ZEFYS > Amtspresse Preußens
 

IV. Jahrgang. No. 15. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Donnerstag, den 5. Februar 1885.

Seite:   1 | 2 | 3 
 
Der englische Zwischenhandel.

Der Haupteinwurf der offenen und versteckten Gegner gegen die Postdampfersubventionsvorlage gründet sich darauf, daß das Ausland, namentlich England, die Gefälligkeit habe, die deutschen Waaren unter guten Bedingungen nach fremden Landen zu führen bezw. die Vermittelung fremder, für Deutschland bestimmter Waaren nach dem Bestimmungsort zu übernehmen. Und hieraus wird gefolgert, daß es bei dieser guten Fahr- und Vermittelungsgelegenheit für Deutschland überflüssig sei, eigene subventionirte Dampferlinien herzustellen, zumal dieselben einerseits sehr kostspielig seien, anderseits die Benutzung fremdländischer Transportmittel doch nicht ausschließen würden.

Der letztere Einwand ist allerdings richtig: der deutsche Handel wird sich nach wie vor auch fremder Vermittelung bedienen müssen; denn mit einem Schlage und mit verhältnißmäßig nur seltenen regelmäßigen Dampfschiffcursen lassen sich die alten Verbindungen nicht lösen. Aber es muß wenigstens ein Anfang damit gemacht werden, die weitere Entwicklung wird sich schon finden. Wie nothwendig es aber ist, daß directe Beziehungen zwischen Deutschland und den überseeischen Ländern hergestellt werden, ersieht man daraus, daß dem deutschen Handel und der deutschen Rhederei gerade aus der so viel gepriesenen und bequemen fremdländischen Vermittelung außerordentliche Nachtheile erwachsen. Aus dem Umstande, daß ein großer Theil deutscher Waaren oder für Deutschland bestimmter fremder Waaren in England Station macht, entsteht in den meisten Fällen die nicht nur zeitraubende, sondern auch in anderer Hinsicht lästige Nothwendigkeit der Umladung, die mit erheblichen Abgaben und Commissionsgebühren verbunden ist. Weiter aber hat die Zufuhr fremdländischer Waaren über England den Nachtheil, daß man in England sich die besseren Qualitäten aussucht und die minderwerthige Waare nach Deutschland gehen läßt. Der Deutschland hieraus entstehende Gesammtschaden ist unberechenbar. Wohl aber läßt sich wenigstens ein Theil dieses Schadens ziffermäßig darstellen, nämlich der, welcher der deutschen Rhederei und dem deutschen Handel aus der über England gehenden Einfuhr fremdländischer Produkte erwächst. Die „Kölnische Zeitung" berechnet denselben in folgender Weise. England hat im Jahre 1882 aus dem Auslande fremde Erzeugnisse für 21 Millionen Pfund Sterling (1 Pfund = 20 M.) bezogen und unbearbeitet nach Deutschland weiter versandt, und zwar 12 Millionen direkt nach deutschen Häfen und 9 Millionen indirekt über Holland und Belgien. An Fracht hat England hiermit 3,600 000 Pfund Sterling verdient. Weiter aber haben hieran die englischen Agenten, welche die fremde Waare einkaufen und weiter befördern 2,800,000 Pfund Sterling verdient. Ferner ist für Seeversicherung die Summe von 453,600 Pfd. Sterling, an Zinsen auf die Waaren geleisteter Vorschüsse 300,000, an Commissionen, Wechselprovisionen u. s. w. 150,000 Pfd. St., – zusammen 7,303,600 Pfund Sterling in England geblieben. – Insgesammt bezahlt also Deutschland jährlich etwa 150 Millionen Mark „für den zweifelhaften Vortheil, daß es von England die dort weder erzeugte noch dort verbesserte, sondern im Gegentheil vorher zum Vortheil der englischen Abnehmer ausgesuchte, aufgestapelte und somit eher verschlechterte Waare des Auslandes bezieht." Wie viel Deutschland für die Vermittelung deutscher Waaren nach dem Auslande, die über England gehen, zu zahlen hat, ist hierbei außer Berechnung geblieben.

Ob Deutschland sich damit fortgesetzt zufrieden geben soll, einen Theil seiner Handelsgeschäfte für täglich eine halbe Million Mark von England besorgt zu sehen, ist eine Frage, über deren Beantwortung in Deutschland doch keine Meinungsverschiedenheit

möglich sein sollte. Die Postdampferlinien ebenso wie die Errichtung von Colonien sind die ersten Wege zu einer Befreiung des deutschen Handels von dem Druck des englischen Zwischenhandels.


Was ist zu besserer Bodenbewirthschaftung nothwendig?

In dem Geschäftsbericht, welchen der deutsche Landwirthschaftsrath für das verflossene Jahr festgestellt hat, wird ganz besonders der Nachtheil der ausländischen Concurrenz betont, unter welcher die deutsche Landwirthschaft zu leiden hat. Die hierbei in Betracht kommenden Länder produziren ohne sorgfältige Bearbeitung des Bodens so massenhaft und so billig Getreide, daß nach Ansicht des Berichts eine Konkurrenz seitens unserer Landwirthschaft mit demselben Produkt nicht möglich ist. Hierin liege die Aufforderung, für die besseren Produkte der heimischen Landwirthschaft dort Absatzgebiete zu suchen, wo die extensiv betriebene Landwirthschaft solche zu erzeugen nicht im Stande sei und edlerer Produkte zur Erneuerung des Betriebs und Aufbesserung des Bodens bedürfe. Der gesteigerte Export edlerer Erzeugnisse sei das beste Mittel zwar nicht zur Bekämpfung, so doch aber zur Paralysirung der fremden Concurrenz.

In den freihändlerischen Blättern werden diese Ausführungen des Landwirthschaftsraths mit Behagen abgedruckt, und eins dieser Blätter bemerkt dazu, „überzeugender könne kaum bewiesen werden, daß das Heil der deutschen Landwirthschaft nicht in Schutzzöllen, sondern allein in rationeller und intensiver Bodenbewirthschaftung zu suchen ist."

„Rationelle und intensive Bodenbewirthschaftung" – das ist allerdings ein vortreffliches Mittel zur Hebung der Landwirthschaft, welches die wohlweisen Freihändler stets im Munde haben. Aber wenn dieser Rath nicht mehr als ein Schlagwort sein soll, wenn sie auch nur einen Augenblick überlegen wollten, auf welche Weise allein die rationelle und intensive Bodenbewirthschaftung durchzuführen ist, dann müßten sie sich doch sagen, daß dazu wie zum Kriegführen dreierlei gehört, Geld, Geld und abermals Geld! Woher aber soll der Bauer dieses Geld nehmen, wenn die Productenpreise dauernd hinter den Productionskosten zurückbleiben? Woher soll er Geld nehmen, wenn der niedrige Preis auch bei schlechten Ernten niedrig bleibt? Es ist wahrlich weniger Verständnißmangel oder Widerwillgkeit, wenn namentlich unsere bäuerlichen Landwirthe nicht zu einem rationelleren und intensiveren Betriebe übergehen, sondern nur Geldmangel. Wenn unsere Ernten gering ausfallen, dann kann man später in den Berichten der landwirthschaftlichen Vereine zu lesen bekommen: „Künstliche Dünger wurden in dem abgelaufenen Jahre wenig oder auch gar nicht angewendet, weil bei der schlechten Ernte und den niedrigen Getreidepreisen unsere Bauern dazu kein Geld haben." (Siehe die neulich besprochene Broschüre von Dr. Löll: „Der Getreide-Schutzzoll", S. 28.)

Zu einem rationellen und intensiven Betriebe, zu Meliorationen aller Art werden die Bauern erst dann Geld haben, wenn sie ihre Producte nicht mehr unter dem Kostenpreise zu verkaufen brauchen, sondern dabei auch noch einen gewissen Gewinn erzielen, also mit einem Worte, wenn sich die Getreidepreise heben und die ausländische Concurrenz eingeschränkt wird. Dies kann nur durch höhere Getreidezölle erzielt werden. Dann wird es möglich sein, nicht nur durch Meliorationen die Production zu steigern, sondern auch edlere Producte herzustellen und diese dann nach jenen Absatzgebieten zu versenden, vorausgesetzt, daß dieselben dessen bedürfen. Was der Bericht des Landwirthschaftsraths als Aufgabe für die deutsche Landwirthschaft bezeichnet, ist gewiß richtig und beherzigenswerth. Hiermit ist aber nicht die Ueberflüssigkeit der

Seite:   1 | 2 | 3 
 

In Ausgaben blättern


Jahr:  Monat:
Neueste Mittheilungen:
01.05.1882 - 29.12.1891
03.01.1893 - 07.12.1894
MoDiMiDoFrSaSo
      1
2345678
9101112131415
16171819202122
232425262728