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IV. Jahrgang. No. 21. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Donnerstag, den 19. Februar 1885.

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Zur Geschichte der Getreide-Zölle.
I.

Es wird nächstens 40 Jahre her sein, daß die von dem englischen Parlamente ausgesprochene Aufhebung der Kornzölle (Januar und Juni 1846) einen neuen Abschnitt in der Wirthschaftsgeschichte Englands und in der Folge auch der übrigen europäischen Staaten eröffnete. Seit der Heiligenschein, der diese Maßregel viele Jahre lang umgeben hatte, geschwunden ist, wird über die wahre Absicht derselben nicht mehr gestritten. Der Urheber der Anti-Kornzoll-Bewegung, Richard Cobden, mag der Meinung gewesen sein, dem ärmeren Theil seiner Landsleute durch Freigebung des Getreide-Handels einen wichtigen Dienst erwiesen und dem „Feudalismus" einen Todesstreich versetzt zu haben: der Sage nach ist dem berühmten Freihändler der Gedanke. das sog. „Privilegium" der englischen Grundbesitzer zu beseitigen, zuerst bei Gelegenheit einer 1838 unternommenen Reise durch Deutschland und zwar beim Anblick der an das Mittelalter erinnernden Ruinen unseres Rheingaus gekommen. Die Mehrheit der englischen Gesetzgeber hat den Beschluß von 1846 aus sehr viel prosaischeren Gründen und an der Hand eines ziemlich einfachen Rechenexempels gefaßt. Der damalige Premier-Minister, Sir Robert Peel, war der Meinung, wohlfeiles Korn werde seinem Vaterlande zu niedrigen Arbeitslöhnen in der Industrie verhelfen und die englischen Waaren so verbilligen, daß dieselben die gesammte übrige Industrie unterbieten und eine Art Weltmonopol erlangen könnten. Da der Reichthum Englands bereits damals auf dem Gewerbefleiß dieses Landes beruhte, der größte Theil der Bevölkerung von städtischen Gewerben lebte und die englische Landwirthschaft überdies lediglich mit westeuropäischen Concurrenten zu kämpfen hatte (die Dampfschifffahrt befand sich in ihren Anfängen, Rußland, Amerika und Ungarn aber kamen wegen des damaligen Zustandes der Verkehrsanstalten nicht in Betracht), so glaubte der leitende britische Minister mit seiner Entschließung ein nur mäßiges Risico zu laufen und seinem einmal auf die Industrie angewiesenen Lande unter allen Umständen einen Gewinn zu sichern.

Obgleich diese ausschließlich auf englischen Verhältnissen beruhenden Voraussetzungen in keinem andern Lande der Welt auch nur annähernd zutreffen, machte das Cobden-Peel'sche Gesetz von 1846 in ganz Europa den größten Eindruck. Das populaire Mäntelchen, das der Sache umgehängt worden war, wurde von den damaligen Liberalen mit der Sache selbst verwechselt, und allen Ernstes angenommen, die englische Regierung habe sich zu dem wichtigen Schritte lediglich in der Absicht entschlossen, dem Volke billiges Brod zu schaffen. Dem entsprechend wurden Freiheit des Kornhandels und der Getreide-Einfuhr liberale Schlagworte, die man von einem Ende Europas bis zum andern nachsprach. Daß die englische Arbeiterpartei (die Chartisten) der Beseitigung der Kornzölle Namens des Arbeiter-Interesses an der Erhaltung höherer Löhne nachdrücklichst widersprochen hatte, wurde allenthalben übersehen und bei erster sich darbietender Gelegenheit dem britischen Beispiel nachgeeifert. Jahrzehnte lang galt jeder Zweifel an der Ersprießlichkeit der „befreienden" freihändlerischen Maßregel für ein Zeichen reactionärer Gesinnung und mangelhafter volkswirthschaftlicher Gesinnung. Die einzige Gefahr, die die damalige Generation kannte und die sie bekämpfen zu müssen glaubte, war diejenige der Korntheuerungen, wie sie im 18. Jahrhunderte erlebt worden waren. An die entgegengesetzte Möglichkeit einer die einheimische Production ruinirenden Getreideüberschwemmung aus den Ländern jenseit des Weltmeeres und der Weichsel dachte man nicht, weil diese wichtigsten Kornländer der

Erde vom Weltmarkte fern ablagen. Außerdem war die Meinung vorherrschend, die Industrie habe allenthalben dieselbe Zukunft und Bedeutung wie in England, wo sie zum Haupt-National-Interesse geworden war und die Landwirthschaft sich seit Menschenaltern mit einer zweiten Stellung begnügen mußte. Es entsprach das den herrschenden Anschauungen, nach denen aller Fortschritt von dem Siege des Bürgerthums über den Grundbesitz abhängen und die Vorherrschaft der großen Städte das sicherste Unterpfand des Völkerglückes bilden sollte.

Der in dieser Beziehung stattgehabte große Umschlag der öffentlichen Meinung gehört der neuesten Zeit an und bedarf einer besonderen Erörterung.


Nach der Kornzolldebatte.

An der Thatsache, daß eine Zweidrittel-Majorität des Reichstags für die Verdreifachung der Roggen- und Weizenzölle eingetreten ist, läßt sich nichts mehr ändern. Der demokratischen Presse bleibt daher nichts anders übrig, als diese Thatsache schon jetzt gehörig auszubeuten. Wie dies geschieht, ist geradezu ergötzlich zu sehen.

Die „Vossische Zeitung" ist äußerst ungehalten darüber, daß das Centrum so ohne Weiteres die Zölle genehmigt und damit ein Compensationsobject zur Erlangung kirchenpolitischer Concessionen aus der Hand gegeben habe: „sie haben für die nächste Zeit dem Kanzler nichts mehr zu bieten, was diesen zu kirchenpolitischen Concessionen veranlassen könnte." Mit anderen Worten: die „Freisinnigen" hätten es lieber gesehen, wenn das Centrum die Kornzölle zu einem kirchenpolitischen Handelsgeschäft gemacht hätte, bei welchem sie selbst vielleicht recht nette Maklergebühren sich zu sichern gewußt hätten.

Die „Nationalzeitung" nimmt mit Behagen von einem ultramontanen Artikel Notiz, dessen Quintessenz darin besteht, daß nachzuweisen versucht wird, das Schicksal der Conservativen werde bei zukünftigen Wahlen von der Ernte und dem Wetter abhängen; bei schlechtem Wetter würden die Conservativen halbirt und die Freisinnigen verdoppelt werden, während das Centrum in dem einen wie in dem andern Falle davon Nutzen haben werde. „Eine angenehme Bundesgenossenschaft für die Conservativen und die Regierung, dieses Centrum!" – sagt spöttisch das freisinnige Blatt. Als ob diese „Bundesgenossenschaft" für die „Freisinnigen" nicht mindestens ebenso „angenehm" wäre, – aber jetzt sind dem Fuchs eben die Trauben zu sauer.

Dasselbe Blatt sucht nachzuweisen, daß die Kornzölle „Vertheuerungszölle" seien, und daß dabei noch zu befürchten sei, „daß sie die Landwirthschaft zugleich von der Aufsuchung und Annahme verbesserter Methoden des Getreidebaues, von dem weiteren Uebergange zu anderen Produktionsarten durch Unterstützung des hergebrachten bequemen Gehenlassens abhalten werden." Und doch wird in demselben Artikel bestritten, daß der Zoll von irgendwelchem Nutzen für die Landwirthschaft im Allgemeinen sein werde. Wer wirklich von einer solchen Ueberzeugung getragen ist, der kann doch wahrlich nicht in demselben Augenblick auf den Gedanken kommen, daß die landwirthschaftliche Produktion unter den Vortheilen der Getreidezölle leiden werde, indem sie dadurch in „dem hergebrachten bequemen Gehenlassen" erhalten bleiben werde.

Das Stärkste leistet aber eine Correspondenz der Nat. Ztg. aus Oldenburg, welche bereits in der Lage ist, den ersten Nachtheil der Kornzollerhöhung zu melden. Dort haben nämlich die Bäcker beschlossen, vom 17. Februar ab den Preis eines zehnpfündigen Schwarzbrodes um 5 Pfennig zu erhöhen. Wahrlich, prompter kann die Kornzollerhöhung nicht wirken, als daß – das

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