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No. 8. Provinzial-Correspondenz.
Fünfzehnter Jahrgang.
22. Februar 1877.

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innerlich geschwächt, theils durch die entschiedene Lossagung einer Anzahl besonnenerer Mitglieder (unter Führung des Abgeordneten Löwe), theils durch die während des letzten Wahlkampfes zur Entscheidung gelangte Lösung des bisherigen Zusammenhanges mit der national-liberalen Partei, aus welchem die Fortschrittspartei immer wieder eine größere Kraft und Bedeutung schöpfte, als ihr nach ihrer eigenen Stärke zugekommen wäre.

Diejenigen Parteien, welche in grundsätzlichem Gegensatze zur Reichspolitik stehen, die Ultramontanen, Polen und Partikularisten, sind aus dem Wahlkampfe in gleicher Stärke wie bisher hervorgegangen, – die Ultramontanen allerdings mit dem Verlust von einigen Stimmen, wenn man ihre Gesinnungsgenossen aus den Reichslanden Elsaß-Lothringen mit in Rechnung stellt. Die Socialdemokraten haben einen Zuwachs von 4 Stimmen errungen, welcher jedoch nicht ausreicht, ihre Gesammtstellung im Reichstage wesentlich zu verändern und sie zu einem selbstständigen Eingreifen in die parlamentarische Wirksamkeit zu befähigen, insofern sie dazu nicht Unterstützung aus anderen Parteigruppen finden.

Die Wahlen von Elsaß-Lothringen lassen sich zunächst in die eigentliche Parteigruppirung des Reichstages nicht wohl einfügen. Sie sind bis auf Weiteres nur für die Reichslande selbst von hoher Bedeutung. Die Wahl von sechs Abgeordneten der Autonomistenpartei, welche nicht mehr den bloßen Protest gegen die Lostrennung des Landes von Frankreich zur Grundlage ihres Verhaltens machen, sondern auf dem Boden der thatsächlich gegebenen Verhältnisse und mit den Mitteln, welche die Reichsverfassung und die Verfassung von Elsaß-Lothringen gewährt, daß Wohl des engeren Landes und die Entwickelung desselben zu möglichster Selbstständigkeit fördern will, die Wahl von sechs solchen Abgeordneten beweist freilich nicht, daß in Elsaß-Lothringen etwa deutsche Gesinnungen und Sympathien aufzukeimen beginnen, sie beweist vielmehr nur, daß die Elsässer als praktische Männer einem unfruchtbaren, bloßen Grollen nach außen hin entsagen und in thätigem Eingreifen das Bestmögliche für ihr engeres Vaterland erreichen wollen. Nichtsdestoweniger ist diese Wendung vom deutschen Standpunkte ebenso freudig und hoffnungsvoll zu begrüßen, wie sie auf französischer Seite als eine schwere Niederlage der dortigen Bestrebungen empfunden wird; denn es liegt auf der Hand, daß von dem Augenblicke, wo die wirklichen positiven Interessen von Elsaß-Lothringen von angesehenen Männern eigener Wahl im deutschen Reichstage ernst und wirksam wahrgenommen werden, die Blicke und Gedanken der dortigen Bevölkerung sich mehr und mehr nach dieser Seite wenden und unwillkürlich in Zusammenhang mit dem politischen und geistigen Leben Deutschlands treten werden. Die Sympathien und das bereitwillige Entgegenkommen, worauf die Reichslande sowohl Seitens der Regierungen, wie auch Seitens der Vertretung des deutschen Volkes sicher rechnen können, dürften dann weiter dazu beitragen, den Boden einer politischen Gemeinschaft für die Zukunft zu bereiten. So bedeutsam hiernach die in Rede stehenden Wahlen für Elsaß-Lothringen selbst sind, so läßt sich dagegen ein Einfluß derselben auf die Parteistellungen im Reichstage in bestimmter Richtung fürs Erste nicht vorhersehen.

So ist denn in Bezug auf die Zusammensetzung des Reichstages im Großen und Ganzen die einzige Veränderung von erheblicher Bedeutung in der Stärkung der konservativen Parteien zu finden.


Die Bedeutung und der Einfluß der konservativen Partei in der Volksvertretung waren während der letzten Jahre in Folge der Lossagung eines Theiles ihrer leitenden Kräfte von den unerläßlichen Aufgaben der Reichspolitik offenbar auf ein Maß herabgesunken, welches der Stellung und Geltung der konservativen Kreise im Lande nicht entsprach. Selbst von besonnenen Liberalen wurde das entstandene Mißverhältniß als ein ernster Mangel in unserem parlamentarischen Leben erkannt; der Regierung aber war eine nothwendige Stütze bei der Erfüllung der ihr obliegenden Aufgabe entzogen, eine gesunde Wechselwirkung und ein richtiges Gleichgewicht zwischen den konservativen und liberalen Kräften und Bestrebungen im Vaterlande zu sichern.

Neuerdings ist nun in konservativen Kreisen die Ueberzeugung mehr und mehr zum Durchbruch gekommen, daß es dringende Pflicht der gesammten konservativen Partei sei, wieder wirksamer und ersprießlicher als seither an der politischen

Bewegung der Gegenwart und an den unmittelbaren Aufgaben des Staatslebens Theil zu nehmen und nach dem positiven Einfluß zu ringen, auf welchen die konservative Partei nicht ohne Schädigung des Gesammtwohls verzichten darf. Die Bewegung, die sich innerhalb der konservativen Partei in der doppelten Richtung vollzogen hat, einer Annäherung der verwandten Parteigruppen den Weg zu ebnen und die Vereinigung derselben wieder zu einem festen Stützpunkt der Regierung zu machen, hat bei den Reichstagswahlen zu einer Stärkung der Partei geführt, welche den thatsächlichen und moralischen Einfluß derselben auf die parlamentarischen Entscheidungen unzweifelhaft erhöhen wird.

Für die neue Stellung der Partei fällt in's Gewicht, daß schon eine Vereinigung der konservativen Gruppen mit der national-liberalen Partei ausreicht, um eine Stimmenmehrheit für Beschlüsse zu sichern, in welchen das Einvernehmen zwischen der Reichsvertretung und Reichsregierung zum Ausdruck gelangt.

In dieser Richtung ist der konservativen Gesammtpartei unter den schwierigen Verhältnissen der Gegenwart unzweifelhaft eine große Aufgabe und ein weiterer Aufschwung vorbehalten, wenn sie mit aller Kraft wieder den Beruf erfaßt, ein vertrauensvolles Zusammenwirken aller gemäßigten und staatserhaltenden Kräfte zu fördern.

Das Streben aller besonnenen Elemente innerhalb der konservativen und liberalen Parteien muß Angesichts der neuerdings hervorgetretenen Gefahren entschiedener als je auf die Bildung einer parlamentarischen Mehrheit gerichtet sein, welche aus der Vereinigung aller reichsfreundlichen Kräfte die Macht schöpft, die gegen die Reichseinheit, wie gegen die Ordnungen des Staats und der Gesellschaft gerichteten Bestrebungen mit Erfolg zu bekämpfen und dem deutschen Volke die Zuversicht einer stetigen und heilbringenden Entwickelung auf allen Gebieten des staatlichen Lebens neu zu gewähren und zu stärken.


Preußeus Fürsten und die Armee.
Worte Sr. Majestät des Kaisers und Königs
bei dem Eintritt des Prinzen Wilhelm in das 1. Garde-Regiment z. F. am 9. Februar.

»Ich hätte gewünscht, Meinen Enkel, der heute in das öffentliche und Dienstleben tritt, dem Offiziercorps des 1. Garde-Regiments selbst vorstellen zu können, wie Ich es 1849 mit Meinem Sohne thun konnte, aber in dieser Jahreszeit muß Ich Mir bei Bewegung im Freien Schonung auferlegen. Daher habe Ich Sie, die nunmehrigen Vorgesetzten Meines Enkels, berufen, Ihnen denselben beim Beginn dieses, für ihn neuen Lebensabschnittes vorzustellen. Ihre Aufgabe wird es sein, ihn im Dienst und zu den Aufgaben des Soldaten zu erziehen.

(Sich zum Enkel wendend): Aus der Geschichte weißt Du, wie alle Könige Preußens, neben ihren anderen Regentenpflichten, stets eines ihrer Hauptaugenmerke auf das Heer gerichtet haben. Schon der Große Kurfürst hat durch persönlichen Heldenmuth seinen Schaaren ein unübertroffenes Beispiel gegeben. Friedrich I. wußte sehr wohl, daß, als er sich die Krone auf das Haupt setzte, er diesen kühnen Schritt zu vertheidigen genöthigt sein könne. Er wußte aber auch, daß seine schon erprobten Truppen ihm dies ermöglichen würden. Friedrich Wilhelm I. hat in der Garnison, welche Du nun beziehst und die man gern die Wiege der preußischen Armee nennt, den festen Grund zu ihrer Organisation durch die strenge Disziplin gelegt, welche er Offizieren und Soldaten einprägte, ohne welche keine Armee bestehen kann und dieser – sein – Geist lebt heute noch in ihr fort. Friedrich der Große übernahm mit seinem angeborenen Feldherrntalente diese festgegliederten Truppen als Kern seiner Armee, mit der er die Kriege führte und die Schlachten schlug, die ihn unsterblich gemacht. Friedrich Wilhelm II. mußte zuerst einer veränderten Kriegsart begegnen, welcher gegenüber das Heer doch nicht ohne Lorbeeren aus dem Kampfe hervorging. Mein Königlicher Vater begegnete dem gleichen Feinde, und ein schweres Geschick traf Vaterland und Heer. Aber das Alte, Unhaltbare beseitigend, reorganisirte er die Armee und gründete sie auf Vaterlandsliebe und Ehrgefühl. So erreichte er mit ihr Erfolge, welche auf ewige Zeit in den

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