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No. 22. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
28. Mai 1873.

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Eine neue Regierung in Frankreich.
(Uebersicht.)

Die innere Entwickelung Frankreichs, auf welche schon seit dem vorigen Herbst die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet war, ist in den letzten Wochen zu einer unerwartet schroffen Wendung gelangt.

Merkwürdiger Weise bildete den Ausgangspunkt der jüngsten Verwickelung und Verwirrung gerade die von patriotischer Befriedigung, gerechtem Stolz und hoffnungsreichen Aussichten erfüllte Botschaft, mit welcher der bisherige Präsident der Republik im November v. J. die Nationalversammlung bei ihrer Wiedervereinigung begrüßte. Herr Thiers durfte damals mit höchster Genugthuung auf die Lage des Landes, wie sie sich unter seiner Verwaltung gestaltet hatte, namentlich auf die Wiederbelebung des öffentlichen Verkehrs und Vertrauens, auf die neue Bewährung der finanziellen Kraft und des Kredits Frankreichs hinweisen, welche in schwerer Zeit eine in der That glänzende Probe bestanden hätten, Dank der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung, deren Vollgenuß die Regierung dem Lande wieder gesichert habe. Gleichzeitig aber kündigte der Präsident der Republik an, daß es nunmehr die Aufgabe sein werde, die Republik, welche als die gesetzliche Regierung des Landes bestehe, kräftig zu organisiren, ihr das wünschenswerthe und nothwendige Gepräge einer »konservativen Republik« aufzudrücken. Jede Regierung, die Bestand haben solle, müsse konservativ sein, unter einer Regierung, die es nicht sei, könne keine Gesellschaft bestehen. Die Republik werde konservativ sein oder zu Grunde gehen.

Die stolze und zuversichtliche Botschaft fand in der Nationalversammlung von vornherein nicht die entschiedene Zustimmung, auf welche der Präsident rechnen zu dürfen gemeint hatte. Die rechte Seite der Versammlung, welche von den auf die monarchische Staatsform hinstrebenden Parteien gebildet wird, nahm Anstoß daran, daß die Republik als „die gesetzliche Regierung des Landes" bezeichnet und noch mehr daran, daß das Bestreben verkündet wurde, der republikanischen Staatsform Dauer zu geben. Man erkannte darin eine Verleugnung des sogenannten Uebereinkommens von Bordeaux, d. h. der zwischen Thiers und den Führern der Mehrheit der Nationalversammlung damals getroffenen Vereinbarung, nach welcher die Entscheidung über die endgültige Staatsform der Zukunft vorbehalten bleiben, das gemeinsame Streben dagegen zunächst darauf gerichtet sein müsse, für die Wiederaufrichtung der Ordnung im Innern und für die Befreiung des französischen Gebietes von der deutschen Occupation zu sorgen.

Für die Politik des Präsidenten Thiers war es gegenüber der Rechten in hohem Grade bedenklich, daß die demokratischen Elemente der Versammlung unter Führung Gambetta's der Botschaft des Präsidenten laut zustimmten und sich als seine Bundesgenossen hinstellten, augenscheinlich in der Hoffnung, die Republik, welche Herr Thiers als eine konservative zu gründen gedachte, demnächst ihrerseits nach ihren demokratischen Grundsätzen gestalten zu können.

Die Verstimmung der Rechten äußerte sich in einer Reihe von Anträgen, welche dem Mißtrauen gegen die innere Politik der Regierung immer entschiedener Ausdruck geben sollten. Dieselben wurden zwar schließlich immer abgelehnt oder nur in erheblich abgeschwächter den Wünschen der Regierung mehr entsprechender Gestalt angenommen; aber es geschah einerseits nur mit schwachen Majoritäten, andererseits nur mit Hülfe der demokratischen Linken, während die konservativen Parteien sich immer mehr der Regierung entfremdeten und sich immer fester selbstständig zu schaaren suchten.

Vor einigen Monaten schien es, als sollte ein neuer bedeutender Erfolg der Politik des Präsidenten Thiers seine Stellung auch den Parteien gegenüber neu befestigen und stärken. Der Abschluß der jüngsten Uebereinkunft mit Deutschland, durch welche das Werk der Befreiung Frankreichs von der fremden Okkupation der Erfüllung erheblich näher gerückt wurde, fand in ganz Frankreich eine so lebhafte Anerkennung,

daß dem Präsidenten auch Seitens der Nationalversammlung einmüthig der Dank des Landes bezeugt wurde.

Unter dem Eindruck der damaligen Stimmungen glaubte der Präsident der Republik zur Ausführung seiner in der Botschaft angekündigten Absicht, die Regierung des Landes auf festere, dauernde Einrichtungen zu gründen, auf die bereitwillige Unterstützung der Mehrheit der Nationalversammlung rechnen zu dürfen, und in der That war es ihm gelungen, über den hierzu einzuschlagenden Weg eine vorläufige Vereinbarung mit derselben zu treffen, als auf Anlaß der jüngst vollzogenen Wahlen neue tiefe Zerwürfnisse zwischen der Regierung und der Rechten der Versammlung eintraten.


Die Ersatzwahlen, welche während der Vertagung der Nationalversammlung stattgefunden haben, wurden von Seiten der Regierung, wie von den Parteien gewissermaßen als eine Probe angesehen, inwieweit die öffentliche Meinung in Frankreich mit der von der Regierung kundgegebenen Absicht der dauernden Gründung der Republik übereinstimme.

Die Nachwahlen fielen fast durchweg im Sinne der Republik aus, aber freilich nicht zu Gunsten einer „konservativen Republik", wie sie Herrn Thiers vorschwebte; vielmehr waren die Gewählten mehr oder weniger entschiedene Anhänger der demokratischen Republik, wie sie Gambetta und dessen Anhang erstreben.

In Paris besonders war der Ausfall der Wahl sehr bedeutsam. Während die Regierung des Präsidenten die größten Anstrengungen machte, um die Wahl des Ministers des Auswärtigen Grafen Rémusat, welcher mit Thiers die Ehren des letzten diplomatischen Abschlusses theilte, in der Hauptstadt Frankreichs zu sichern, und in einer solchen Wahl eine Kundgebung der öffentlichen Zustimmung zu der gesammten Regierungspolitik zu gewinnen, – wurde dem Kandidaten der »konservativen Republik« von Seiten der Partei Gambetta's ein Kandidat der äußersten Demokratie entgegengestellt, dessen frühere Wirksamkeit in Lyon jüngst von der Nationalversammlung gebrandmarkt worden war. Der hochverdiente Minister des Präsidenten unterlag dem demokratischen Kandidaten.

Diese Wahl, sowie ähnliche Wahlergebnisse in verschiedenen Theilen Frankreichs, waren nach den ausgesprochenen Absichten der radikalen Partei vor Allem gegen die konservative Mehrheit der Nationalversammlung gerichtet; durch die Kundgebung der öffentlichen Meinung bei den Wahlen sollte der Beweis geführt werden, daß der Geist der Versammlung nicht mehr dem Willen Frankreichs entspreche. Gleichzeitig mußte jedoch der Präsident der Republik erkennen, daß sein Streben für die Aufrichtung dauernder republikanischer Einrichtungen in dem von ihm festgehaltenen konservativen Sinne so wenig auf Seiten der alten republikanischen Linken, wie auf Seiten der monarchischen Rechten Zustimmung und Unterstützung finde.

In dieser Lage glaubte Herr Thiers den Versuch machen zu müssen, Behufs Durchführung der Republik sich auf eine starke und einheitliche Mittelpartei in der Nationalversammlung zu stützen. Um eine solche zu sammeln und zu befestigen, wollte er zunächst sein Ministerium selbst einheitlich aus Männern zusammensetzen, welche mit ihm von der Nothwendigkeit der Gründung einer „konservativen Republik" als dauernde Regierungsform überzeugt wären. Er nahm daher eine Veränderung des Ministeriums in der Richtung vor, daß er einerseits den bisherigen Minister des Innern, welcher entschieden auf Seiten der Rechten stand, andererseits den bisherigen Unterrichtsminister, einen früheren demokratischen Republikaner, entließ, und statt derselben neue Minister aus den Reihen der gemäßigten, seiner Politik durchaus ergebenen Mittelpartei berief.

Dieser Schritt des Präsidenten der Republik führte den Bruch mit der Rechten der Nationalversammlung herbei. Dieselbe hatte bereits in dem Ausfall der jüngsten Wahlen eine schwere Bedrohung der konservativen Interessen des Landes erkannt und glaubte, von dem Präsidenten, als dem von der Nationalversammlung berufenen Vertrauensmann, um so mehr ein entschiedenes Zusammenwirken Behufs Wahrung dieser

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