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IV. Jahrgang. No 22. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Sonnabend, den 21. Februar 1885.

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Zur Geschichte der Getreide-Zölle.
II.

Wenn die Mehrheit der Gebildeten in Europa über Getreidezoll und Freiheit des Kornhandels heute ganz anders denkt, wie vor zehn oder zwanzig Jahren, so rührt das nicht von einer Veränderung der Schulmeinungen, sondern von der ungeheuren Umgestaltung her, welche das Wirthschaftsleben während des letzten halben Jahrhunderts erfahren hat. Zwei Erfahrungen sind in dieser Beziehung von besonders einschneidender Wichtigkeit gewesen.

Die vorige Generation war der Meinung, den Culturländern West-Europas sei bestimmt, nach dem Vorbilde Englands zu Industrieländern zu werden, die ihren Wohlstand vornehmlich, wenn nicht ausschließlich, aus dem Großgewerbe schöpfen sollten. Das hat sich als verhängnißvoller Irrthum herausgestellt. Trotz der ungeheuren Ausdehnung des zur Aufnahme von Industrieerzeugnissen fähigen Wirthschaftsgebiets der Erde, haben wir die Erfahrung gemacht, daß die moderne gewerbliche Production die zur Zeit vorhandene Consumfähigkeit um ein erhebliches übertrifft. Wollten Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Oesterreich-Ungarn, die Schweiz, Italien u. s. w. in demselben Maßstabe Industrieländer werden, wie das in England der Fall ist, so reichte die Welt zur Aufnahme ihrer Producte nicht aus. Die Meinung, daß einige Länder, wie Nord-Amerika, Rußland und Brasilien bestimmt seien, Ackerbaustaaten zu bleiben und ihre Früchte gegen westeuropäische Industrie-Artikel auszutauschen, hat sich als Wahn erwiesen, da diese Staaten selbst Industrie treiben. Außerdem steht aber fest, daß Landwirthschaft und Gewerbe auf einander angewiesen sind, daß sie wahrhaft erfolgreich nur neben einander betrieben werden können, und daß Staaten, die gesund und selbstständig bleiben wollen, beide Wirthschaftszweige am Leben erhalten müssen. Ein ausschließlich von der Industrie lebendes Land wird immerdar der Gefahr ausgesetzt sein, durch Wechselfälle auf dem Weltmarkt um seine Erwerbsmittel gebracht und von Verhältnissen abhängig gemacht zu werden, auf welche es keinen Einfluß zu üben vermag. Da die meisten Staatsbürger von auf die Ausfuhr angewiesenen Gewerben leben, kann jede industrielle Stockung zum allgemeinen Ruin, jeder Krieg zu einer tödtlichen Krisis und zur Abscheidung des Landes von den Getreideländern führen, von deren Früchten es sich nährte. Endlich wissen wir, was man vor 40 Jahren nicht wußte: daß ein auf Unkosten der Landwirthschaft und des ländlichen Lebens gefördertes Wachsthum der großen Städte und der gewerblichen Beschäftigungen zur sittlichen, körperlichen und staatlichen Ausmergelung der betreffenden Bevölkerung führt. Dicht aufeinander gedrängt, von jeder Berührung mit der Natur abgeschnitten, auf einen tödtlichen Concurrenzkampf hingewiesen und daran gewöhnt, das Leben zwischen fieberhaftem Genuß und fieberhafter Anstrengung zu verbringen, bedürfen die großstädtischen Bevölkerungen der Auffrischung durch das ländliche Element, wenn sie nicht verkümmern und verwildern sollen, die Staaten aber bedürfen eines seßhaften, an ruhigere Bewegung gewöhnten Bauernthums, das ein Gegengewicht gegen das großstädtische Element bildet. Soll die Herrschaft der beweglichen Capitalien über die besitzlosen Massen innerhalb gewisser Schranken gehalten werden, so muß es eine Klasse von Staatsbürgern geben, die mit dem Grund und Boden verwachsen ist und an der Erhaltung des Bestehenden ein wesentliches Interesse hat. Große Staaten vermögen nur gesund zu bleiben, wenn auf ihren Gebieten für die verschiedenen Arten menschlicher Thätigkeit Raum ist, wenn neben Kaufleuten, Fabrikanten, Gewerbsleuten und Arbeitern Bauern und Grundbesitzer dastehen, die den Schwerpunkt ihrer Arbeit

und ihrer Existenz auf eigenem Grund und Boden haben. Städtisches Gewerbe und Landwirthschaft müssen neben einander bestehen, einander stützen und ergänzen, wenn Staat und Gesellschaft gesund bleiben und vom Auslande unabhängig sein sollen.

Möglich ist dies aber nur, so lange die Landwirthschaft lohnend ist und so lange das betreffende Land sich vornehmlich von einheimischen Früchten nährt. Als England seine Kornzölle aufhob, hatte es keine andere landwirthschaftliche Concurrenz, als diejenige der europäischen Nachbarländer vor Augen und der englische Landwirth durfte hoffen, diesen die Spitze bieten zu können. Weder Peel und Cobden, noch die festländischen Nachbeter dieser Männer dachten daran, daß Länder in den Concurrenzkampf treten könnten, deren natürliche Fruchtbarkeit, dünne Bevölkerung und Einfachheit der Lebensbedingungen jeden eigentlichen Kampf unmöglich machten. Erschreckend wirkte es bereits, als vor 20 Jahren Rußland und Ungarn mit Hilfe neuerbauter Eisenbahnlinien und massenhaft hergestellter Dampferverbindungen als Mitbewerber auf den Weltmarkt traten und Körner brachten, die auf unbebaut gewesenen, für werthlos gehaltenen Territorien gewachsen und für verschwindend geringe Tagelöhne eingeerntet worden waren. Was aber wollte das gegen die Umwälzung bedeuten, die nach abermals zehn Jahren durch die Eisenbahnverbindung der beiden Ufer Nord-Amerikas und durch die (mit Hilfe des Suezkanals bewerkstelligte) Erschließung Ost-Indiens hervorgebracht worden ist? Durch die jungfräuliche Natur ihres Grundes und Bodens, durch die rapide Entwickelung des Maschinenwesens, die Niedrigkeit der örtlichen Steuern und Löhne wurden diese Länder in den Stand gesetzt, Roggen und Weizen zu noch nicht dagewesenen niedrigen Preisen auszuführen, Rußland und Ungarn zu unterbieten und mit der unerschöpflichen Masse ihrer Erzeugnisse alle Häfen Europas, einschließlich Petersburgs, zu überschwemmen. Von dem gehofften Austausch westeuropäischer Industrieerzeugnisse mit den Früchten Rußlands, Amerikas und Indiens aber war und ist nicht mehr die Rede. Der bedürfnißlose Inder bedarf unserer Waaren überhaupt nicht, Russen und Amerikaner aber besitzen eigene Industrien, die sie längst durch hohe Zölle gegen das Angebot aus England, Frankreich, Deutschland u. s. w. geschützt haben.

Solchen Verhältnissen gegenüber, blieb keine andere Wahl als die zwischen Ruin oder Beschädigung der einheimischen Landwirthschaft übrig. Die verbündeten deutschen Regierungen haben gewählt, und die meisten Deutschen dieser Wahl (die eigentlich gar keine Wahl mehr war) aus voller Seele zugestimmt. Unter dem Druck derselben Nothwendigkeit ist Frankreich im Begriff, dieselbe Maßregel zu ergreifen. Diesem Beispiel werden voraussichtlich noch andere westeuropäische Länder nacheifern – England natürlich ausgenommen, dessen Landwirthschaft bereits vollständig zu Boden geworfen ist.


Wo bleibt die Antikornzoll-Bewegung?

Am 23. Januar im Reichstage und am 24. Januar im Abgeordnetenhause wurde die großartige nationale Kundgebung, welche durch das ablehnende Votum des Reichstags über 20,000 ℳ für einen neuen Director im auswärtigen Amt hervorgerufen worden war, von den Freisinnigen und speciell von Herrn Rickert als eine künstlich in Scene gesetzte Bewegung auszugeben versucht. Die Herren wollten die Bedeutung dieser Kundgebung möglichst herabsetzen und waren der Meinung, daß mit einigem Geschick leicht eine Gegenbewegung in Scene gesetzt werden könne. „Das können wir auch" – unter dieser Parole war denn auch thatsächlich wenige Tage vorher eine Antikornzoll-

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