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IV. Jahrgang. No. 25. Neueste Mittheilungen.
Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Sonnabend, den 28. Februar 1885.

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†† Eine Frage an die „Freisinnigen".

Seit Monaten wiederholen unsere freihändlerischen und freisinnigen Zeitungsblätter die Versicherung, das Verlangen nach Erhöhung der Kornzölle habe mit den Wünschen und Bedürfnissen des eigentlichen Volkes nicht das geringste gemein. Die Kornzoll-Agitation soll das Werk einer Verschwörung selbstsüchtiger Junker, eingefleischter Agrarier und einer handvoll an der Nase herumgeführter Bauern sein, – eine Maßregel, die höchstens 15 000 Großgrundbesitzern Vortheil bringen und die gesammte übrige Nation schwer schädigen werde. Die Regierung habe diesen „Reactionären" den Willen gethan, um dieselben für ihre Colonial- und social-politischen Pläne zu gewinnen, die Centrums-Partei aber in der Absicht zugestimmt, ihre früheren Verbindungen mit den Alt-Conservativen neu zu kräftigen und den letzteren einen Dienst zu erweisen.

Frankreich ist kein monarchischer, kein von einem „eisernen Kanzler" verwalteter Staat, sondern eine demokratische, nach dem Willen einer hochliberalen Kammermehrheit regierte Republik. Nirgend in Europa sind Zahl und Einfluß der kleinen, wesentlich auf die eigenen Hände angewiesenen Grundbesitzer so bedeutend, wie westlich von den Vogesen, wo Grundbesitzer nur in einzelnen Landschaften des Nordostens eine Rolle spielen. Seit Jahr und Tag befindet die Partei der französischen Conservativen sich so vollständig in der Minderheit, daß sie auf die Entschließungen der Deputirtenkammer nur dann einzuwirken vermag, wenn sie mit der regierungsfeindlichen äußersten Linken zusammengeht. Bis zur Stunde besteht in Frankreich keine agrarische Partei; die Agitation für Erhöhung der Kornzölle hat erst im März v. J. ihren Anfang genommen, die mächtige freihändlerische Partei völlig freie Hand, zahlreiche talentvolle und angesehene Redner (darunter ehemalige Minister von dem wissenschaftlichen Range Léon Says) und natürlich außerordentlich viel Geld zu ihrer Verfügung gehabt. Die Regierung nahm eine wesentlich abwartende Stellung ein, verhielt sich den entschiedenen Schutzzöllnern gegenüber durchaus ablehnend und zählte Männer in ihrer Mitte, die (wie z. B. Herr Rouvier) für Freihändler gelten. Von der Deputirtenkammer aber weiß Jedermann, daß dieselbe den Wünschen der Bevölkerung die genaueste Rechnung trägt, und daß sie sich am Vorabende der bevorstehenden Neuwahlen vor Allem hütet, was der öffentlichen Meinung Anstoß geben oder die Unzufriedenheit der vorgeschritteneren Wählerkreise wecken könnte.

Nichts desto weniger hat in dem demokratischen, nach streng parlamentarischen Grundsätzen regierten Frankreich eine aus Anhängern der verschiedensten politischen Parteien zusammengesetzte, 316 Stimmen starke Kammermehrheit eine Erhöhung der Kornzölle beschlossen, die in gewisser Beziehung über den deutschen Reichstagsbeschluß hinausgeht. Der Getreidezoll soll regelmäßig 3 Francs (etwa 2 Mark 40 Pfg.) betragen, rücksichtlich solchen Getreides aber, das aus Amerika, Asien, Afrika oder Australien herstammt und in europäischen Entrepots (Zollverschlüssen) gelegen, mithin zu Spekulationszwecken den Weg nach Frankreich eingeschlagen hat, auf 6 Francs 60 Cent. (etwa ca. 5 Mk. 25 Pfg.) erhöht werden. Gegen diesen Vorschlag waren trotz aller von der Opposition gemachten Anstrengungen nicht mehr als 175 Stimmen zusammengebracht worden.

Eine Kornzollerhöhung, hinter welcher weder eine Regierung, noch ein Junkerthum, noch eine politische Reactionspartei, noch auch eine agrarische „Ausbeuter"-Verschwörung steckt, die im Gegentheil völlig spontan von Männern der verschiedensten politischen und kirchlichen Richtungen votirt worden ist und die dennoch weiter geht, als der deutsche Reichstagsbeschluß! Wir sind

gespannt, wie die „freisinnigen" Alleswisser diese allen ihren Behauptungen hohnsprechende Thatsache erklären und wie sie es anfangen werden, ihren Anhängern klar zu machen, daß französische Demokraten und deutsche Conservative in einer Frage von so ungeheuerer wirthschaftlicher Bedeutung völlig gleicher Meinung sein konnten.


Die Landtagsverhandlung über die preußischen Universitäten.

Wie in früheren Jahren sind auch dieses Mal bei Berathung des Etats des Kultus- und Unterrichts-Ministeriums Gegenstände in das Bereich der Erörterung gezogen worden, auf welche die Verwaltung keinen oder nur höchst untergeordneten Einfluß zu üben vermag. Wenn in einem Lande, das die Freiheit des akademischen Studiums von jeher hochgehalten hat, gewisse studentische Elemente von den ihnen gebotenen Bildungsmitteln unrichtigen oder unvollständigen Gebrauch machen, so liegt für den Denkenden auf der Hand, daß dergleichen Mängel bei Anstalten unvermeidlich sind, die nicht bevormunden, sondern an den wissenschaftlichen Sinn und die eigene Einsicht ihrer Mitglieder appelliren sollen. Die Unterrichtsverwaltung für den vielbesprochenen „Frühschoppen", den unregelmäßigen Kollegienbesuch oder die einseitige Art der Examenvorbereitung vieler Studirenden verantwortlich zu machen, hätte nur dann einen Sinn, wenn man den Aufsichtsorganen die Befugniß ertheilen wollte, die akademischen Hörer zwangsweise zur Arbeit anzuhalten und für unrichtigen oder mangelhaften Gebrauch ihrer Zeit zur Verantwortung zu ziehen. Davon wollen bekanntlich aber auch die gestrengen Kritiker unserer Universitätszustände Nichts wissen. Im Gegentheil sind es diese Herren, die, unter Berufung auf die freiere Bewegung früherer akademischer Generationen, jedes ministerielle Eingreifen in das Innere des Universitätslebens bitter tadeln. Noch bei Gelegenheit der letzten Verhandlungen ist erlebt worden, daß man Lärm schlug, weil den Berliner Studirenden die Betheiligung an einem politischen Vereine untersagt worden war, und daß man über ernste Gefährdung der akademischen Selbständigkeit klagte, weil in einem einzelnen Falle die Besetzung eines neuen Lehrstuhls ohne Zuthun der betreffenden Facultät erfolgt war. In einem Athem Erhaltung der akademischen Lehr- und Hörfreiheit verlangen und den Minister dafür verantwortlich machen, daß einzelne Studirende dieselbe mißbrauchen und lieber auf den Fechtboden und ins Wirthshaus, als in die Vorlesung gehen, heißt, sich in directen Widersprüchen bewegen und Dinge verlangen, die einander ausschließen.

Ein noch schlagenderer Beleg für die Unmöglichkeit, es den Männern unserer Opposition recht zu machen, ist durch die Erörterungen geliefert worden, die gelegentlich der Verhandlung vom 26. Februar an die zunehmende Frequenz der Berliner Hochschule geknüpft wurden. Als während der sechziger und ersten siebziger Jahre Berlin von andern deutschen Universitäten zeitweise überflügelt und Leipzig in die erste Stelle gerückt worden war, überboten die verschiedenen Parteien einander in Schmerzensrufen darüber, daß die erste Stadt Deutschlands geistig veröde, daß die Anstalt, an welcher Fichte, Schleiermacher und Hegel, Johannes Müller, Savigny, Bopp und Bökh gewirkt hatten, ihres Ruhms verlustig gehe, und daß Berlin sich weder in künstlerischer noch in wissenschaftlicher Beziehung neben Leipzig, München, Dresden u. s. w. sehen lassen dürfe. Jetzt, wo nach unermüdlicher Arbeit ein Umschwung bewirkt, die Berliner Hochschule zur besuchtesten des gesammten Reichs gemacht und der Reichthum der wissenschaftlichen Anstalten und künstlerischen Sammlungen in kaum dagewesener Weise vermehrt worden ist,

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