, welche General Wolseley zum Behufe der Vefreiung Gordons entnommen hat. Seit dem 4. November fehlen alle Nachrichten aus Chartum, das trotz der ihm gewordenen Kunde von dem Herannahen einer Ersatzarmee nichts von sich hören läßt, und von dem Niemand mit Gewißheit anzugeben weiß, ob es sich zu behaupten vermocht hat.

Wie in andern Staaten, so hat sich auch in Rußland die Nothwendigkeit herausgestellt, die Theilnahme der Beamten an Erwerbsgesellschaften und gewerblichen Unternehmungen einzuschränken und zu regeln. Ein vom Kaiser bestätigtes, in voriger Woche verkündigtes Gesetz hat diese Verhältnisse im Einzelnen geordnet. Zum Beginn des neuen Jahres ist der Landtag des seit dem J. 1807 mit Rußland verbundenen Großfürstenthums Finnland zu seinen regelmäßigen Berathungen einberufen worden.


Personalien.

Der Regierungsrath Gaebel zu Posen ist zum Ober-Regierungsrath ernannt worden.

Die Regierungs-Assessoren Reichenau zu Marienwerder, von Hauteville zu Berlin, Maisan zu Posen, Brenken zu Münster, Sy zu Breslau, Leußing zu Cöln, sowie der Eisenbahndirector Moeller zu Breslau sind zu Regierungsräthen ernannt worden.

Dem ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Halle, Dr. Graefe, und dem ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Greifswald, Dr. Mosler, ist der Charakter als Geheimer Medizinalrath verliehen worden.

Dem ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität zu Greifswald und Director des botanischen Gartens, Dr. Münter, ist der Character als Geheimer Regierungsrath verliehen worden.


Die nächste Nummer dieser Correspondenz erscheint am Sonnabend, den 3. Januar 1885.


Verantwortlicher Herausgeber Dr. H. Klee, Berlin W., Mauerstr. 2. – Im Selbstverlag des Herausgebers. – Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei, Berlin, Stallschreiberstr. 34. 35.

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