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IV. Jahrgang. No. 19. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Sonnabend, den 14. Februar 1885.

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Zwei Systeme.

Der letzte Tag der Zolltarifdebatte hat uns in der Rede des Abgeordneten Bamberger und deren Beantwortung durch den Reichskanzler einen reichen Gewinn gebracht. Hier standen nicht zwei Persönlichkeiten, von denen der Eine den Andern durch Redekünste und Argumente zu übertrumpfen suchte, im Kampfe mit einander, sondern zwei Systeme, zwei Weltanschauungen, zwei einander völlig entgegengesetzte Principien, die gewissermaßen von ihren Hauptrepräsentanten in's Gefecht geführt wurden. Und dieser Kampf hat für jeden unbefangenen Beobachter, welcher den Werth und die Bedeutung des einen und des andern Systems abzuwägen vermag, soweit Gründe überhaupt zu entscheiden vermögen, zu einem vollständigen Triumph der von dem Fürsten Bismarck vertretenen Weltanschauung geführt.

Der Gegensatz „Freihandel und Schutzzoll" wurde von beiden Rednern gewissermaßen in ihrem Grundwesen und in ihren letzten Consequenzen erörtert. Herr Bamberger, der ruhig und gemäßigt, ernst und wissenschaftlich sprach, deckte in seiner wohldurchdachten Darstellung wider Willen die größten Schattenseiten des Gedankensystems, als dessen treuer Anhänger und Vertheidiger er sich seit einem Menschenalter weiß, auf: er kämpft für eine von der realen Welt der Dinge völlig losgelöste, in der Luft schwebende abstracte Theorie. Fürst Bismarck dagegen richtet sein Gedankensystem nach den Interessen und Bedürfnissen der praktischen Welt, er rechnet nicht mit phantastischen, bestechenden schönen Ideen, sondern mit den Erfahrungen der Wirklichkeit, denen er sich als praktischer Staatsmann anpaßt und aus denen er allein Sicherheit zur Behandlung der praktischen Aufgaben des Staatslebens schöpft. Herr Bamberger hat sein System schon lange in der Tasche und wartet ruhig ab, wie sich die reale Welt der Dinge dazu verhalten wird, – er will keinen Eingriff in diese Dinge, so trostlos sie ihm erscheinen, selbst dann nicht, wenn darüber die Welt zu Grunde geht. Fürst Bismarck aber kann sich als Staatsmann diesen Luxus des Zusehens und Abwartens nicht gestatten, er spürt den Ursachen der Leiden und Schmerzen des Volkes nach und trägt ihnen Rechnung, selbst wenn dadurch alte oder vielmehr veraltete „Wahrheiten" zu Grunde gehen sollten. Herr Bamberger erblickt „den Zweck der ganzen Cultur" darin, was für die Bedürfnisse des Lebens nothwendig ist, möglichst billig herzustellen. Was für ein herrlicher, humaner Grundsatz! Wer sollte ihm nicht beipflichten! Der praktische Staatsmann aber erkennt und beweist die völlige Haltlosigkeit desselben. Es wäre ja herrlich, wenn wir Brod für einen Spottpreis bekommen und uns die Schuhe und Kleider wie die Cocosnüsse in den tropischen Ländern umsonst von den Bäumen pflücken könnten, – ein Ziel aufs Innigste zu wünschen! Aber eine derartige „Cultur" würde zu richtiger Barbarei führen. Der Reichskanzler hat dies mit schlagenden Beispielen bewiesen. Wenn wir dahin kommen, daß der Centner Roggen nur noch 1 Mark kostet, dann geht erstens unsere Landwirthschaft, nicht nur der große Grundbesitz, sondern auch der kleine Besitzer und ländliche Arbeiter zu Grunde, sodann aber auch die ganze Industrie mit ihren Arbeitern, weil sie in der landwirthschaftlichen Majorität der Bevölkerung keinen kaufkräftigen Abnehmer mehr finden würde. Wer billiges Brod verlangt, kann aber ebenso billige Schuhe und Kleider und ähnliche Bedürfnisse verlangen! Dann aber werden unsere Schuhmacher und Schneider, ebenso aber auch alle übrigen Handwerker und die Fabrikanten zu Grunde gehen, – kurz das Eldorado billiger Preise ist der Ruin für das ganze Volk, diese Cultur eine wahre Barbarei.

Die Consequenzen liegen auf der Hand: wir müssen die Productivstände schützen, damit sie etwas verdienen, wir dürfen

selbst vor höheren Preisen nicht zurückscheuen, wenn dadurch dem Zusammenbruch des Ganzen vorgebeugt werden kann. Die Landwirthschaft, von der sich die Majorität der Bevölkerung nährt, muß aber ganz besonders geschützt werden, weil sie durch die Gesetzgebung der letzten 30 Jahre in einer das sociale Gleichgewicht gefährdenden, den Staat ernstlich bedrohenden Weise zum Vortheil der anderen Gewerbe belastet und ausgebeutet ist. Selbst die Gefahr höherer Lebensmittelpreise darf nicht davor zurückschrecken.

Es bedarf nur der Gegenüberstellung dieser beiden Systeme, um jeden einsichtigen Menschen davon zu überzeugen, auf wessen Seite die Vernunft und die Wahrheit ist. Die glänzende Rede des Reichskanzlers, welcher das System des Gegners ins Absurde führte, wird das Land davon überzeugen, daß das von Bamberger und dem „Freisinn" vertretene System ein Wolkenkuckuksheim ist.


Bierbank-Polemik.

Die leidige Gewohnheit, ernsthafte Dinge mit seichten Scherzworten abzuthun und dem Leser statt sachlicher Erörterungen wohlfeile Späße zu bieten, ist nirgend so tief eingewurzelt wie in Deutschland, speciell in Norddeutschland. Sind auch die Zeiten der politischen Tonangeberschaft gewisser „vorgeschrittener" Witzblätter vorüber, so giebt es doch immer noch Leute, die gewonnenes Spiel zu haben glauben, wenn sie die Lacher auf ihre Seite ziehen, und die demgemäß mit Witzen bei der Hand sind, wenn sie es zu anderer Sachbehandlung nicht zu bringen vermögen.

Bis zu welchem Maße von Gedanken- und Gewissenlosigkeit man es auf diesem Wege bringen kann, beweist die letzte Nummer des Hermes-Parisius-Richter'schen „Reichsfreundes". Das Leiborgan des Erfinders der „Schnaps- und Schweinepolitik" hat über das neueste Weißbuch betr. die deutschen Erwerbungen auf Neu-Guinea und dem Neubritannischen Archipel Nichts weiter zu sagen, als daß die in diesen Gegenden ansässig gewordene deutsche Handels- und Plantagengesellschaft ihre Geldgeschäfte durch die Firmen Bleichröder und Hansemann besorgen läßt und daß es demgemäß zweckmäßig sein würde, diese Colonialbesitzungen „Bleichröder-Küste" und „Hansemann-Insel" zu nennen. Dieser Einfall wird in einer vier Spalten langen Auseinandersetzung breit getreten und der Leser daran gewöhnt, ein wichtiges und ernsthaftes deutsches Interesse unter den Gesichtspunkten des Bierwitzes zu behandeln. Nebenbei wird durch nicht direct faßbare, aber durchaus unverständliche Anspielungen zu verstehen gegeben, die gesammte deutsche Colonialpolitik laufe im Grunde auf einen plumpen Berliner Börsenschwindel, auf ein Kunststück heraus, mit dessen Hilfe ein halbes Dutzend großer Geldleute aus den Taschen des Staates, der Steuerzahler und der armen Leute bereichert werden sollen.

In der Meinung des deutschen Volks und in der Schätzung Europas, steht die Politik, welche die Welt umgestaltet, den Weltfrieden gesichert und Deutschland auf eine ungeahnte Stufe internationaler Bedeutung gehoben hat, zu unerschütterlich fest, als daß derselben durch im Kesselflickertone vorgetragene Verunglimpfungen und Verdächtigungen beigekommen werden könnte. Diese Politik geht ihren Weg ruhig weiter, indem sie es der Zeit überläßt, die Masse der Menschen über die moralische Beschaffenheit derjenigen zu belehren, die in Tagen großer geschichtlicher Entscheidungen zu niedrigen Insinuationen Zeit und Lust übrig gehabt haben.

So will der Spitz aus unserm Stall

Uns immerfort begleiten,

Und seines Bellens lauter Schall

Beweist nur, daß wir weiter reiten.

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