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IV. Jahrgang. No. 14. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 3. Februar 1885.

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weder die Absicht sein, die Reichen reicher und die Armen ärmer zu machen, noch ist anzunehmen, daß, wenn eine solche Wirkung auch nur möglich wäre, gerade diejenigen Parteien, welche die Socialreform auf ihre Fahne geschriellen haben, mit der Erhöhung der Kornzölle einverstanden wären. Wenn von dieser Seite diese Maßregel befürwortet wird, so geschieht dies nur, um die Nothlage der Landwirthschaft zu beseitigen, d. h. dasjenige Gewerbe, welches die Rohstoffe zur Nahrung und Kleidung des Volkes liefert, zu schützen und so die wichtigste Grundlage für das Leben des Volkes wie für den Staat aufrechtzuerhalten. Das geschieht weder im Interesse einer Partei oder einer Berufsklasse, noch zum Schaden der arbeitenden Klassen in den Städten, sondern das geschieht im Interesse des gesammten Volks und des Staates. Diese Erkenntniß wird mehr und mehr durchdringen, und dann werden diejenigen, welche das Volk nur als Mittel zum Parteizweck gebrauchen, und die Kolonialfrage lediglich dazu benutzen, um ein Geschäft für ihre eigene Partei zu machen, gewiß auch von den städtischen Massen über Bord geworfen werden.


Die Einwände gegen die Getreidezölle.

Die Hauptargumente der Gegner gegen die Getreidezölle sind folgende: einmal behaupten sie, daß die Zölle nur einer geringen Zahl von Großgrundbesitzern Vortheile bringen, und sodann, daß sie die Lebensmittel zum Nachtheil der ärmern Klassen vertheuern. Prüft man diese Argumente auf ihren wahren Werth und betrachtet man sie genauer, so stellt sich heraus, daß sie in Wahrheit das Gegentheil von dem beweisen, was sie beweisen sollen, und daß sie sich gegen den Standpunkt ihrer Urheber selbst kehren.

Dies wird des Näheren in einer Brochüre des bairischen Oekonomieraths Dr. Löll mit dem Titel: „Der Getreideschutzzoll, eine Nothwendigkeit für Deutschland", ausgeführt. Der Verfasser, welcher aus seiner siebenundvierzigjährigen praktischen landwirthschaftlichen Erfahrung schöpft, stellt sich – und das wollen wir auch einmal an seiner Hand thun – auf den Standpunkt der Getreidezoll-Gegner, d. h. er giebt zu, daß nur ein Theil der Landwirthe direkten Vortheil von den Zöllen hat und daß das Brod theuerer wird, und dennoch fordert er die Verdreifachung der Getreidezölle, nicht im Interesse der sog. „Agrarier", sondern im Interesse selbst der kleinsten Landwirthe, nicht zum Schaden des armen Mannes, sondern zu seinem Vortheil und zum Nutzen des gesammten Landes.

Diejenigen kleinen bäuerlichen Wirthschaften, welche kein Getreide verkaufen, sondern Mehl zukaufen müssen, haben sich in hervorragender Weise der Viehzucht zugewandt. Die Viehpreise stehen augenblicklich hoch, sind aber doch schon im Vergleich zum Anfang der Siebziger Jahre gesunken, weil sich die Viehzucht ausgedehnt hat; eine Ueberproduktion an Vieh ist sehr leicht möglich. Wenn nun die Großbauern und Großgrundbesitzer wegen der stetig sinkenden Getreidepreise sich genöthigt sehen, den Getreidebau einzuschränken und ihr Heil immer mehr in der Viehzucht zu suchen, so muß dies einen weiteren Rückgang der Viehpreise zur nothwendigen Folge haben. Die weitere Folge würde sein, daß sich die Einnahmen aller Kleinbauern außerordentlich vermindern werden, und daß ihnen das gekaufte billige Mehl doch sehr theuer zu stehen kommt. Also auch diese Kleinbauern haben ein großes Interesse daran, daß die Preise des Getreides nicht unter seine Produktionskosten sinken. Ebenso fällt der Vortheil derjenigen kleinen Landwirthe in die Augen, welche nur wenig Getreide verkaufen können. 30 oder 60 Mk., die sie mehr erzielen könnten, werden Tausende von Bauern vor Verschuldung bewahren, und geben Vielen das Mittel, ihre Steuern zu bezahlen, deren wegen sie jetzt zum Wucherer gehen müssen. Außerdem haben auch diese einen indirekten Vortheil von der Erhöhung der Getreidepreise, insofern hierdurch ein weiteres Sinken der Viehpreise verhütet wird.

Was nun aber die Getreide- und Lebensmittelpreise anbetrifft, so führt der Verfasser an der Hand sorgfältiger Untersuchungen aus, daß sie nicht gleichen Schritt gehalten haben mit den übrigen Preisverhältnissen. In den vierziger Jahren gingen die ersteren dauernd in die Höhe. Die Folge war, daß auch die Löhne stiegen, zumal in Folge der großen Eisenbahnbauten und der immer weiteren Ausdehnung der Industrie. Seit dem Jahre

1830 sind die Löhne und Verdienste der Handwerker und Geschäftsleute um 200 bis 300 und mehr Procent gestiegen, die Getreidepreise aber stiegen bis zu den siebziger Jahren nur um 72 Procent, mit dem Beginn der achtziger Jahre sind sie auf 62 Procent, in den letzten drei Jahren auf 56 Procent der Getreidepreise von Mitte der dreißiger Jahre gesunken, und zwar allein durch die übermäßige Getreideeinfuhr. Diese hat das Gleichgewicht in den Preisen aller Dinge und Leistungen gestört. Während die Arbeiter ihre gegenwärtigen hohen Löhne den Jahren verdanken, als die Getreidepreise hoch standen, sind letztere gesunken, ohne daß erstere ihnen gefolgt sind. Dieses Mißverhältniß kann jedoch nicht lange andauern: eine Fortdauer oder ein weiteres Sinken der Getreidepreise muß auch die Löhne wieder herabziehen. Wenn die Landwirthe, um nicht finanziell ruinirt zu werden, bei den niedrigen Getreidepreisen ihre baaren Ausgaben auf das äußerste einschränken müssen, so würde dies eine allgemeine Geschäftsstockung zur Folge haben und wäre gleichbedeutend mit einer Herabdrückung des Arbeitslohnes. Nimmt man an, daß die Getreidezölle nicht nur den Getreidepreis, sondern auch den Brodpreis erhöhen – eine Annahme, welche wir für ungerechtfertigt halten, die wir aber einmal mit dem Verfasser gelten lassen wollen – so würde die Erhöhung der Getreidezölle eben nur das bisher gestörte Gleichgewicht in den Preisverhältnissen wieder herstellen. Wollte man aber auch ferner mit dem Verfasser den Getreidezollgegnern Recht geben, daß die Erhöhung der Getreidezölle sich als ein einseitiger Vortheil für die Landwirthschaft und als ein Nachtheil für die Consumenten herausstellt, so würde, wie der Verfasser mit Recht darthut, die Folge die sein, daß dann auch alle anderen Dinge und Leistungen, namentlich aber die Arbeitslöhne im Preise steigen würden.

Wie gesagt, eine solche Folge halten wir für unwahrscheinscheinlich. Aber angenommen, der von den Getreidezollgegnern vertretene Standpunkt wäre richtig, so ergiebt sich nach den gewiß zutreffenden Darstellungen des Verfassers, daß weder in dem einen, noch in dem anderen Falle von der Uebervortheilung einer Klasse vor der anderen die Rede sein kann, und daß die nachtheiligen Wirkungen für den armen Mann, für den die Freihändler eine Lanze brechen, jedenfalls nicht zu befürchten sind.


Neuigkeiten aus der Verwaltung.

Nachdem bereits seit längerer Zeit die Cholera in Frankreich wieder erloschen ist, hat der Kultusminister die Verfügung vom 2. Aug. v. J., betreffend das Verbot der Ein- und Durchfuhr von gebrauchter Leib- und Bettwäsche, gebrauchten Kleidern, Hadern und Lumpen aller Art aus Frankreich mit dem 1. Februar d. J. wieder aufgehoben.


Politische Tagesfragen.

Kaiser Wilhelm, der von seinem Unwohlsein erfreulicher Weise wiederhergestellt ist, empfing am Sonntag die Präsidenten des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses, welche sich nach geschehener Constituirung der beiden Häuser in üblicher Weise Seiner Majestät vorzustellen hatten.


Der Bundesrath hat in seiner Sonnabendsitzung die Vorlage betreffend den Abschluß eines Auslieferungsvertrages zwischen dem Reich und Rußland dem Ausschuß für Justizwesen überwiesen und den Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1879 im Wesentlichen nach den von den Ausschüssen für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Gewerbe gemachten Vorschlägen angenommen.


Die Nationalliberale Correspondenz berichtet über die Vorgänge in der letzten Sitzung der Dampfersubventions-Commission, daß, als die Nationalliberalen und Conservativen nach Ablehnung der Linien nach Afrika und Australien vor Schluß der letzten Abstimmung diesen Torso für werthlos erklärt hatten, Herr Eugen Richter geantwortet habe: „Dahin wollten wir Sie gerade haben." Diese Worte bestätigen die Annahme, die sich Einem schon längst aufdrängte, daß die Freisinnigen und die mit ihnen Verbündeten, in der Scheu, sich dem populären Gesetz gegenüber direct ablehnend zu verhalten, darauf ausgegangen sind und noch ausgehen, die Vorlage zu verstümmeln und für die Freunde des Gesetzes unannehmbar zu machen, um letztere dann zu beschuldigen, durch ihren Uebereifer das Gesetz zu Falle gebracht zu

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