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No. 22. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
28. Mai 1873.

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Interessen fordern zu dürfen. In der Entlassung des einzigen Ministers, der ihrer Partei angehörte, erblickte sie dagegen eine Kundgebung der Absicht, von der bisherigen konservativen Politik abzugehen, und war nunmehr entschlossen, die der Nationalversammlung als der Vertreterin der Volkssouveränetät zustehende selbstständige Autorität rückhaltlos zur Geltung zu bringen.


Beim Beginn der neuen Session trat die feste Einigung aller Fraktionen der Rechten und ihr entschiedener Gegensatz gegen die Politik des Präsidenten Thiers alsbald in dem gesammten Verhalten der Versammlung hervor. Gleich in der ersten Sitzung wurde ferner von mehr als 320 Mitgliedern, nahezu der Hälfte aller Abgeordneten, ein ausdrücklicher Antrag gestellt, nach welchem der Präsident aufgefordert werden sollte, Auskunft über die Gründe des letzten Ministerwechsels zu geben, indem zugleich die Nothwendigkeit einer entschieden konservativen Politik scharf betont wurde.

Bei der Verhandlung über diesen Antrag wurde von dem Haupturheber desselben, dem Herzog von Broglie, zur Begründung desselben etwa Folgendes geltend gemacht:

Die Gefahr der Lage habe sich bei den letzten Wahlen enthüllt: sie liege in der Möglichkeit, daß die radikale Partei über kurz oder lang zur Herrschaft gelange. Dieselbe sei aber nicht blos eine politische, sondern eine soziale Partei; sie bedrohe die Grundlagen der Gesellschaft mit Vernichtung. Sie stehe selbst zur Pariser Kommune in sehr rücksichtsvollen Beziehungen; Gambetta habe noch jüngst die Ansicht ausgesprochen, man habe die Kommune geschmäht und sei ihr eine Genugthuung schuldig. Deshalb fordere auch die radikale Partei die Auflösung der Nationalversammlung. Wenn erst eine neue Kammer mit radikaler Majorität wieder in Paris einziehe, dann werde die Revanche für die Pariser Kommune da sein. Diese Aussicht erfülle die Gesellschaft mit Schrecken und bilde die Gefahr der Lage.

Wie aber habe sich die Regierung zu dieser Gefahr gestellt? Es seien zwei Strömungen innerhalb der Regierung vertreten gewesen, eine offen feindliche gegen den Radikalismus, daneben eine andere voll Schonung und freundlicher Beziehungen zu demselben. Diese beiden Richtungen haben sich lange in demselben Ministerium bekämpft. Jetzt sei das Ministerium verändert; aber der allgemeine Eindruck sei, daß das neue Ministerium ein neuer Schritt in der Richtung der Zugeständnisse und der Schonungen für die radikale Partei sei. Diese Auffassung gründe sich namentlich auf den Rücktritt desjenigen Ministers, welcher recht eigentlich die Anschauungen und Interessen der großen konservativen Mehrheit vertrat. Derselbe sei nicht deshalb entlassen worden, weil er zu wenig republikanisch, sondern deshalb, weil er zu konservativ gesinnt war. Es solle nunmehr der Regierung bedeutet werden, daß der Schwankungen, der Zugeständnisse und der Schonungen für die radikale Partei jetzt genug sei. Es handele sich um die ewigen Grundlagen der Gesellschaft überhaupt: man solle nicht den Feinden der Gesellschaft die Thore öffnen und ihrem Triumphe in die Hände arbeiten.


Der Präsident der Republik Thiers hielt in der Sitzung vom Sonnabend, 24. Mai, eine glänzende Rede zur Vertheidigung gegen diese Angriffe.

Er nahm die gesammte Verantwortlichkeit für das, was geschehen, für sich allein in Anspruch. Er werde sich mit dem Stolz eines guten Gewissens und eines hingebenden Patriotismus erklären. Man wisse, daß er die Gewalt niemals gesucht habe; aber er könne mit Genugthuung auf seine Regierung zurückschauen. Er sei auf seinen Posten unter den schwierigsten Verhältnissen, die jemals in der Geschichte eines Landes eingetreten seien, berufen worden, und habe ihn aus bloßem Pflichtgefühl angenommen. Es galt damals, ohne Finanzen, ohne Armee, die Fremden mitten im Lande und unter den schwersten Parteikämpfen eine Regierung wiederherzustellen. Die Nationalversammlung selbst, sei durchaus gespalten: da sei es nicht leicht, zu regieren. Die Einen wollen die Republik, die Anderen die Monarchie: beide Ueberzeugungen seien ehrenwerth. Das Wort Republik möge Viele schrecken; aber die Republik könne unter den jetzigen Verhältnissen wohl die natürliche Regierungsform sein, wenn sie nur mit Weisheit und Maß geübt werde. Die Masse der Bevölkerung sei jedenfalls republikanisch. Die Zukunft der Republik hänge aber davon ab, daß sie das Land nicht erschrecke, sondern beruhige; deshalb müssen Männer der Ordnung am Ruder sein, unerbittlich gegen jede Störung des Friedens. Eine Parteiregierung würde nur selbst die öffentliche Ruhe in Gefahr bringen. Er dürfe sich darauf berufen, daß er den großen Aufstand der Kommune bewältigt habe. Das Land und ganz Europa habe der Regierung Vertrauen geschenkt. »Die beruhigte Industrie (fuhr Thiers fort) nahm ihre Thätigkeit wieder auf; das Land fühlte sich wieder Herr seiner selbst und gab sich durch die beiden glänzenden Anleihen kund, welche die Befreiung des Landesgebiets herbeigeführt. Und wo stehen wir heute? Vier Milliarden sind bezahlt; die Bezahlung der fünften ist gesichert, und am 4. September wird die Befreiung eine vollständige sein. Noch

mehr! Was sehen wir im Auslande? Während finanzielle Krisen überall um uns herum ausbrechen, ist der Kredit Frankreichs, ungeachtet seiner großen Kriegsschuld, nicht im Geringsten erschüttert. Indem Frankreich eine solche Lebenskraft zeigte, gewann es sein Ansehen wieder. In ganz Europa glaubt man an Frankreich und achtet seine Regierung. Wenn wir unsere Armee wiederherstellen, woraus ich kein Hehl mache, so nimmt das Niemand Wunder; wir rüsten, weil wir in der europäischen Gemeinschaft den uns gebührenden Rang einnehmen wollen, nicht aber, weil wir auf Krieg sinnen. Europa schenkt unseren Worten Glauben. Nach Innen halten wir die materielle Ordnung ihrem ganzen Umfange nach aufrecht. Der Grund der moralischen Beunruhigung liegt in der noch ungelösten Frage der Regierungsform. Das Provisorium ist gefährlich, indem es die Arena für alle Parteien frei läßt; Gewaltthätigkeiten der einen haben Gewaltthätigkeiten der andern zur Folge. Wir suchten die Zukunft so lange als möglich offen zu halten; wenn wir aber im rechten Augenblicke Ihnen sagen, daß es nun mit dem Provisorium nicht mehr gehe, so ist das doch noch lange kein Verrath. Ein alter Anhänger der Monarchie, kann ich jetzt kein Hehl daraus machen, daß die Monarchie bei uns unmöglich ist. Sie selbst gestehen das indirekt ein, indem Sie sagen, daß Sie nicht für die monarchische, sondern für die konservative Sache kämpfen. Es giebt nur einen Thron und drei haben auf demselben nicht Platz. (Unruhe rechts.) Wenn die gegenwärtige Regierung beständig verkannt und beschimpft wird, so liegt das an dem Provisorium. Ich bedauere, daß ich mich von zwei Ministern trennen mußte; aber es war nun einmal ein einheitliches, homogenes Ministerium nothwendig und darum wählte ich Männer, die in der Hauptsache meine Ideen theilten. Mit den konstitutionellen Gesetzen bieten wir Ihnen die Hand; das werden Sie erst bei aufmerksamerer Durchlesung derselben erkennen. Unabweislich war es allerdings geboten, ihnen eine definitive Bestimmung der Regierungsform voranzuschicken. – Wir glauben daß wir, indem wir Ihnen diese Entwürfe zur Gründung der konservativen Republik vorlegen, recht eigentlich als Konservative handeln. Die letzten Wahlen sind nicht so beunruhigend, als man glauben machen wollte. Die konservativen Kandidaten unterlagen, weil man ihnen immer monarchische Hintergedanken zutraute. Wenn erst die Republik außer Frage sein wird, dann werden die Wahlen nicht mehr einen extremen Charakter haben. In dieser Absicht legten wir Ihnen unsere Gesetzentwürfe vor. Wenn auch diese sich unwirksam erweisen sollten, dann wäre freilich nur für die Diktatur Platz, und wohin diese führt, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Ich kenne keinen anderen Ausweg, als eine regelmäßige, rechtmäßige, unbestrittene Regierung oder die Diktatur. Die Diktatur? Will man diese? Der, welchem man sie anbietet, wird sie annehmen! Aber vergessen Sie nicht, daß die Diktatur der großen Männer uns zu Grunde gerichtet hat. Die Diktatur der kleinen Männer wird uns auch zu Grunde richten, und dabei hätten wir nicht einmal den Ruhm; denn 1815 wurden wir auf glorreiche Weise besiegt. Sie wissen, wie man uns 1870 besiegte. Wenn Sie unser Mittel nicht annehmen, so müssen Sie zwischen zwei Extremen wählen: zwischen denen, welche die Republik nicht konstituiren wollen, und denen, welche eine konstituirende Versammlung wollen, um ihre, Doktrinen zur Herrschaft zu bringen. Möge man es nicht vergessen, daß nur unser Mittel die Lösung geben kann!«


Die Entscheidung erfolgte noch an demselben Tage. Nach der Rede des Präsidenten, welche die größte Aufregung hervorrief, wurde die Sitzung kurze Zeit unterbrochen. Nach der Wiederaufnahme wurde die Berathung bald geschlossen und ein Antrag, dahin zielend:

Die Nationalversammlung spricht ihr Bedauern aus, daß die jüngsten Ministeränderungen den konservativen Interessen nicht die Genugthuung gewährt haben, welche sie erwarten durften, mit 360 gegen 344 Stimmen angenommen.

In Folge dieses Beschlusses ließ Herr Thiers noch an demselben Abend eine Botschaft an die Versammlung gelangen, durch welche er seine Entlassung als Präsident der Republik beantragte.

Die Nationalversammlung nahm dieses Gesuch ohne Zögern an; ein Antrag, die Demission nicht anzunehmen, wurde mit 368 gegen 339 Stimmen zurückgewiesen, und die Versammlung schritt alsbald zur Wahl eines neuen Präsidenten.

Der Marschall Mac Mahon, Herzog von Magenta, wurde mit 390 Stimmen zum Präsidenten gewählt und sofort als solcher ausgerufen.

Noch in derselben Nachtsitzung ging folgendes Schreiben Mac Mahon's an den Präsidenten der Versammlung ein:

»Meine Herren Repräsentanten! Ich gehorche dem Willen der Nationalversammlung, der Trägerin der Souveränetät der Nation, wenn ich das Amt eines Präsidenten der Republik annehme. Eine schwere Verantwortlichkeit wird damit meinem Patriotismus auf-

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