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IV. Jahrgang. No. 23. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 24. Februar 1885.

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Die afrikanische Conferenz.

Die am 15. November v. J. auf Einladung der Regierungen Deutschlands und Frankreichs in Berlin zusammengetretenen Conferenz zur Regelung der Verhältnisse des westlichen Afrika geht ihrem Abschluß entgegen. Der Dauer ihrer Thätigkeit entsprechen die gewonnenen Ergebnisse, welche nicht nur der Lösung der Aufgaben des Programms gegolten, sondern die allseitig ausgesprochene Anerkennung der internationalen afrikanischen Gesellschaft mit umfaßt haben.

In mehrfacher Rücksicht hat diese Versammlung von Vertretern der seefahrenden Staaten Europas und der nordamerikanischen Union eine Bedeutung erlangt, die ihrem Urheber zu hohem Ruhme gereichen wird. Der Gedanke, die Verhältnisse einer außereuropäischen, von den verschiedensten Seiten umworbenen Erdgegend in friedlicher Weise durch die Annahme allgemein giltiger Grundsätze zu ordnen, war ebenso neu, wie das Unternehmen, noch nicht brennend gewordene Fragen Behufs Vermeidung künftiger Streitigkeiten durch internationale Vereinbarungen im Voraus zu regeln. Unter weiser Benutzung der Friedlichkeit der gegenwärtigen Weltlage und des allgemeinen Vertrauens zu dem Einverständniß der führenden Mächte entschlossen die Cabinette von Berlin und Paris sich zu dem Versuche, Conflicten über die Zukunft Westafrikas schon jetzt vorzubauen und freie Bahn für die Kulturarbeit in den Gebieten des Niger und des Kongo zu schaffen. Indem man die Freiheit des Handels und Verkehrs zum leitenden Grundsatze für die Einrichtung dieser Gebiete machte, stellte man zugleich die Regeln und Bedingungen für die Rechtsgiltigkeit fernerer europäischer Besitzergreifungen in herrenlosen afrikanischen Ländern und das Maaß der in dieser Rücksicht dritten Staaten zu leistenden Bürgschaften fest. Dank dem Geiste des Vertrauens und der Friedensliebe, in welchem die Arbeiten der Konferenz geleitet wurden, ist die vollständige Erreichung dieser Ziele ermöglicht und eine Annäherung der betheiligten Regierungen herbeigeführt worden, welche der außerhalb der Konferenz geführten Verhandlungen, betr. die Anerkennung der internationalen afrikanischen Gesellschaft, wesentlich zu Gute gekommen ist.

Von der hohen Befriedigung aller patriotisch denkenden Deutschen darüber, daß dieses wichtige und ersprießliche Werk unter deutscher Führung und in der deutschen Reichshauptstadt unternommen und zum Abschluß gebracht, schweigen wir: ist es doch nicht das erste Mal, daß Berlin zum Mittelpunkte geschichtlicher Entscheidungen und diplomatischer Versammlungen gemacht worden, wie unsere Väter sie allein in London, Paris oder Wien für möglich gehalten hatten. Besondere Erwähnung wird es dagegen verdienen, daß das Gelingen der Conferenz in erster Reihe dem Zusammenwirken Frankreichs und Deutschlands zu danken gewesen ist, und daß dadurch ein erfreulicher Beleg für die Möglichkeit allmählicher Ausgleichung der feindlichen Gegensätze geliefert worden, welche der Kriegswinter 1870/71 hinterlassen hatte. Die französische Regierung aber, welche sich zu dem in Rede stehenden Schritte entschlossen, ist die stärkste, welche Frankreich seit dem Jahre 1871 überhaupt besessen hat.


Die Agitation gegen die Kornzölle.

Die vorjährigen Reichstagswahlen waren unter außerordentlich starker Betheiligung der Wahlberechtigten vorgenommen worden. Alle Welt hatte gewußt, daß die zu erwählenden Volksvertreter über eine Regierungsvorlage betr. die Erhöhung der Kornzölle zu entscheiden haben werden; in ungezählten Wahlversammlungen, Wahlreden, Wahlflugblättern u. s. w. war das Für

und Wider dieser Angelegenheit erörtert, von fortschrittlich-freisinniger Seite Alles Denkbare gethan worden, um den Schutz der Landwirthschaft als überflüssige und gemeingefährliche Maßregel zu verdächtigen. Nichts desto weniger unterlag die freisinnige Opposition und entschied die Mehrheit der Nation sich für die Erwählung von Anhängern der Kornzölle. So gut wie anderswo wußte man auch in Deutschland, daß die Entfesselung der amerikanischen und indischen Konkurrenz eine noch nicht dagewesene Nothlage der europäischen Landwirthschaft geschaffen habe und daß Staaten, deren Bürger ihrer Mehrzahl nach auf die Arbeit mit Pflug und Spaten angewiesen sind, Nichts übrig geblieben sei, als den ländlichen Gewerben und insbesondere dem Getreidebau mit dem einzigen verfügbaren Mittel, demjenigen eines erhöhten Zollschutzes zu Hilfe zu kommen.

Solcher Vorgeschichte entsprechend, hat der Reichstag seine Entschließungen gefaßt. Indem sie nach mehrtägiger eingehender Erörterung der Gründe für und wider die Erhöhung der Getreidezölle, mit großer Mehrheit ihr „Ja" aussprach, hat die deutsche Volksvertretung einfach gethan, was sie nicht lassen konnte. Nach Allem, was vorhergegangen war, verstand dieses Votum sich geradezu von selbst. Niemand durfte darüber Klage führen, Niemand auch nur verwundert sein, daß Regierung und parlamentarische Mehrheit sich zu einer Maßregel entschlossen, die sie Monate zuvor angekündigt und zu deren Prüfung sie die Wähler ausdrücklich eingeladen hatten. Niemals ist „parlamentarischer" als in diesem Falle verfahren worden, wo der „Volkswille" (der ja nach demokratischer Auffassung in allen politischen Fragen die letzte Instanz bilden soll) genau gesagt hatte, was er wollte.

Wäre bei unsern parlamentaristisch-demokratischen Parteipolitikern auf gewissenhafte Befolgung der eigenen Lehre zu rechnen gewesen, so hätten die Herren sich zu dem einfachen und ehrlichen Eingeständniß bequemen müssen, daß ihre Meinung in diesem Falle von der Mehrheit des Volks verworfen worden. Sie hätten sagen müssen: „Die Sache ist völlig in Ordnung und uns Nichts als Unterwerfung unter das Geschehene übrig geblieben. Vielleicht gelingt es das nächste Mal, die Wähler zu überzeugen, daß sie sich im Irrthum befunden haben." – Was erleben wir statt dessen? daß die Propheten des Mehrheits-Grundsatzes den diesmaligen Mehrheits-Beschluß wie einen schmählichen Rechtsbruch, wie eine Vergewaltigung behandeln, dem das heiligste Volksinteresse zum Opfer gebracht worden. Weil die Wähler für die Kornzölle eingetreten sind, klagt die demokratische Presse über mangelnde Wahlbetheiligung und Vernachlässigung der Wählerpflicht. Man redet von einer unberücksichtigt gelassenen Antikornzollbewegung, während der Reichskanzler von Dank- und Anerkennungs-Adressen förmlich überschüttet wird; man fabelt von der Unzufriedenheit des „Volks" mit der beschlossenen Maßregel, während feststeht, daß eine in Betracht kommende Opposition wider dieselbe allein von gewissen Handelskreisen gemacht worden ist, welche Abnahme der Korneinfuhr fürchten. Während alle Denkenden darüber einig sind, daß die Annahme der Zoll-Vorlage den sofortigen Erlaß eines Sperrgesetzes nöthig gemacht habe, jammern Preßorgane vom Schlage des „Reichsblatts", daß man dem armen Volke das Brod vor der Nase wegschnappen wolle, noch bevor der gefaßte Beschluß zum Gesetze geworden. Das letztgenannte Blatt hat sogar die Stirn gehabt, vor Gewaltthätigkeiten zu warnen und so zu thun, als beabsichtige die Nation, sich gegen den vor ihr selbst dictirten Beschluß in gesetzwidriger Weise aufzulehnen. Die gesammte thatsächliche Lage der Dinge wird, mit einem Worte, gewaltsam auf den Kopf gestellt, die Mehrheit zur Minderheit und die Minderheit zur Mehrheit gemacht, der ausgesprochene und unzweifelhafte Wille der Nation in sein Gegentheil verkehrt und eine auf dem gesammten europäischen Continente erörterte,

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