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No. 22. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
28. Mai 1873.

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erlegt; aber unter dem Beistande Gottes werden wir, gestützt auf die Ergebenheit der Armee, die immer eine Armee des Gesetzes sein wird, und auf die Sympathien aller ehrlichen Leute, gemeinschaftlich das Werk der Befreiung unseres Landes und die Wiederherstellung der moralischen Ordnung in unserem Vaterlande vollenden und den inneren Frieden und die Grundsätze, auf welche die Gesellschaft gegründet ist, aufrecht erhalten. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort als ehrlicher Mann und Soldat.«

Der neue Präsident der Republik setzte unverweilt ein neues Ministerium ein, an dessen Spitze der Herzog von Broglie steht und dessen Mitglieder den drei monarchischen Parteien (Legitimisten, Orleanisten und Bonapartisten) angehören.

Die Regierungsveränderung vollzog sich unter vollkommener äußerer Ruhe. Die Führer der radikalen Partei erließen einen Aufruf an die Bevölkerung von Paris, in welcher es heißt:

»In der Lage, in welche Frankreich durch die augenblickliche politische Krisis versetzt ist, erscheint es durchaus nothwendig, daß die öffentliche Ordnung nicht gestört wird. Wir beschwören Euch, Alles zu vermeiden, was Veranlassung geben könnte, die Erregung zu steigern. Bleibt ruhig, es handelt sich um das Wohl Frankreichs und der Republik.«

In der That ist die Ruhe bisher weder in Paris, noch in den Provinzen gestört worden.


Die Einsetzung der neuen Regierung in Frankreich, welche sich lediglich auf Grund der inneren Verhältnisse des Landes vollzogen hat, scheint die Beziehungen zum Auslande und namentlich die Erledigung der noch schwebenden Verpflichtungen Deutschland gegenüber nicht zu berühren.

So sehr es als eine politische Ehrenpficht erscheint, grade in dem Augenblicke, wo der bisherige Präsident der französischen Republik unerwartet seine Stellung aufzugeben genöthigt ist, nochmals auszusprechen, wie derselbe durch sein ebenso loyales wie staatsmännisch umsichtiges Verhalten vor Allem dazu beigetragen hat, das Friedenswerk zwischen Frankreich und Deutschland an und für sich und die Ausführung desselben zu beschleunigen, – so liegt es doch der deutschen Regierung jetzt, wie in dem ganzem Verlaufe der letztjährigen Ereignisse fern, ihre Erwägungen und Wünsche in Betreff der Beziehungen zu Frankreich irgendwie auf das Gebiet der inneren Politik des Nachbarlandes auszudehnen.

Unser Verhältniß zu der neuen Regierung Frankreichs wird sich einzig und allein nach der Haltung bestimmen, welche dieselbe zu Deutschland und namentlich in Bezug auf die Erfüllung der übernommenen vertragsmäßigen Verpflichtungen beobachtet. Nach den ersten Ankündigungen ist zu erwarten, daß die jetzige Regierung in dieser Beziehung lediglich die bisherige Politik fortzusetzen Willens ist.

Wenn von verschiedenen Seiten theils die Hoffnung, theils die Besorgniß geäußert wird, daß Frankreich unter der neuen Regierung konfessionellen Gesichtspunkten einen Einfluß auf seine auswärtige Politik einräumen werde, so mag diese Annahme sich auf die Erwägung innerer französischer Parteiverhältnisse gründen. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß dieselben mit irgend welchem Erfolge in Betreff der Stellung Frankreichs in den Fragen der auswärtigen Politik zur Geltung gelangen sollten.

Unter allen Umständen darf Deutschland mit dem Gefühl völliger Sicherheit und Ruhe auf die neue Entwickelung der französischen Verhältnisse blicken.


Verbot der dem Jesuitenorden verwandten Genossenschaften.

Zur Ausführung des Gesetzes über den Orden der Gesellschaft Jesu, nach dessen Bestimmungen auch die demselben verwandten Genossenschaften verboten werden sollen, ist nunmehr durch eine Bekanntmachung des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck der Beschluß des Bundesrathes verkündet worden, daß als solche Genossenschaften folgende vier anzusehen sind: die Redemptoristen, die

Lazaristen, die Priester vom heiligen Geist und die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu (du sacré coeur). Die Niederlassungen dieser Genossenschaften im Gebiete des Deutschen Reiches sollen spätestens binnen sechs Monaten aufgelöst werden.

Diese Beschlußnahme ist in dem vorher erstatteten Bericht des Ausschusses für Justizwesen in Bezug auf die einzelnen Genossenschaften durch folgende Thatsachen begründet.

1) Die Kongregation der Redemptoristen (des heiligsten Erlösers). Dieser Orden, von dem Neapolitaner Alphons Maria Liguori 1734 gegründet und nach ihm auch der Orden der Liguorianer genannt, erhielt die Bestätigung seiner Regeln und Konstitutionen 1749 durch Breve des Papstes Benedikt XIV. Die Ausbreitung des Ordens zunächst nach Polen und demnächst nach Deutschland, Frankreich, Belgien, England u. s. w. erfolgte zu Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts, mithin zu einer Zeit, wo der Jesuitenorden aufgehoben war. Niederlassungen der Redemptoristen befinden sich in Preußen zu Trier, wo der Superior provincialis residirt, zu Kloster Hamikolt (Reg.-Bez. Münster), zu Aachen und zu Bornhofen, ferner vielfach in Bayern.

Die Redemptoristen sind schon im Laufe des vorigen Jahrhunderts als ein Zweig des Jesuitenordens betrachtet worden. Ihre Verwandtschaft mit dem letzteren läßt sich nicht in Abrede stellen.

Ihre Thätigkeit ist auf den zu eigenem Urtheil weniger befähigten, der Einwirkung am leichtesten zugänglichen Theil der Bevölkerung berechnet. Ihre Tendenz hat sich mit der der Jesuiten im Wesentlichen als übereinstimmend erwiesen, die Redemptoristen sind für die ungebildete Landbevölkerung, was die Jesuiten für die gebildeteren Klassen der städtischen Bevölkerung.

Die Ordensregel verlangt von den Mitgliedern der Kongregation unbedingten Gehorsam und faßt den Gehorsam ganz im Sinne des Jesuitenordens als Verläugnung nicht nur des Willens, sondern auch des Urtheils auf.

Auch die Redemptoristen sollen ihren General als Stellvertreter Gottes betrachten.

Die Wirksamkeit des Ordens besteht nach innen in der Ausbildung seiner eigenen Mitglieder für die Ordenszwecke, nach außen aber vornehmlich in Missionen, über deren Abhaltung namentlich auf dem Lande der Rektor zu wachen hat. Namentlich auf die kleineren ländlichen Orte soll das Augenmerk gerichtet werden. Als Mittel für seine Wirksamkeit dienen dem Orden die Predigt, der Beichtstuhl, ferner die Katechisationen und endlich die geistlichen Uebungen, die der Bildungsstufe, dem Alter und Geschlecht angepaßt werden.

Was die Wirksamkeit der Redemptoristen in Preußen betrifft, so halten sie von Bornhofen aus in der Diözese Limburg Volksmissionen ab und nehmen das ganze Jahr hindurch Geistliche und Laien zur Abhaltung geistlicher Exerzitien in ihr dortiges Kloster auf. Sie sind im Gottesdienste und in der Beichte an der dortigen Wallfahrtskirche thätig, welche noch jetzt von sehr zahlreichen Prozessionen und einzelnen Wallfahrern – der amtliche Schematismus der Diözese Limburg für das Jahr 1863 giebt deren Zahl auf 20,000 an – besucht wird. In den Regierungsbezirken Trier, Arnsberg und Münster haben sie sich gleichfalls mit Missionen beschäftigt. Eine in dem letzteren Bezirke im vorigen Sommer beabsichtigte Mission haben sie möglichst geheim gehalten.

Es besteht kaum ein Orden, in dem das Vorbild des Jesuiten-Ordens eine so getreue Nachbildung erfahren hat, wie in den Regeln der Redemptoristen.

2) Die Lazaristen sind von einem französischen Geistlichen Vincent de Paul zum Seelenheile des Landvolkes und der niederen Stände 1624 gegründet. Sie erhielten als Residenz das Kollegium St. Lazare in Paris, daher der Name Lazaristen.

Dieselben haben in Preußen Niederlassungen in Cöln, Neuß und Münstereifel, wohin sie von dem Erzbischof von Cöln, Kardinal Geißel, vor den Jesuiten zur Leitung im Knabenkonvikt berufen wurden und wo sie noch heute, zwar nicht mehr mit dem Unterrichte selbst, aber mit der Beaufsichtigung und der häuslichen Erziehung betraut sind. Außerdem haben sie im Regierungsbezirk Cöln die Leitung des Pensionats in der Ritterakademie zu Bedburg. Die Lazaristen in Cöln werden von dem Erzbischofe zur Aushülfe in der Seelsorge verwendet. Aus der Cölner Niederlassung residiren Lazaristen zu Malmedy, ferner in Heiligenstadt (Regierungsbezirk Erfurt), wo sie zur Beaufsichtigung der Zöglinge im Seminarium Bonifacium verwendet werden, sich aber außerdem mit Beichtehören beschäftigen. In gleicher Eigenschaft als Erzieher und Hausväter fungiren Lazaristen im bischöflichen Konvikt zu Hildesheim. Auch in den östlichen Provinzen Preußens sind die Lazaristen verbreitet. Zu Kloster Springborn, im Kreise Heilsberg, verwalten sie seit etwa 1869 im Auftrage des Bischofs von Ermeland die Demeritenanstalt (Korrektionshaus für Geistliche, die ihrem Berufe untreu geworden), halten aber auch in den umliegenden Kreisen Missionen ab. Endlich versehen in Kulm, wo ein Provinzial-Oberer zu residiren scheint, Mitglieder derselben Kongregation kraft Auftrags des dortigen Bischofs, den Gottesdienst an der Anstaltskirche der Barmherzigen Schwestern und verwalten die Seelsorge über das Personal des Instituts und der in demselben verpflegten Kranken.

Der Wirkungskreis der Lazaristen ist erheblich umfassender als der der Redemptoristen. Ueber ihre Organisation geben die Regeln

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