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V. Jahrgang. No. 94. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber i. V.: Dr. jur. Hammann. Berlin, Freitag, den 24. September 1886.

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Wahrnehmung machen, daß die Abzahlungsgeschäfte gewöhnlich nur mit solchen Waaren handeln, deren Abschätzung für den Laien nicht so leicht ist, also namentlich mit Kleidern und Kleiderstoffen.

Diese Geschäfte sind sittlich und ökonomisch um so gefährlicher, als sie von der Ausbeutung gerade der wirthschaftlich Schwachen leben. Das System des Abzahlungsgeschäftes steht in grellem Gegensatz zu den auf Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen gerichteten Bestrebungen und zu den Bemühungen, den Sparsinn der Bevölkerung zu heben. Man wird deshalb dem Beschluß, welchen kürzlich der württembergische Gewerbeverein auf einer Wanderversammlung gefaßt hat, vollkommen beistimmen müssen. Der Beschluß lautet: „Das System der Waaren-Abzahlungsgeschäfte ist zu bekämpfen als verwerflicher Auswuchs des Erwerbslebens, welcher den auf Baarzahlung gerichteten Bestrebungen entgegenarbeitet, das solide Geschäft schädigt, eine wucherische Ausbeutung der weniger bemittelten Volksklassen begünstigt und so dem sittlichen und ökonomischen Verfall zuführt. Die Waaren-Abzahlungsgeschäfte sind daher möglichst zu unterdrücken und allerwenigstens streng zu controliren."


Die Volkszahl einiger deutscher Städte im 15. Jahrhundert und die damals übliche Ermittelungsweise des Standes der Bevölkerung.

Gegen Ende des Mittelalters und im Beginne der Neuzeit wurde nach einer von der Stat. Corr. im Anschluß an eine neuere Untersuchung Jastrow's gegebenen Darstellung die Volkszahl der Städte auf dreierlei Weise ermittelt, nämlich durch Zählung, durch Berechnung oder durch Schätzung. Die Zählung erbrachte natürlich die genauesten Ergebnisse, die Berechnung und Schätzung nur ungefähre.

Man zählte im 15. Jahrhundert die Bevölkerung vorzugsweise zu dem Zwecke, um den Verpflegungsbedarf der Städte für den Fall einer Belagerung kennen zu lernen Schon damals begnügte man sich nicht mit der Kenntniß der bloßen Kopfzahl, unterschied vielmehr bestimmte Bevölkerungsgruppen. Eine der ältesten Volkszählungen ist die von Nürnberg im Jahre 1449, zu welcher die damalige Belagerung durch den Markgrafen Albrecht von Brandenburg Veranlassung gegeben hat. Es sollte ermittelt werden, wie lange sich die Stadt noch ohne Zufuhr würde halten können. Sämmtliche Verzehrende wurden auf Grund eidlicher Vernehmung der Bürger in Listen aufgenommen. Hiernach betrug die damalige Bevölkerung Nürnberg's 20 165 Personen, von denen 17 583 auf die bürgerliche Bevölkerung, 446 auf die Geistlichkeit und deren Anhang, 150 auf die jüdische Bevölkerung und 1 986 auf sonstige Nichtbürger entfielen. Bringt man wegen der in Folge der Belagerung nach der Stadt geflüchteten Landbewohner einen Theil der Nürnberger in Abzug, so läßt sich für das Jahr 1449 Nürnberg's wirkliche Einwohnerzahl auf rund 20 000 Köpfe schätzen.

Jene Unterscheidung zwischen bürgerlicher Bevölkerung nebst Geistlichkeit und Juden mit ihrem Anhange einerseits und sonstigen Nichtbürgern anderseits entspricht ungefähr der jetzt üblichen Unterscheidung zwischen den zur Wohnbevölkerung gehörigen und den nur vorübergehend anwesenden Personen der ortsanwesenden Bevölkerung. Aus ähnlicher Veranlassung wurde in Straßburg i. E. während der Jahre 1473 bis 1477 der Stand der Bevölkerung ermittelt, hierbei jedoch nur die städtischen Bewohner von den in der Stadt befindlichen Landleuten unterschieden. Die Zählung ergab 26 198 Ortsanwesende, und zwar 20 722 Stadtbewohner und 5476 Landleute.

Wollte man die Volkszahl einer Stadt ohne Zählung durch Berechnung bestimmen, so ermittelte man in der Regel die Zahl der Haushaltungen und zählte jede derselben zu 5 Köpfen. Auf diese Weise wurde die Bevölkerung von Rostock im Jahre 1410 auf 13 935 Köpfe berechnet, da 2787 Haushaltungen dort vorhanden waren.

Zuweilen schätzte man die Volkszahl der Städte auch nach anderen Unterlagen, über welche sichere Nachrichten vorhanden waren, z. B. nach der Zahl der wehrhaften Bürger, nach dem Verbrauche gewisser Nahrungsmittel u. s. w.

Nach Vorstehendem scheinen die großen Handelsstädte Deutschlands im Mittelalter nicht, wie bisher vielfach angenommen worden ist, auch ihrer Volkszahl nach Großstädte, sondern vielmehr Mittel- oder Kleinstädte gewesen zu sein, deren politische Bedeutung durch ihren Handel und Gewerbefleiß, welche eine für jene Zeit außergewöhnliche Wohlhabenheit der Bürgerschaft herbeiführten und innerhalb der Städte beträchtliche Reichthümer anhäuften, bedingt worden ist. Die wenigen über Nürnberg, Straßburg i. E. und Rostock mitgetheilten Bevölkerungszahlen lassen freilich über die Richtigkeit dieser Annahme noch kein sicheres Urtheil gewinnen, und es wäre erwünscht, aus dem Materiale der Archive über die Volkszahl einer möglichst großen Zahl anderer deutscher Städte

für jene Zeit Nachrichten zu erhalten. Wenn auch eigentliche Zählungen nur selten vorgenommen sein werden, so finden sich in den Aufzeichnungen der Stadtschreiber doch häufig Angaben über die Zahl der Taufen, zuweilen auch über die Zahl der Gestorbenen, welche einen Schluß auf den gleichzeitigen Stand der Bevölkerung gestatten.


Politische Tagesfragen.

Der Prinzregent von Bayern verlieh dem kommandirenden General des 15. Armeekorps, General der Kavallerie v. Heuduck, das Großkreuz des Michaelordens, den Generallieutenants v. Massow und v. Grolmann das Großkreuz des Militär-Verdienstordens und dem General-Major v. Gottberg das Großkomthurkreuz des Militär-Verdienstordens.


Der Großherzog von Hessen ist, einer Einladung der Königin Viktoria folgend, mit der Prinzessin Irene zu mehrwöchentlichem Besuche auf Schloß Balmoral nach Schottland abgereist.


Der Afrikareiseude Junker, welcher nebst den Reisenden Schnitzler und Casati durch den Aufstand des Mahdi und durch die kriegerischen Verwickelungen verschiedener Negerstämme im Innern Afrikas zurückgehalten wurde und zu dessen Auffindung der Dr. Fischer ausgesandt war, scheint sich nach den neuesten Nachrichten aus Sansibar glücklich bis zum Victoria Nyanza durchgeschlagen zu haben, von wo aus er leichter nach Sansibar gelangen kann.


Bei der Landtagswahl in Posen für den verstorbenen Büchtemann wurde am Donnerstag der freisinnige Oberlandesgerichtsrath Schmieder in Breslau gewählt. Die Wahl erforderte ebenso wie bei Büchtemann zwei Wahlgänge. Im ersten Wahlgang erhielt Schmieder 82, der Pole 77 und der conservative Gegenkandidat 68 Stimmen. Im zweiten Wahlgang siegte darauf Schmieder mit 140 Stimmen über den Polen, welcher 76 Stimmen erhielt.


Kopfer, der demokratische Reichstagsabgeordnete für Mannheim, hat sein Mandat niedergelegt. Der Wahlkreis Mannheim war von 1871 bis 1878 nationalliberal vertreten, in letzterem Jahre fiel er an die Volkspartei und entsandte drei Legislaturperioden hindurch Herrn Kopfer in den Reichstag. Indessen gelang es dem letzteren immer nur durch harte Anstrengungen in engerer Wahl mit socialdemokratischer und clericaler Hülfe über den nationalliberalen Gegencandidaten zu siegen. Bei der letzten Wahl erhielt im ersten Wahlgange der nationalliberale Candidat 5901, der socialdemokratische 4846, der volksparteiliche 5359, in engerer Wahl der nationalliberale 7563, der volksparteiliche 9596 Stimmen. Bei dem Rückgang der Volkspartei ist es wohl möglich, daß ein Socialdemokrat mit einem Nationalliberalen in die Stichwahl kommt.


Der Diätenprozeß gegen den Socialdemokraten Kräcker ist in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht in Breslau zu Gunsten des Fiscus entschieden worden. In sämmtlichen Diätenprocessen haben nunmehr die Oberlandesgerichte entschieden, daß der Art. 32 der Reichsverfassung ein allgemeines klares Verbot enthält, das sich auf das öffentliche und auf das private Recht erstreckt. Der Proceß Kräcker wird voraussichtlich noch das Reichsgericht beschäftigen, an welches der Verurtheilte appelliren wird. Der Streitgegenstand ist auf 1501 ℳ beziffert worden, übersteigt also um 1 ℳ den Betrag, bis zu welchem die Oberlandesgerichte endgültig entscheiden und Berufung an das Reichsgericht ausgeschlossen ist.


Eisenbahn-Unglück auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin.

Bei Einfahrt des am Freitag 4 Uhr 4 Min. Vormittags von Potsdam ankommenden Extra-Reservistenzuges streifte derselbe unmittelbar vor der Halle des Potsdamer Bahnhofs einen über den Distanzpfahl stehenden leeren Wagenzug, wobei 2 besetzte Personenwagen erheblich beschädigt wurden.

11 Reservisten vom 3. Garde-Ulanen-Regiment wurden theils schwer, theils leicht verwundet. Die erste Hülfe wurde den Verwundeten von mehreren in der Nähe des Bahnhofs wohnenden Aerzten und Heilgehülfen, welche auf die Benachrichtigung seitens der Station sofort herbeieilten, geleistet. Die Ueberführung der Schwerverletzten erfolgte theils in das Garnison-Lazareth, theils in das Elisabeth-Krankenhaus. Dem 3. Garde-Ulanen-Regiment sind die Namen der Verletzten Behufs Benachrichtigung der Angehörigen sofort telegraphisch mitgetheilt. Die Untersuchung ist eingeleitet, der diensthabende Stations-Assistent ist vorläufig vom Dienst entbunden.

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