No. 22. Provinzial-Correspondenz.
Elfter Jahrgang.
28. Mai 1873.

Eine neue Regierung in Frankreich.
(Uebersicht.)

Die innere Entwickelung Frankreichs, auf welche schon seit dem vorigen Herbst die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet war, ist in den letzten Wochen zu einer unerwartet schroffen Wendung gelangt.

Merkwürdiger Weise bildete den Ausgangspunkt der jüngsten Verwickelung und Verwirrung gerade die von patriotischer Befriedigung, gerechtem Stolz und hoffnungsreichen Aussichten erfüllte Botschaft, mit welcher der bisherige Präsident der Republik im November v. J. die Nationalversammlung bei ihrer Wiedervereinigung begrüßte. Herr Thiers durfte damals mit höchster Genugthuung auf die Lage des Landes, wie sie sich unter seiner Verwaltung gestaltet hatte, namentlich auf die Wiederbelebung des öffentlichen Verkehrs und Vertrauens, auf die neue Bewährung der finanziellen Kraft und des Kredits Frankreichs hinweisen, welche in schwerer Zeit eine in der That glänzende Probe bestanden hätten, Dank der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung, deren Vollgenuß die Regierung dem Lande wieder gesichert habe. Gleichzeitig aber kündigte der Präsident der Republik an, daß es nunmehr die Aufgabe sein werde, die Republik, welche als die gesetzliche Regierung des Landes bestehe, kräftig zu organisiren, ihr das wünschenswerthe und nothwendige Gepräge einer »konservativen Republik« aufzudrücken. Jede Regierung, die Bestand haben solle, müsse konservativ sein, unter einer Regierung, die es nicht sei, könne keine Gesellschaft bestehen. Die Republik werde konservativ sein oder zu Grunde gehen.

Die stolze und zuversichtliche Botschaft fand in der Nationalversammlung von vornherein nicht die entschiedene Zustimmung, auf welche der Präsident rechnen zu dürfen gemeint hatte. Die rechte Seite der Versammlung, welche von den auf die monarchische Staatsform hinstrebenden Parteien gebildet wird, nahm Anstoß daran, daß die Republik als „die gesetzliche Regierung des Landes" bezeichnet und noch mehr daran, daß das Bestreben verkündet wurde, der republikanischen Staatsform Dauer zu geben. Man erkannte darin eine Verleugnung des sogenannten Uebereinkommens von Bordeaux, d. h. der zwischen Thiers und den Führern der Mehrheit der Nationalversammlung damals getroffenen Vereinbarung, nach welcher die Entscheidung über die endgültige Staatsform der Zukunft vorbehalten bleiben, das gemeinsame Streben dagegen zunächst darauf gerichtet sein müsse, für die Wiederaufrichtung der Ordnung im Innern und für die Befreiung des französischen Gebietes von der deutschen Occupation zu sorgen.

Für die Politik des Präsidenten Thiers war es gegenüber der Rechten in hohem Grade bedenklich, daß die demokratischen Elemente der Versammlung unter Führung Gambetta's der Botschaft des Präsidenten laut zustimmten und sich als seine Bundesgenossen hinstellten, augenscheinlich in der Hoffnung, die Republik, welche Herr Thiers als eine konservative zu gründen gedachte, demnächst ihrerseits nach ihren demokratischen Grundsätzen gestalten zu können.

Die Verstimmung der Rechten äußerte sich in einer Reihe von Anträgen, welche dem Mißtrauen gegen die innere Politik der Regierung immer entschiedener Ausdruck geben sollten. Dieselben wurden zwar schließlich immer abgelehnt oder nur in erheblich abgeschwächter den Wünschen der Regierung mehr entsprechender Gestalt angenommen; aber es geschah einerseits nur mit schwachen Majoritäten, andererseits nur mit Hülfe der demokratischen Linken, während die konservativen Parteien sich immer mehr der Regierung entfremdeten und sich immer fester selbstständig zu schaaren suchten.

Vor einigen Monaten schien es, als sollte ein neuer bedeutender Erfolg der Politik des Präsidenten Thiers seine Stellung auch den Parteien gegenüber neu befestigen und stärken. Der Abschluß der jüngsten Uebereinkunft mit Deutschland, durch welche das Werk der Befreiung Frankreichs von der fremden Okkupation der Erfüllung erheblich näher gerückt wurde, fand in ganz Frankreich eine so lebhafte Anerkennung,

daß dem Präsidenten auch Seitens der Nationalversammlung einmüthig der Dank des Landes bezeugt wurde.

Unter dem Eindruck der damaligen Stimmungen glaubte der Präsident der Republik zur Ausführung seiner in der Botschaft angekündigten Absicht, die Regierung des Landes auf festere, dauernde Einrichtungen zu gründen, auf die bereitwillige Unterstützung der Mehrheit der Nationalversammlung rechnen zu dürfen, und in der That war es ihm gelungen, über den hierzu einzuschlagenden Weg eine vorläufige Vereinbarung mit derselben zu treffen, als auf Anlaß der jüngst vollzogenen Wahlen neue tiefe Zerwürfnisse zwischen der Regierung und der Rechten der Versammlung eintraten.


Die Ersatzwahlen, welche während der Vertagung der Nationalversammlung stattgefunden haben, wurden von Seiten der Regierung, wie von den Parteien gewissermaßen als eine Probe angesehen, inwieweit die öffentliche Meinung in Frankreich mit der von der Regierung kundgegebenen Absicht der dauernden Gründung der Republik übereinstimme.

Die Nachwahlen fielen fast durchweg im Sinne der Republik aus, aber freilich nicht zu Gunsten einer „konservativen Republik", wie sie Herrn Thiers vorschwebte; vielmehr waren die Gewählten mehr oder weniger entschiedene Anhänger der demokratischen Republik, wie sie Gambetta und dessen Anhang erstreben.

In Paris besonders war der Ausfall der Wahl sehr bedeutsam. Während die Regierung des Präsidenten die größten Anstrengungen machte, um die Wahl des Ministers des Auswärtigen Grafen Rémusat, welcher mit Thiers die Ehren des letzten diplomatischen Abschlusses theilte, in der Hauptstadt Frankreichs zu sichern, und in einer solchen Wahl eine Kundgebung der öffentlichen Zustimmung zu der gesammten Regierungspolitik zu gewinnen, – wurde dem Kandidaten der »konservativen Republik« von Seiten der Partei Gambetta's ein Kandidat der äußersten Demokratie entgegengestellt, dessen frühere Wirksamkeit in Lyon jüngst von der Nationalversammlung gebrandmarkt worden war. Der hochverdiente Minister des Präsidenten unterlag dem demokratischen Kandidaten.

Diese Wahl, sowie ähnliche Wahlergebnisse in verschiedenen Theilen Frankreichs, waren nach den ausgesprochenen Absichten der radikalen Partei vor Allem gegen die konservative Mehrheit der Nationalversammlung gerichtet; durch die Kundgebung der öffentlichen Meinung bei den Wahlen sollte der Beweis geführt werden, daß der Geist der Versammlung nicht mehr dem Willen Frankreichs entspreche. Gleichzeitig mußte jedoch der Präsident der Republik erkennen, daß sein Streben für die Aufrichtung dauernder republikanischer Einrichtungen in dem von ihm festgehaltenen konservativen Sinne so wenig auf Seiten der alten republikanischen Linken, wie auf Seiten der monarchischen Rechten Zustimmung und Unterstützung finde.

In dieser Lage glaubte Herr Thiers den Versuch machen zu müssen, Behufs Durchführung der Republik sich auf eine starke und einheitliche Mittelpartei in der Nationalversammlung zu stützen. Um eine solche zu sammeln und zu befestigen, wollte er zunächst sein Ministerium selbst einheitlich aus Männern zusammensetzen, welche mit ihm von der Nothwendigkeit der Gründung einer „konservativen Republik" als dauernde Regierungsform überzeugt wären. Er nahm daher eine Veränderung des Ministeriums in der Richtung vor, daß er einerseits den bisherigen Minister des Innern, welcher entschieden auf Seiten der Rechten stand, andererseits den bisherigen Unterrichtsminister, einen früheren demokratischen Republikaner, entließ, und statt derselben neue Minister aus den Reihen der gemäßigten, seiner Politik durchaus ergebenen Mittelpartei berief.

Dieser Schritt des Präsidenten der Republik führte den Bruch mit der Rechten der Nationalversammlung herbei. Dieselbe hatte bereits in dem Ausfall der jüngsten Wahlen eine schwere Bedrohung der konservativen Interessen des Landes erkannt und glaubte, von dem Präsidenten, als dem von der Nationalversammlung berufenen Vertrauensmann, um so mehr ein entschiedenes Zusammenwirken Behufs Wahrung dieser


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Interessen fordern zu dürfen. In der Entlassung des einzigen Ministers, der ihrer Partei angehörte, erblickte sie dagegen eine Kundgebung der Absicht, von der bisherigen konservativen Politik abzugehen, und war nunmehr entschlossen, die der Nationalversammlung als der Vertreterin der Volkssouveränetät zustehende selbstständige Autorität rückhaltlos zur Geltung zu bringen.


Beim Beginn der neuen Session trat die feste Einigung aller Fraktionen der Rechten und ihr entschiedener Gegensatz gegen die Politik des Präsidenten Thiers alsbald in dem gesammten Verhalten der Versammlung hervor. Gleich in der ersten Sitzung wurde ferner von mehr als 320 Mitgliedern, nahezu der Hälfte aller Abgeordneten, ein ausdrücklicher Antrag gestellt, nach welchem der Präsident aufgefordert werden sollte, Auskunft über die Gründe des letzten Ministerwechsels zu geben, indem zugleich die Nothwendigkeit einer entschieden konservativen Politik scharf betont wurde.

Bei der Verhandlung über diesen Antrag wurde von dem Haupturheber desselben, dem Herzog von Broglie, zur Begründung desselben etwa Folgendes geltend gemacht:

Die Gefahr der Lage habe sich bei den letzten Wahlen enthüllt: sie liege in der Möglichkeit, daß die radikale Partei über kurz oder lang zur Herrschaft gelange. Dieselbe sei aber nicht blos eine politische, sondern eine soziale Partei; sie bedrohe die Grundlagen der Gesellschaft mit Vernichtung. Sie stehe selbst zur Pariser Kommune in sehr rücksichtsvollen Beziehungen; Gambetta habe noch jüngst die Ansicht ausgesprochen, man habe die Kommune geschmäht und sei ihr eine Genugthuung schuldig. Deshalb fordere auch die radikale Partei die Auflösung der Nationalversammlung. Wenn erst eine neue Kammer mit radikaler Majorität wieder in Paris einziehe, dann werde die Revanche für die Pariser Kommune da sein. Diese Aussicht erfülle die Gesellschaft mit Schrecken und bilde die Gefahr der Lage.

Wie aber habe sich die Regierung zu dieser Gefahr gestellt? Es seien zwei Strömungen innerhalb der Regierung vertreten gewesen, eine offen feindliche gegen den Radikalismus, daneben eine andere voll Schonung und freundlicher Beziehungen zu demselben. Diese beiden Richtungen haben sich lange in demselben Ministerium bekämpft. Jetzt sei das Ministerium verändert; aber der allgemeine Eindruck sei, daß das neue Ministerium ein neuer Schritt in der Richtung der Zugeständnisse und der Schonungen für die radikale Partei sei. Diese Auffassung gründe sich namentlich auf den Rücktritt desjenigen Ministers, welcher recht eigentlich die Anschauungen und Interessen der großen konservativen Mehrheit vertrat. Derselbe sei nicht deshalb entlassen worden, weil er zu wenig republikanisch, sondern deshalb, weil er zu konservativ gesinnt war. Es solle nunmehr der Regierung bedeutet werden, daß der Schwankungen, der Zugeständnisse und der Schonungen für die radikale Partei jetzt genug sei. Es handele sich um die ewigen Grundlagen der Gesellschaft überhaupt: man solle nicht den Feinden der Gesellschaft die Thore öffnen und ihrem Triumphe in die Hände arbeiten.


Der Präsident der Republik Thiers hielt in der Sitzung vom Sonnabend, 24. Mai, eine glänzende Rede zur Vertheidigung gegen diese Angriffe.

Er nahm die gesammte Verantwortlichkeit für das, was geschehen, für sich allein in Anspruch. Er werde sich mit dem Stolz eines guten Gewissens und eines hingebenden Patriotismus erklären. Man wisse, daß er die Gewalt niemals gesucht habe; aber er könne mit Genugthuung auf seine Regierung zurückschauen. Er sei auf seinen Posten unter den schwierigsten Verhältnissen, die jemals in der Geschichte eines Landes eingetreten seien, berufen worden, und habe ihn aus bloßem Pflichtgefühl angenommen. Es galt damals, ohne Finanzen, ohne Armee, die Fremden mitten im Lande und unter den schwersten Parteikämpfen eine Regierung wiederherzustellen. Die Nationalversammlung selbst, sei durchaus gespalten: da sei es nicht leicht, zu regieren. Die Einen wollen die Republik, die Anderen die Monarchie: beide Ueberzeugungen seien ehrenwerth. Das Wort Republik möge Viele schrecken; aber die Republik könne unter den jetzigen Verhältnissen wohl die natürliche Regierungsform sein, wenn sie nur mit Weisheit und Maß geübt werde. Die Masse der Bevölkerung sei jedenfalls republikanisch. Die Zukunft der Republik hänge aber davon ab, daß sie das Land nicht erschrecke, sondern beruhige; deshalb müssen Männer der Ordnung am Ruder sein, unerbittlich gegen jede Störung des Friedens. Eine Parteiregierung würde nur selbst die öffentliche Ruhe in Gefahr bringen. Er dürfe sich darauf berufen, daß er den großen Aufstand der Kommune bewältigt habe. Das Land und ganz Europa habe der Regierung Vertrauen geschenkt. »Die beruhigte Industrie (fuhr Thiers fort) nahm ihre Thätigkeit wieder auf; das Land fühlte sich wieder Herr seiner selbst und gab sich durch die beiden glänzenden Anleihen kund, welche die Befreiung des Landesgebiets herbeigeführt. Und wo stehen wir heute? Vier Milliarden sind bezahlt; die Bezahlung der fünften ist gesichert, und am 4. September wird die Befreiung eine vollständige sein. Noch

mehr! Was sehen wir im Auslande? Während finanzielle Krisen überall um uns herum ausbrechen, ist der Kredit Frankreichs, ungeachtet seiner großen Kriegsschuld, nicht im Geringsten erschüttert. Indem Frankreich eine solche Lebenskraft zeigte, gewann es sein Ansehen wieder. In ganz Europa glaubt man an Frankreich und achtet seine Regierung. Wenn wir unsere Armee wiederherstellen, woraus ich kein Hehl mache, so nimmt das Niemand Wunder; wir rüsten, weil wir in der europäischen Gemeinschaft den uns gebührenden Rang einnehmen wollen, nicht aber, weil wir auf Krieg sinnen. Europa schenkt unseren Worten Glauben. Nach Innen halten wir die materielle Ordnung ihrem ganzen Umfange nach aufrecht. Der Grund der moralischen Beunruhigung liegt in der noch ungelösten Frage der Regierungsform. Das Provisorium ist gefährlich, indem es die Arena für alle Parteien frei läßt; Gewaltthätigkeiten der einen haben Gewaltthätigkeiten der andern zur Folge. Wir suchten die Zukunft so lange als möglich offen zu halten; wenn wir aber im rechten Augenblicke Ihnen sagen, daß es nun mit dem Provisorium nicht mehr gehe, so ist das doch noch lange kein Verrath. Ein alter Anhänger der Monarchie, kann ich jetzt kein Hehl daraus machen, daß die Monarchie bei uns unmöglich ist. Sie selbst gestehen das indirekt ein, indem Sie sagen, daß Sie nicht für die monarchische, sondern für die konservative Sache kämpfen. Es giebt nur einen Thron und drei haben auf demselben nicht Platz. (Unruhe rechts.) Wenn die gegenwärtige Regierung beständig verkannt und beschimpft wird, so liegt das an dem Provisorium. Ich bedauere, daß ich mich von zwei Ministern trennen mußte; aber es war nun einmal ein einheitliches, homogenes Ministerium nothwendig und darum wählte ich Männer, die in der Hauptsache meine Ideen theilten. Mit den konstitutionellen Gesetzen bieten wir Ihnen die Hand; das werden Sie erst bei aufmerksamerer Durchlesung derselben erkennen. Unabweislich war es allerdings geboten, ihnen eine definitive Bestimmung der Regierungsform voranzuschicken. – Wir glauben daß wir, indem wir Ihnen diese Entwürfe zur Gründung der konservativen Republik vorlegen, recht eigentlich als Konservative handeln. Die letzten Wahlen sind nicht so beunruhigend, als man glauben machen wollte. Die konservativen Kandidaten unterlagen, weil man ihnen immer monarchische Hintergedanken zutraute. Wenn erst die Republik außer Frage sein wird, dann werden die Wahlen nicht mehr einen extremen Charakter haben. In dieser Absicht legten wir Ihnen unsere Gesetzentwürfe vor. Wenn auch diese sich unwirksam erweisen sollten, dann wäre freilich nur für die Diktatur Platz, und wohin diese führt, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Ich kenne keinen anderen Ausweg, als eine regelmäßige, rechtmäßige, unbestrittene Regierung oder die Diktatur. Die Diktatur? Will man diese? Der, welchem man sie anbietet, wird sie annehmen! Aber vergessen Sie nicht, daß die Diktatur der großen Männer uns zu Grunde gerichtet hat. Die Diktatur der kleinen Männer wird uns auch zu Grunde richten, und dabei hätten wir nicht einmal den Ruhm; denn 1815 wurden wir auf glorreiche Weise besiegt. Sie wissen, wie man uns 1870 besiegte. Wenn Sie unser Mittel nicht annehmen, so müssen Sie zwischen zwei Extremen wählen: zwischen denen, welche die Republik nicht konstituiren wollen, und denen, welche eine konstituirende Versammlung wollen, um ihre, Doktrinen zur Herrschaft zu bringen. Möge man es nicht vergessen, daß nur unser Mittel die Lösung geben kann!«


Die Entscheidung erfolgte noch an demselben Tage. Nach der Rede des Präsidenten, welche die größte Aufregung hervorrief, wurde die Sitzung kurze Zeit unterbrochen. Nach der Wiederaufnahme wurde die Berathung bald geschlossen und ein Antrag, dahin zielend:

Die Nationalversammlung spricht ihr Bedauern aus, daß die jüngsten Ministeränderungen den konservativen Interessen nicht die Genugthuung gewährt haben, welche sie erwarten durften, mit 360 gegen 344 Stimmen angenommen.

In Folge dieses Beschlusses ließ Herr Thiers noch an demselben Abend eine Botschaft an die Versammlung gelangen, durch welche er seine Entlassung als Präsident der Republik beantragte.

Die Nationalversammlung nahm dieses Gesuch ohne Zögern an; ein Antrag, die Demission nicht anzunehmen, wurde mit 368 gegen 339 Stimmen zurückgewiesen, und die Versammlung schritt alsbald zur Wahl eines neuen Präsidenten.

Der Marschall Mac Mahon, Herzog von Magenta, wurde mit 390 Stimmen zum Präsidenten gewählt und sofort als solcher ausgerufen.

Noch in derselben Nachtsitzung ging folgendes Schreiben Mac Mahon's an den Präsidenten der Versammlung ein:

»Meine Herren Repräsentanten! Ich gehorche dem Willen der Nationalversammlung, der Trägerin der Souveränetät der Nation, wenn ich das Amt eines Präsidenten der Republik annehme. Eine schwere Verantwortlichkeit wird damit meinem Patriotismus auf-


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erlegt; aber unter dem Beistande Gottes werden wir, gestützt auf die Ergebenheit der Armee, die immer eine Armee des Gesetzes sein wird, und auf die Sympathien aller ehrlichen Leute, gemeinschaftlich das Werk der Befreiung unseres Landes und die Wiederherstellung der moralischen Ordnung in unserem Vaterlande vollenden und den inneren Frieden und die Grundsätze, auf welche die Gesellschaft gegründet ist, aufrecht erhalten. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort als ehrlicher Mann und Soldat.«

Der neue Präsident der Republik setzte unverweilt ein neues Ministerium ein, an dessen Spitze der Herzog von Broglie steht und dessen Mitglieder den drei monarchischen Parteien (Legitimisten, Orleanisten und Bonapartisten) angehören.

Die Regierungsveränderung vollzog sich unter vollkommener äußerer Ruhe. Die Führer der radikalen Partei erließen einen Aufruf an die Bevölkerung von Paris, in welcher es heißt:

»In der Lage, in welche Frankreich durch die augenblickliche politische Krisis versetzt ist, erscheint es durchaus nothwendig, daß die öffentliche Ordnung nicht gestört wird. Wir beschwören Euch, Alles zu vermeiden, was Veranlassung geben könnte, die Erregung zu steigern. Bleibt ruhig, es handelt sich um das Wohl Frankreichs und der Republik.«

In der That ist die Ruhe bisher weder in Paris, noch in den Provinzen gestört worden.


Die Einsetzung der neuen Regierung in Frankreich, welche sich lediglich auf Grund der inneren Verhältnisse des Landes vollzogen hat, scheint die Beziehungen zum Auslande und namentlich die Erledigung der noch schwebenden Verpflichtungen Deutschland gegenüber nicht zu berühren.

So sehr es als eine politische Ehrenpficht erscheint, grade in dem Augenblicke, wo der bisherige Präsident der französischen Republik unerwartet seine Stellung aufzugeben genöthigt ist, nochmals auszusprechen, wie derselbe durch sein ebenso loyales wie staatsmännisch umsichtiges Verhalten vor Allem dazu beigetragen hat, das Friedenswerk zwischen Frankreich und Deutschland an und für sich und die Ausführung desselben zu beschleunigen, – so liegt es doch der deutschen Regierung jetzt, wie in dem ganzem Verlaufe der letztjährigen Ereignisse fern, ihre Erwägungen und Wünsche in Betreff der Beziehungen zu Frankreich irgendwie auf das Gebiet der inneren Politik des Nachbarlandes auszudehnen.

Unser Verhältniß zu der neuen Regierung Frankreichs wird sich einzig und allein nach der Haltung bestimmen, welche dieselbe zu Deutschland und namentlich in Bezug auf die Erfüllung der übernommenen vertragsmäßigen Verpflichtungen beobachtet. Nach den ersten Ankündigungen ist zu erwarten, daß die jetzige Regierung in dieser Beziehung lediglich die bisherige Politik fortzusetzen Willens ist.

Wenn von verschiedenen Seiten theils die Hoffnung, theils die Besorgniß geäußert wird, daß Frankreich unter der neuen Regierung konfessionellen Gesichtspunkten einen Einfluß auf seine auswärtige Politik einräumen werde, so mag diese Annahme sich auf die Erwägung innerer französischer Parteiverhältnisse gründen. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß dieselben mit irgend welchem Erfolge in Betreff der Stellung Frankreichs in den Fragen der auswärtigen Politik zur Geltung gelangen sollten.

Unter allen Umständen darf Deutschland mit dem Gefühl völliger Sicherheit und Ruhe auf die neue Entwickelung der französischen Verhältnisse blicken.


Verbot der dem Jesuitenorden verwandten Genossenschaften.

Zur Ausführung des Gesetzes über den Orden der Gesellschaft Jesu, nach dessen Bestimmungen auch die demselben verwandten Genossenschaften verboten werden sollen, ist nunmehr durch eine Bekanntmachung des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck der Beschluß des Bundesrathes verkündet worden, daß als solche Genossenschaften folgende vier anzusehen sind: die Redemptoristen, die

Lazaristen, die Priester vom heiligen Geist und die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu (du sacré coeur). Die Niederlassungen dieser Genossenschaften im Gebiete des Deutschen Reiches sollen spätestens binnen sechs Monaten aufgelöst werden.

Diese Beschlußnahme ist in dem vorher erstatteten Bericht des Ausschusses für Justizwesen in Bezug auf die einzelnen Genossenschaften durch folgende Thatsachen begründet.

1) Die Kongregation der Redemptoristen (des heiligsten Erlösers). Dieser Orden, von dem Neapolitaner Alphons Maria Liguori 1734 gegründet und nach ihm auch der Orden der Liguorianer genannt, erhielt die Bestätigung seiner Regeln und Konstitutionen 1749 durch Breve des Papstes Benedikt XIV. Die Ausbreitung des Ordens zunächst nach Polen und demnächst nach Deutschland, Frankreich, Belgien, England u. s. w. erfolgte zu Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts, mithin zu einer Zeit, wo der Jesuitenorden aufgehoben war. Niederlassungen der Redemptoristen befinden sich in Preußen zu Trier, wo der Superior provincialis residirt, zu Kloster Hamikolt (Reg.-Bez. Münster), zu Aachen und zu Bornhofen, ferner vielfach in Bayern.

Die Redemptoristen sind schon im Laufe des vorigen Jahrhunderts als ein Zweig des Jesuitenordens betrachtet worden. Ihre Verwandtschaft mit dem letzteren läßt sich nicht in Abrede stellen.

Ihre Thätigkeit ist auf den zu eigenem Urtheil weniger befähigten, der Einwirkung am leichtesten zugänglichen Theil der Bevölkerung berechnet. Ihre Tendenz hat sich mit der der Jesuiten im Wesentlichen als übereinstimmend erwiesen, die Redemptoristen sind für die ungebildete Landbevölkerung, was die Jesuiten für die gebildeteren Klassen der städtischen Bevölkerung.

Die Ordensregel verlangt von den Mitgliedern der Kongregation unbedingten Gehorsam und faßt den Gehorsam ganz im Sinne des Jesuitenordens als Verläugnung nicht nur des Willens, sondern auch des Urtheils auf.

Auch die Redemptoristen sollen ihren General als Stellvertreter Gottes betrachten.

Die Wirksamkeit des Ordens besteht nach innen in der Ausbildung seiner eigenen Mitglieder für die Ordenszwecke, nach außen aber vornehmlich in Missionen, über deren Abhaltung namentlich auf dem Lande der Rektor zu wachen hat. Namentlich auf die kleineren ländlichen Orte soll das Augenmerk gerichtet werden. Als Mittel für seine Wirksamkeit dienen dem Orden die Predigt, der Beichtstuhl, ferner die Katechisationen und endlich die geistlichen Uebungen, die der Bildungsstufe, dem Alter und Geschlecht angepaßt werden.

Was die Wirksamkeit der Redemptoristen in Preußen betrifft, so halten sie von Bornhofen aus in der Diözese Limburg Volksmissionen ab und nehmen das ganze Jahr hindurch Geistliche und Laien zur Abhaltung geistlicher Exerzitien in ihr dortiges Kloster auf. Sie sind im Gottesdienste und in der Beichte an der dortigen Wallfahrtskirche thätig, welche noch jetzt von sehr zahlreichen Prozessionen und einzelnen Wallfahrern – der amtliche Schematismus der Diözese Limburg für das Jahr 1863 giebt deren Zahl auf 20,000 an – besucht wird. In den Regierungsbezirken Trier, Arnsberg und Münster haben sie sich gleichfalls mit Missionen beschäftigt. Eine in dem letzteren Bezirke im vorigen Sommer beabsichtigte Mission haben sie möglichst geheim gehalten.

Es besteht kaum ein Orden, in dem das Vorbild des Jesuiten-Ordens eine so getreue Nachbildung erfahren hat, wie in den Regeln der Redemptoristen.

2) Die Lazaristen sind von einem französischen Geistlichen Vincent de Paul zum Seelenheile des Landvolkes und der niederen Stände 1624 gegründet. Sie erhielten als Residenz das Kollegium St. Lazare in Paris, daher der Name Lazaristen.

Dieselben haben in Preußen Niederlassungen in Cöln, Neuß und Münstereifel, wohin sie von dem Erzbischof von Cöln, Kardinal Geißel, vor den Jesuiten zur Leitung im Knabenkonvikt berufen wurden und wo sie noch heute, zwar nicht mehr mit dem Unterrichte selbst, aber mit der Beaufsichtigung und der häuslichen Erziehung betraut sind. Außerdem haben sie im Regierungsbezirk Cöln die Leitung des Pensionats in der Ritterakademie zu Bedburg. Die Lazaristen in Cöln werden von dem Erzbischofe zur Aushülfe in der Seelsorge verwendet. Aus der Cölner Niederlassung residiren Lazaristen zu Malmedy, ferner in Heiligenstadt (Regierungsbezirk Erfurt), wo sie zur Beaufsichtigung der Zöglinge im Seminarium Bonifacium verwendet werden, sich aber außerdem mit Beichtehören beschäftigen. In gleicher Eigenschaft als Erzieher und Hausväter fungiren Lazaristen im bischöflichen Konvikt zu Hildesheim. Auch in den östlichen Provinzen Preußens sind die Lazaristen verbreitet. Zu Kloster Springborn, im Kreise Heilsberg, verwalten sie seit etwa 1869 im Auftrage des Bischofs von Ermeland die Demeritenanstalt (Korrektionshaus für Geistliche, die ihrem Berufe untreu geworden), halten aber auch in den umliegenden Kreisen Missionen ab. Endlich versehen in Kulm, wo ein Provinzial-Oberer zu residiren scheint, Mitglieder derselben Kongregation kraft Auftrags des dortigen Bischofs, den Gottesdienst an der Anstaltskirche der Barmherzigen Schwestern und verwalten die Seelsorge über das Personal des Instituts und der in demselben verpflegten Kranken.

Der Wirkungskreis der Lazaristen ist erheblich umfassender als der der Redemptoristen. Ueber ihre Organisation geben die Regeln


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oder Konstitutionen der Kongregation nur ein allgemeines Bild. Doch ist soviel zu ersehen, daß sie eine den Jesuiten ähnliche Organisation besitzen. Es steht fest, daß die in Deutschland befindlichen Brüder bisher von dem General-Superior in Paris vollständig abhängig waren.

Auch die Loslösung des Lazaristen von den Banden der Familie und des Vaterlandes entspricht dem Vorbilde des Jesuitenordens.

Die Wirksamkeit der Lazaristen ist ebensowohl auf Erziehung und Unterricht der Jugend, als auf Abhaltung von Missionen gerichtet, bei welchen letzteren Beichtstuhl und geistliche Exerzitien eine hervorragende Rolle spielen. Sie sind daher in der Lage, mit denselben Mitteln wie die Jesuiten auf die Bevölkerung zu wirken.

Bemerkenswerth ist, daß die Regel der Redemptoristen den letzteren die Haltung der geistlichen Uebungen an Orten nicht gestattet, wo Niederlassungen der Lazaristen sich befinden.

Diese Gleichstellung der Lazaristen mit den Redemptoristen spricht nach der Ansicht des Ausschusses um so mehr für die Ausschließung auch der Lazaristen, indem die Gefahr vorliegt, daß nach der Beseitigung der Jesuiten auch die Lazaristen in die Erbschaft derselben eintreten werden.

3) Die Kongregation vom heiligen Geist von dem französischen Geistlichen Des Places gegründet, erhielt 1855 auf päpstliche Anordnung die Bestätigung der Ordensregeln in ihrer gegenwärtigen Gestalt.

Die Kongregation hat in Preußen eine Niederlassung zu Marienthal (Regierungsbezirk Coblenz) und hier in Folge erzbischöflicher Bewilligung die Leitung der Demeriten-Anstalt. Im Uebrigen dienen sie als Hülfsgeistliche, indem sie in der Klosterkirche und in anderen Kirchen, wohin sie zur Aushülfe berufen werden, den Gottesdienst halten und predigen, auch den Religionsunterricht in der Elementarschule versehen. Eine zweite Niederlassung befindet sich in der, dem Bischof von Limburg zur Errichtung einer Diözesan-Rettungs-Anstalt für verwahrloste katholische Knaben überwiesenen Cistereienser-Abtei Marienstadt.

Die aus den Regeln ersichtliche Organisation entspricht in wesentlichen Beziehungen dem jesuitischen Vorbilde. An der Spitze steht ein General (Superior Generalis), welcher in dem Mutterhause zu Chevilly oder zu Paris residirt. Er wird von dem General-Kapitel gewählt, bedarf aber der päpstlichen Bestätigung. Dem General unterstellt sind die Provinzialen, von denen die Regel sagt, daß sie von dem General absolut abhängig sind.

Die Lehre vom Gehorsam ist dem Muster des Jesuitenordens nachgebildet. Auch die Stellvertretung Gottes durch den Obern ist ausgesprochen und zugleich mit dem Zusatze anerkannt, daß die Oberen für ihre Untergebenen die Verantwortlichkeit tragen. Der ganze Verfassungsbau ist so konstruirt, daß er dem Oberen eine sehr weit gehende Macht einräumt, der General und dessen Beiräthe aber befinden sich im Auslande und werden in der Regel auch Ausländer sein.

Vorstehende Gründe in Verbindung mit den Zwecken der Gesellschaft haben den Ausschuß zu der Ansicht bestimmt, daß die Kongregation von dem heiligen Geiste als den Jesuiten verwandt anzusehen sei. Für das Verbot fiel ferner der Umstand ins Gewicht, daß die Kongregation wegen ihrer umfassenden Zwecke in besonderem Maße geeignet erscheint, den Bestrebungen des im Deutschen Reiche aufgehobenen Jesuitenordens eine Zufluchtsstätte zu gewähren.

4) Die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu (du sacré coeur). In Betreff der weiblichen Orden ist ebensowohl von denjenigen, welche lediglich der Aszese gewidmet sind, als denjenigen, welche sich vorzugsweise mit Werken der Barmherzigkeit (Armen-, Krankenpflege u. s. w.) befassen, von vorneherein abgesehen worden. Wenn auch bei ihrer Thätigkeit die Verbreitung von Anschauungen, welche dem Jesuitenorden entlehnt sind, nicht ausgeschlossen bleiben mag, so ist doch eine derartige Einwirkung in engere Kreise gewiesen, und trägt daher an und für sich nicht den Charakter besonderer Gemeingefährlichkeit. Insoweit aber die Erziehung und der Unterricht der weiblichen Jugend den Zweck der Verbindung bildet, erscheinen auch weibliche Orden zur Verfolgung der Tendenzen des Jesuitenordens besonders geeignet, weil ihre Einwirkung auf Personen gerichtet ist, welche wegen ihres Alters schädlichen Einflüssen leicht zugänglich sind. Es liegt auf der Hand, daß der Staat gerade an der Erziehung der weiblichen Jugend mit Rücksicht auf das künftige Familienleben ein erhebliches Interesse besitzt. Für die Frage nach der Verwandtschaft mit den Jesuiten kommen daher diejenigen religiösen Frauen-Genossenschaften, welche Unterrichtszwecke verfolgen, wesentlich in Betracht, und es müssen diejenigen, welche den Jesuiten als Werkzeuge dienen und namentlich von ihnen beherrscht oder geleitet werden, wegen ihrer Gemeinschädlichkeit den Jesuiten an die Seite gestellt werden.

Von diesem Gesichtspunkte aus mußte die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu (du sacré coeur) vor Allem in Betracht kommen.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich gestiftet, verbreitete sich dieselbe nach der Schweiz, Italien, Polen, Belgien, Deutschland, England und Nordamerika. Sie hat in Preußen eine Niederlassung,

verbunden mit Noviziat und Pensionat, in der Vorstadt Ueberwasser bei Münster und ein Pensionat nebst Armenschule zu Oberwilda bei Posen. Außerdem befinden sich Niederlassungen in Kintzheim (Ober-Elsaß) und in Montigny bei Metz.

Amtlich ist berichtet, daß der Orden direkt von den Jesuiten gestiftet sei und von dem Pariser Mutterhause aus, an dessen Spitze die General-Oberin steht, durch die Jesuiten geleitet werde. Die Dames du sacré coeur seien unter den Frauenorden die eigentlichen Jesuitinnen und ständen hinter den Jesuiten nicht zurück in Verfolgung der am weitesten gehenden Zwecke dieses Ordens; sie seien eben so gefährlich wie dieser, durch Abtödtung aller Gefühle für Eltern und Vaterland, durch Vergötterung des Papstes und Frankreichs.

Die Gehorsamspflicht der Gesellschaft ist diejenige des Jesuitenordens. In den Vorgesetzten sollen sie die Person Jesus Christi erkennen und deren Befehle, Ansichten und Reprimanden, als erhielten sie dieselben unmittelbar von Jesus Christus, entgegennehmen. Eine Einschränkung des Gehorsams durch den Vorbehalt der Sünde ist nicht ausgesprochen, vielmehr kann die General-Oberin Befehle mit der Wirkung ertheilen, daß die Nichtbefolgung als Sünde gestraft wird.

Die Wirksamkeit der Gesellschaft umfaßt besonders die Erziehung von jugendlichen Pensionärinnen, den Unterricht armer Kinder und die Abhaltung geistlicher Uebungen, welche den Frauen der höheren Gesellschaft möglichst erleichtet wird. Die Erziehung junger Mädchen aus vornehmen Familien ist die Hauptaufgabe. Um dieselbe erfolgreicher und unabhängiger von äußeren Einflüssen erfüllen zu können, soll die Erziehung nur in Pensionaten geschehen, von denen andere Schülerinnen ausgeschlossen sind. Die Lehrschwestern sollen als höchsten Zweck die Verbreitung des katholischen Glaubens festhalten und nicht blos die Liebe zur katholischen Kirche, sondern auch den Gehorsam gegen den Papst, den Stellvertreter Christi, einprägen. Zu diesem Behufe sollen die Schülerinnen zu religiösen Uebungen, Gewissenserforschungen u. s. w. angehalten werden. Der Erfolg einer solchen Erziehung; kann kein anderer sein, als eine den Anforderungen des Ordens der Gesellschaft Jesu in allem dienstbereite Frömmigkeit und die Verkümmerung der Selbstständigkeit des eigenen Urtheils und des Willens. Der Zweck derselben ist somit derselbe, den die Erziehungsmethode der Jesuiten, das Vorbild der Genossenschaft, erstrebt.

Deshalb mußte die Gesellschaft des Sacré coeur als eine den Jesuiten verwandte Kongregation erkannt werden.


Unser Kaiser und König, dessen jüngstes Unwohlsein vollständig geschwunden ist, hat in diesen Tagen den großen Frühjahrsparaden der Berlin-Spandauer Garnison auf dem Tempelhofer, und der Potsdamer auf dem Bornstädter Felde beigewohnt. Am 24. gab Se. Majestät zur Feier des Geburtstages Ihrer Majestät der Königin Victoria im Königlichen Palais ein Galadiner, an welchem auch die beiden ältesten Söhne des Kronprinzlichen Paares Theil nahmen. Am 26. d. fand ein größeres militärisches Diner im Weißen Saale des Königlichen Schlosses, wie alljährlich am Tage der großen Berliner Frühjahrsparade, statt.


Ihre Majestät die Kaiserin Augusta wird nach neueren Bestimmungen am 2. oder 3. Juni nach Berlin zurückkehren.


Unser kronprinzliches Paar hat die letzte Woche in Venedig zugebracht, wo es vielfach herzlichen Verkehr mit dem Kronprinzen Humbert und dem Prinzen Amadeus von Italien gepflogen hat. Ihre Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten werden Ende dieser Woche in Berlin wieder eintreffen.


Der Schah von Persien wird nach den neueren Bestimmungen schon am Sonnabend (31.) zum Besuche am Hofe unseres Kaisers eintreffen. Die Ankunft desselben an der preußischen Grenze zu Eydtkuhnen erfolgt am Freitag (30.) früh, in Königsberg Nachmittags um 2 Uhr. Daselbst findet Empfang am Bahnhofe statt, von wo der Schah sich ins Königliche Schloß begiebt. Die Abreise von Königsberg erfolgt Sonnabend früh, die Ankunft in Kreuz, woselbst ein Frühstück eingenommen wird, um 1 Uhr, die Ankunft in Berlin auf dem Ostbahnhof nach ½6. Von da begiebt sich der Schah auf der Verbindungsbahn nach dem Potsdamer Bahnhof, woselbst der feierliche Empfang stattfindet.

Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers und Königs sollen dem Schah während seines Aufenthalts in Preußen überall die Ehrenbezeugungen in voller Ausdehnung zu Theil werden, welche für den feierlichen Empfang und die Begleitung fremder Souveräne vorgeschrieben sind.


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