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No. 19. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
8. Mai 1873.

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Die Weltausstellung in Wien.

Während Kaiser Wilhelm in der Hauptstadt des russischen Reiches verweilt und dort Beweise aufrichtiger Freundschaft und Verehrung empfängt, hat der deutsche Kronprinz als Gast des Kaisers von Oesterreich an der Eröffnung der Wiener Weltausstellung Theil genommen. Nach beiden Richtungen wenden die Blicke der Völker sich mit gleicher Aufmerksamkeit und gleicher Befriedigung, weil das öffentliche Urtheil sich mehr und mehr in der Ueberzeugung bestärkt, daß durch die Vorgänge in beiden Hauptstädten die Hoffnungen auf einen dauernden Friedensstand festeren Anhalt gewinnen.

In der That wohnt jenen großen Veranstaltungen, bei welchen die Völker der Erde die Erzeugnisse ihrer Arbeit wetteifernd und festlich zur Schau stellen, außer der Wichtigkeit für die wirthschaftlichen Verhältnisse auch eine politische Bedeutung bei. Schon der Plan einer solchen Schaustellung kann nicht mit Zuversicht gefaßt und mit Erfolg verwirklicht werden, wenn die nächsten politischen Aussichten nicht eine friedliche Entwickelung hoffen lassen. Je weitere Kreise aber die Weltausstellungen zum Wettkampfe in den Leistungen des Gewerbfleißes, der Kunst und der Wissenschaft heranziehen, um so mehr befestigt sich in den Völkern das Bewußtsein von der Gemeinsamkeit ihrer Interessen. Wenn ihnen in einem großen Ueberblick eine Vorstellung von den Vortheilen geboten wird, die durch das Zusammenwirken vielseitiger Kräfte und durch den ungestörten Verkehr zwischen den verschiedenen Ländern zu erlangen sind, so müssen sie um so lebhafter den Wunsch hegen, sich zur Erhaltung des Friedens und zur gemeinsamen Arbeit für die Förderung des Wohlstandes und der Kultur die Hand zu reichen.

Wie sehr auch die politischen Erfahrungen, welche nach der feierlichen Verkündigung solcher Hoffnungen bei der Weltausstellung in Paris gemacht worden sind, den Glauben an die nachhaltige Kraft und Bedeutung jener Friedensfeste abgeschwächt haben mögen, so entspricht es doch dem deutschen Sinn und Geist an und für sich und zugleich dem Geist, in welchem die deutsche Nation jüngst ihre Wiedergeburt gefeiert hat, daß sie ihrerseits jener erhebenden Hoffnung auf eine friedliche und brüderliche Entwickelung der Völker und auf eine gemeinsame Pflege der wirthschaftlichen und geistigen Interessen nicht entsagt.

Mit erhöhtem Eifer aber betheiligt sich Deutschland an der jetzigen Wiener Ausstellung, weil die Einladung zu dem Friedensfeste von dem innig befreundeten Nachbarreiche ausgegangen ist. Alle Organe, welche den Gesinnungen Deutschlands einen aufrichtigen Ausdruck geben, haben einstimmig ihre Befriedigung darüber ausgesprochen, daß es der Hauptstadt Oesterreichs vergönnt war, das gemeinnützige Werk in die Hand zu nehmen und im großartigen Maßstabe durchzuführen. Mit Recht hat der österreichische Minister-Präsident bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung bemerkt, das Gelingen des Vorhabens lege Zeugniß von der steigenden Macht und dem wachsenden Ansehen des Landes ab. Allerdings brachte die österreichisch-ungarische Monarchie das Bewußtsein ihrer inneren Lebenskraft und das Vertrauen auf die Zukunft zur Geltung, als sie sich an die Spitze eines Unternehmens stellte, das mit unberechenbaren Schwierigkeiten und Opfern verbunden war. Vor aller Welt wollte sie augenscheinlich den Beweis liefern, daß sie aus allen inneren und äußeren Krisen unerschüttert an Macht und Ansehen hervorgegangen sei und sich den höchsten Kulturaufgaben gewachsen fühle.

Deutschland blickt mit freudiger Theilnahme auf das politische Erstarken und das wirthschaftliche Gedeihen der österreichisch-ungarischen Monarchie; die Worte, mit welchen Fürst Bismarck noch während des französischen Krieges die neuen herzlichen Beziehungen zu Oesterreich anknüpfte, sind in Wahrheit der Ausdruck der deutsch-nationalen Gesinnung und Wünsche:

„Die ungehemmte Entfaltung der materiellen Interessen beider Länder wird auf unsere politischen Beziehungen eine wohlthätige Rückwirkung äußern. Deutschland und Oesterreich-Ungarn werden mit Gefühlen gegenseitigen Wohlwollens auf

einander blicken und sich zur Förderung der Wohlfahrt und des Gedeihens beider Länder die Hände reichen."

Indem die große Ausstellung unter der schützenden Obhut des Kaisers Franz Joseph zu glücklicher Stunde in das Leben getreten ist und einen eben so erfolgreichen, wie glänzenden Verlauf zu nehmen verheißt, ist die öffentliche Meinung Europa's nicht im Zweifel, welchen Antheil an der günstigen Entwickelung der letzten zwei Jahre die umsichtig geleitete Politik Oesterreich-Ungarns hat, die aufrichtig der Erhaltung des allgemeinen Friedens zugewendet ist und in dem Freundschaftsverhältniß zum Deutschen Reich eine der kräftigsten Stützen dieses Strebens erkennt.


Das Zweimarkstück.

Die Meinungsverschiedenheit zwischen Bundesrath und Reichstag über die Zulassung des Zweimarkstücks (Gulden) unter die neuen Reichsmünzen ist auch bei der Schlußberathung über das Münzgesetz nicht gelöst worden.

Es erscheint nothwendig, die Gründe, welche den Bundesrath bestimmen, der anscheinend grundsätzlich nicht wichtigen Frage ein so großes Gewicht beizulegen, bestimmter hervorzuheben.

Bei der Berathung des Münzgesetzes am 22. April sagte der Bundeskommissarius, Geheime-Rath Michaelis, über diese Frage Folgendes:

Ich komme zu dem Vorschlage, ein Zweimarkstück (gleich dem österreichischen Gulden) zu prägen. Meine Herren, bedenken Sie Eines: bei der Berathung über die Ausprägung der Goldmünzen hat zur Diskussion gestanden die Wahl zwischen dem österreichischen Gulden als Einheit und der Mark, und mit sehr großer Majorität hat dieses Haus die Entscheidung getroffen zu Gunsten der Mark, und es ist dabei ganz sicher sehr entscheidend der Gedanke gewesen, daß eine Einheit zu schaffen sei, von welcher man vollkommen sicher sein könne, daß sie überall durchgeführt werde in den Köpfen, Rechnungen und Gewohnheiten der Menschen, damit es zur Wahrheit werde, daß man in Nord und Süd überall nach einer und derselben Münze rechnen werde. Der Gulden ist uns sowohl im Norden, als im Süden bekannt und vertraut, und man kann nicht leugnen, daß es gewiß Manchem bei dem Uebergange von dem gegenwärtigen zu dem zukünftigen System vertrauter sein würde, zum Guldensystem überzugehen und einem alten Bekannten zu begegnen. Die Gefahr ist nur, daß mit dem Gulden andere Begriffe verbunden werden, als nach dem Gesetze damit verbunden sein sollen, nämlich, daß der Begriff der Silberwährung und eines andern Fußes mit dem Gulden in Verbindung bleibe, während wir eine Goldwährung einführen. Das war damals ein entscheidender Grund. Das Volk, welches nicht blos schriftlich und im Kopfe rechnet, sondern seine Rechnung sehr gern mit Münzen auszuführen liebt, hat also zur Auswahl zwei Münzsysteme, wo es mit dem einen den Begriff des Guldensystems, und mit dem andern den Begriff des Marksystems verbindet. Welches von diesen beiden Systemen in diesem oder jenem Distrikte des Reiches die Oberhand gewinnen werde, das haben Sie, das hat die Gesetzgebung nicht in der Hand. Dadurch, daß Sie ein volles dezimal getheiltes Guldensystem herstellen, führen Sie die Gefahr herbei, daß das System, welches bei Erlaß des Gesetzes über die Ausprägung von Reichsgoldmünzen beabsichtigt wurde, nicht überall durchgeführt wird, daß die Einheit des Münz- und Rechnungssystems, die man begründen wollte, nicht erreicht wird, weil sehr viele Kreise, denen der Gulden vertrauter ist als die Mark, nun in ihrem täglichen Verkehr nach Gulden, statt nach Mark, ihre Preise zu bezeichnen und mithin auch zu rechnen pflegen.

Der andere Zweck des Gesetzes, der durch die Einfügung des Zweimarkstücks gefährdet werden würde, ist die Durchführung der Goldwährung. Die Möglichkeit auch, die Goldwährung durchzuführen und aufrecht zu erhalten, beruht einzig und allein darauf, daß wir feste Hand auf unserem Silberumlauf haben, daß wir die Möglichkeit haben, unseren eigenen Silberumlauf ausschließlich zu erhalten und fremde Silbermünzen auszuschließen, denn sobald wir fremde Silbermünzen leicht zulassen, bekommen wir ganz ohne Zweifel an Stelle der Goldwährung praktisch die Doppelwährung, die ja von der Mehrheit dieses Hauses bereits mehrfach verworfen worden ist; wir bekommen statt eines eigenen Münzsystems ein gemischtes. Es ist zwar gesagt worden,

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