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IV. Jahrgang. No. 20. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 17. Februar 1885.

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Einzelinteresse und Gesammtinteresse.

Den Reden, welche der Reichskanzler bei Gelegenheit der Getreidezolldebatte gehalten hat, insbesondere derjenigen, in welcher er dem Abg. Bamberger entgegentrat, glauben wir für die fernere politische Entwickelung unseres Vaterlandes eine ganz hervorragende Bedeutung beimessen zu können. Nicht als ob dieselbe von besonderem Einfluß auf die Entscheidung der actuellen Frage gewesen sei, – die Mehrheit für die Regierungsvorlage stand im Voraus fest – sondern weil sie mit ihren für Jedermann verständlichen, aus der Nüchternheit des praktischen Lebens genommenen Argumenten den unklaren freihändlerischen Ideen einen wahrhaft tödtlichen Schlag versetzt haben dürfte.

Während man auf freisinniger Seite mit den Schreckgespensten „künstliche Vertheuerung des Brodes", „Aushungerung des Volks", „Belastung der Armen zu Gunsten der Reichen", „nach unten progressiv steigende Bedrückung des Volks", operirt und in dieser Weise die Vertreter der Schutzzollpolitik bezw. die Vertheidiger der Zolltarifnovelle bloszustellen sucht, hat Fürst Bismarck ein überaus anschauliches Bild von dem Wesen und den letzten Consequenzen des Freihandels entrollt, ein Bild, welches sich nicht auf vage Vorstellungen und phantastische Anschauungen, sondern auf die Verhältnisse des praktischen Lebens stützt. Während die „Freisinnigen" mit dem schwarzen Mann zu schrecken suchen, gestützt auf die Sätze einer mehr als hundertjährigen Lehre, deckt der Kanzler die Irrthümer dieser Lehre auf, indem er in unwiderleglicher Weise ausführt, bis zu welchem Unsinn dieselbe führen kann und muß, und wie wenig sie den practischen Bedürfnissen des Lebens angepaßt ist.

Die „billigen Preise" sind Dank der lange Jahrzehnte hindurch ungestörten Herrschaft der freihändlerischen Wirthschafsanschauung das Ideal des Volkes geworden. Das ist aber eine Anschauung, welche vielleicht dem Interesse des einzelnen Privathaushalts entspricht, aber außerordentlich viel Noth, Sorge und Kummer für ganze Stände und Klassen der Bevölkerung, wie für das ganze Wirthschaftsleben eines Volkes im Gefolge hat und demgemäß schließlich auch den Einzelnen als Glied des Ganzen schädigen muß. Jenes Ziel des Freihandels ist eine Politik der Interessen des Einzelindividuums, welches sich selbst genug ist, dem Anderen nichts gönnt, und nicht nach dem Wohlbefinden der Gesammtheit fragt.

Diesem Ideal und dieser Politik, so sehr sie schon seit einigen Jahren an Einfluß eingebüßt hat, hat Fürst Bismarck den Nimbus einer feststehenden Wahrheit mit sicherer Hand abgestreift, indem er zeigte, daß diese allgemeine Verbilligung zu einer Auspowerung führt, welche alle Produktivstände lahmlegt und selbstverständlich nicht nur die Gesammtheit, sondern ebenso schließlich die Einzelindividuen schädigt. Jene freihändlerische Politik des nackten Einzelinteresses hat thatsächlich Deutschland schon zu Zuständen geführt, welche durch das bekannte geflügelte Wort „billig und schlecht" gekennzeichnet werden. An Stelle dieser logisch und historisch verurtheilten Politik setzt der Reichskanzler eine Politik des Interesses der Gesammtheit und des Zusammenhangs der Interessen, die man auf gegnerischer Seite als „Interessenpolitik" zu brandmarken sucht. Er zeigt, wie die Industrie leidet, wenn die Landwirthschaft leidet, wie schlecht es den Arbeitnehmern geht, wenn die Arbeitgeber nichts mehr verdienen, und wie es in Aller, Interesse, sowohl der Armen und Besitzlosen wie der Rentner und Kapitalisten ist, wenn dem Niedergang der Preise Einhalt gethan wird.

Die Darlegungen des Kanzlers haben aber auch über das rein wirthschaftliche Gebiet hinaus eine große Bedeutung. Die Politik des Individualismus führt zur Ueberhebung des Einzelnen

gegenüber der Gesammtheit und wirkt störend, auflösend, revolutionirend. Jeder glaubt sich zu einer Kritik der bestehenden organischen Einrichtungen und zu entsprechenden Handlungen berechtigt, daher die Angriffe auf Monarchie, Heer, Religion. Dagegen sind in der Politik des Interesses der Gesammtheit und des Zusammenhangs der Interessen, die man vielleicht eine Politik des wahren und gesunden Socialismus nennen kann, die wahrhaft staatserhaltenden Grundsätze zu erblicken, welche friedlich, vereinigend, erhaltend wirken. Das Verständniß für diese Grundsätze dürfte durch die neuesten Reden des Kanzlers wesentlich und wahrlich zum Segen des Staates und Volks gefördert worden sein.


Die Korndebatten in Deutschland und in Frankreich.

Die Theilnahme an den auf die Getreidezölle bezüglichen Verhandlungen des Reichstages hat bei dem größten Theile deutscher Zeitungsleser ein nur bescheidenes Maß von Aufmerksamkeit für die demselben Gegenstande geltenden Debatten der Pariser Abgeordnetenkammer übrig gelassen. Mindestens in einer Rücksicht verdienen dieselben auch bei uns Interesse. Während die deutschen Freihändler immer wieder auf den Versuch zurückkommen, die unbeschränkte Freiheit des Getreidehandels wie ein selbstverständliches Gebot der volkswirthschaftlichen Vernunft und Erfahrung, die Agitation für die Getreidezölle dagegen als Ausgeburt eines ungebildeten und übelberathenen Eigennutzes der großen Grundbesitzer zu behandeln und im hohen Tone zu erklären, daß über eine „eigentlich" längst entschiedene Frage gestritten werde, – stellte die große Mehrheit der französischen Politiker sich auf einen ganz anderen Standpunkt. Keiner der bedeutenderen Redner in Paris hat für zweckmäßig gehalten, nach Art der Herren Bamberger und Genossen auf allgemeinen Theorien herumzureiten, die alten vor 40 Jahren von den englischen Freihändlern gebrauchten Argumente neu ins Treffen zu führen und so zu thun, als befände die Welt sich noch auf demselben Fleck, wie zur Zeit Richard Cobdens. Was unser Reichskanzler seinen Zuhörern erst mühsam auseinandersetzen mußte, haben die gebildeten Gegner der französischen Kornzollvorschläge von vorn herein gelten lassen: daß die europäische Landwirthschaft sich in einer noch nie dagewesenen Nothlage befindet, daß die Entfesselung der amerikanischen und der indischen Concurrenz niemals früher dagewesene Verhältnisse geschaffen habe, und daß die erste Pflicht jedes Staates darin bestehe, sich die Grundlagen seiner wirthschaftlichen Existenz zu sichern. Dem entsprechend ist von Verdächtigungen der „Agrarier" in Paris ebenso wenig im Ernste die Rede gewesen, wie von Versuchen, den Nothstand der einheimischen Landwirthschaft abzuleugnen. Der Hauptkampf ist auch nicht gegen die Kornzölle als solche, sondern gegen den Vorschlag der Parlaments-Commission gerichtet, den vorgeschlagenen Satz von 3 Francs für 100 Kg. Weizen auf 5 Francs zu erhöhen; endlich erscheint bemerkenswerth, daß die Verschiedenheit der Meinungen durch die politischen Parteien des Pariser Parlaments geht, und daß der gesammte Streit nicht als Fractions-Angelegenheit, sondern als wirthschaftliches Problem behandelt wird.

Unsere Freisinnigen und Freihändler haben wohl gewußt, warum sie den Kampf nach einer andern Methode führen, warum sie den Gegnern im hohen Ton zu begegnen und die gesammte Angelegenheit als politische Parteisache zu behandeln suchen. Discutirte man ernsthaft, nüchtern und sachlich, ließe man gelten, daß es sich um eine schwierige, nach völlig neuen Gesichtspunkten zu erörternde Frage handelt, und wollte man davon absehen, an den „Verfolgungswahn" und die „Reaktionsfurcht" der Massen zu appelliren, so hätte man

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