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No. 20. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
14. Mai 1873.

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Nach dem parlamentarischen Kampfe.

Der große und denkwürdige parlamentarische Kampf um die Kirchengesetze ist beendigt: derselbe wird dem diesjährigen Landtage eine hervorragende und dauernde Bedeutung unter allen bisherigen Sessionen geben. Noch niemals handelte es sich um höhere geistige Interessen für das gesammte Volk, um tiefer greifende Interessen der staatlichen Entwickelung.

Es ist deshalb vollkommen erklärlich, daß dieser Kampf mit den schärfsten Waffen des Geistes und mit dem lebhaftesten Ausdrucke tiefer Ueberzeugungen geführt worden ist, daß der zwanzigfach erneute Streit immer von Neuem den ganzen Eifer und die volle innerste Theilnahme der kämpfenden Parteien erregte, und daß auch das öffentliche Interesse ungeachtet jener vielfachen Wiederkehr gleichartiger Meinungskämpfe der Lösung der Frage bis zum Ende mit derselben Lebhaftigkeit folgte.

Man wird den unermüdlichen Kämpfern, welche mit ganzer Kraft ihrer Ueberzeugung, mit tiefer Erregung und theilweise mit eindringlicher Redekunst die Ansprüche ihrer Kirche vertraten, an und für sich die Achtung nicht versagen, welche jedes ernste Eintreten für höhere sittliche Güter in Anspruch nehmen darf.

Auf der andern Seite darf es als eine erfreuliche Thatsache hervorgehoben werden, daß während dieses ganzen Kampfes über die kirchlichen Fragen innerhalb des Landtages ein kirchenfeindlicher radikaler Geist, wie er in früheren erregten Zeiten die öffentlichen Verhandlungen beherrschte, von keiner Seite zur Geltung gelangte, daß vielmehr das aufrichtige Streben der Regierung, der Kirche ihre volle Berechtigung und ihr hehres Ansehen auf dem inneren Glaubensgebiete und auf dem sittlichen Gebiete zu wahren, und nur die Uebergriffe auf das Rechtsgebiet des Staates abzuwehren, auch von der Volksvertretung entschieden anerkannt und getheilt wurde. Auch die alte demokratische Forderung einer absoluten Trennung von Kirche und Staat verstummte, wie schon früher angedeutet wurde, gegenüber dem allseitig erstarkten Bewußtsein, daß es ausgedehnte sittliche Gebiete giebt, auf welchen ein Zusammenwirken von Staat und Kirche unerläßlich, und daß eben deshalb die Regelung ihres friedlichen Nebeneinanderseins geboten ist.

Die Regierung unseres Königs ist in dem Werke der Gesetzgebung, das sie mit Hülfe des Landtages durchgeführt hat und welches jetzt die endgültige Bestätigung Sr. Majestät erhalten hat, vom ersten Augenblick bis zu dieser letzten Sanction von der einmüthigen und unerschütterlichen Ueberzeugung erfüllt gewesen, daß sie damit ein Werk des Friedens vollbringt, – und sie ist hiervon, trotz der trüben Ankündigungen von Seiten der Gegner, entschiedener als jemals durchdrungen.

Nicht mit einem Schlage freilich kann ein Geist des Friedens an die Stelle der tiefen Erregungen der letzten Wochen und Monate treten, – nicht von heute zu morgen werden diejenigen, welche auf katholischer und auf evangelischer Seite von Sorgen um die innere Selbständigkeit der Kirche erfüllt sind, einer milderen Auffassung Raum geben, – nicht ohne Weiteres und nicht mit offenem Zugeständniß können die Wortführer der römischen Ansprüche sich unter die Autorität der staatlichen Gesetzgebung beugen. Aber mit voller Zuversicht darf die Regierung vertrauen, daß wenn erst die unmittelbaren Kampfesstimmungen vorüber sind, alle ernsten und besonnenen Geister mehr und mehr erkennen werden, wie es sich bei den neuen Gesetzen in keiner Weise um eine Entchristlichung des Staates, um eine Antastung des Glaubenslebens des Volkes handelt, daß das kirchliche Leben durch dieselben nicht berührt und beeinträchtigt werde, daß auch die katholische Kirche sich innerhalb dieser Gesetze in Bezug auf ihre eigentliche Aufgabe, die Lehre der Heilswahrheit und die Verwaltung der Heilsmittel, völlig frei bewegen könne.

Nicht minder ist die Zuversicht begründet, daß die katholischen Bischöfe jetzt, wo die so lebhaft bekämpften Gesetze thatsächlich in Geltung und Kraft treten, gerade um ihrer Verantwortung für das Wohl und Gedeihen der katholischen Kirche in Preußen willen, ihr ernstes Streben und die Weisungen an ihre Geistlichkeit vor Allem darauf richten werden, der ka-

tholischen Kirche auf dem Boden und unter den Bedingungen, welche diese Gesetze schaffen, die Möglichkeit einer weiteren erfolgreichen Wirksamkeit zu sichern. Die Gewissenhaftigkeit, ebenso wie die Klugheit der katholischen Oberhirten wird sich voraussichtlich darin bewähren, daß sie den Bruch mit der Staatsgewalt und die revolutionäre Auflehnung gegen die Staatsgesetze vermeiden.

Die preußischen Bischöfe haben von Fulda aus ein neues Sendschreiben erlassen, in welchem sie in Wiederholung früherer Erklärungen die kirchlichen Gesetze nochmals als im Widerspruch stehend mit der von Gott geordneten Verfassung und Freiheit der Kirche bezeichnen und die standhafte, einmüthige Vertheidigung der seither verkündeten Grundsätze in Aussicht stellen.

„Wir werden aber auch (fügen die Bischöfe hinzu) unsere Pflichten gegen die weltliche Obrigkeit, gegen das bürgerliche Gemeinwesen und gegen das Vaterland mit unverbrüchlicher Treue und Gewissenhaftigkeit zu erfüllen fortfahren, indem wir nie vergessen, daß nicht Kampf und Trennung, sondern Friede und Eintracht das Verhältniß ist, das nach Gottes Willen zwischen den beiden von ihm zur Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft angeordneten Gewalten bestehen soll."

Je mehr die Bischöfe in diesem Geiste handeln, desto mehr werden sie überzeugt sein dürfen, in Wahrheit ihre Hirtenpflicht zu erfüllen, desto mehr werden sie hoffen können, für die Erfüllung ihrer erhabenen sittlichen Aufgaben auch das Wohlwollen und die Unterstützung Seitens des Staates in vollem Maße zu finden, welche die preußischen Fürsten denelben von jeher bereitwillig gewidmet haben.


Die Offiziersgehälter.

Den preußischen Beamten ist bekanntlich durch ein von der Regierung vorgelegtes und von dem Landtage genehmigtes Gesetz mit Rücksicht auf die steigende Theuerung aller Lebensbedürfnisse, insbesondere der Wohnungspreise, eine erneute Verbesserung ihres Einkommens durch beträchtliche Wohnungsgeld-Zuschüsse in Aussicht gestellt. Nachdem das Gesetz nunmehr die endgültige Allerhöchste Bestätigung erhalten hat, werden die Zuschüsse unverweilt für den Zeitraum vom 1. Januar d. J. ab zur Zahlung gelangen.

Auf Grund derselben Erwägungen, welche diese Bewilligung zu Gunsten der preußischen Beamten herbeigeführt haben, ist Seitens des Kanzlers des Deutschen Reiches die Gewährung von Wohnungsgeld-Zuschüssen für die Reichsbeamten, so wie für die Offiziere des Reichsheeres und der Marine in Antrag gebracht und zunächst Gegenstand der Beschlußnahme im Bundesrathe.

Während für die Reichsbeamten, welche bereits im vorigen Jahre eine gleichmäßige Verbesserung ihres Einkommens wie die preußischen Beamten erfahren haben, auch jetzt Wohnungsgelder in derselben Höhe, wie für diese in Aussicht genommen sind, ist dagegen für die Offiziere, namentlich vom Hauptmann erster Klasse aufwärts, eine noch erheblichere Verbesserung beantragt.

Diese Ungleichheit der augenblicklich beabsichtigten Bewilligung hat ihren Grund in dem Wunsche der Militärverwaltung, den höheren Offizieren, deren Verhältnisse gegenüber früheren mannichfachen Gehaltsverbesserungen der Beamten nicht eine gleichmäßige Berücksichtigung hatten finden können, bei der jetzigen Bewilligung einen entsprechenden Ersatz zu gewähren.

Die Offiziersstellen vom Hauptmann erster Klasse aufwärts sind seit dem Jahre 1825 ohne eine andere Einkommensverbesserung als eine unbedeutende im Jahre 1868 gewährte Serviserhöhung geblieben.

Während die Gehälter der Civilbeamten ohne die jetzt bewilligten Wohnungsgelder seit 1825 um 15 bis 60 Prozent, mit Einschluß des jetzigen Zuschusses um 25 bis 80 Prozent erhöht worden sind, während z. B. die Räthe bei den Provinzialbehörden im Ganzen um 47 Prozent, die Richter bei den Stadt- und Kreisgerichten um 81 Procent verbessert

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